Die acht Top-Trends im Reich der Mitte.
Die Volksrepublik China hat sich in den letzten Jahrzehnten dynamisch entwickelt, stellt nun die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt dar und hat auch weitere mittel- und langfristige Ziele für die Transformation der Wirtschaft. Nach Jahren des Ausbaus von Infrastruktur und der Immobilienwirtschaft und als „billige Werkbank für die Welt“ muss China sein Wachstumsmodell allerdings anpassen. Denn das Land ist mit Herausforderungen wie einer stagnierenden und alternden Bevölkerung, einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, einer Immobilienkrise, drohender Deflation, einer flauen Weltwirtschaft und geopolitischen Spannungen konfrontiert. Ob China damit im Jahr 2024 das erklärte Wachstumsziel von fünf Prozent so wie im Vorjahr wieder erreichen kann, ist fraglich. Im Fokus der Regierung steht aktuell die Wiederbelebung des Konsums, die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und die Förderung von Innnovation und Technologien.
Die EU ist Chinas wichtigster Handelspartner
Die Importe der EU aus China sind 2022 rasant um 32 Prozent auf 626 Mrd. Euro gestiegen, während die EU-Exporte nach China 2022 um drei Prozent auf 230,3 Mrd. Euro zulegen. Dies ist für die österreichische Wirtschaft relevant, entweder um Produkte oder Dienstleistungen an chinesische Abnehmer*innen anpassen zu können oder sich als österreichische Firma darauf einzustellen, welche Trends und Innovationen „made in China“ auch für das eigene Geschäft in Österreich oder Drittmärkten wichtig sein werden. Das sind sie:
1. Konsum und Dienstleistungen – „Duale Zirkulation“
In China gerät der Absatz von Elektroautos, Konsumgütern und Industrieprodukten ins Stocken. Die Staatsunternehmen haben Überkapazitäten aufgebaut, die nun auch im Ausland abgesetzt werden sollen. Vor allem die europäische Auto-, Textil- und Spielzeugindustrie haben mit der Billigkonkurrenz zu kämpfen.
Allerdings orientiert sich die von der Pekinger Regierung propagierte „Duale Zirkulation“ zusehends weniger an einem export- und investitionsgetriebenen als an einem innerhalb Chinas erzielbaren konsum- und dienstleistungsgetriebenen Wachstumsmodell. China ist längst nicht mehr die Werkbank der Welt. Produziert wird vermehrt „in China für China“, die Produktion von Billigprodukten verlagert sich in Länder mit niedrigeren Lohnkosten. Die Konsequenzen von Covid-19, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem Handelskonflikt Chinas mit den USA haben auch in China die Abhängigkeit von ausländischen Vorlieferanten in der Lieferkette, insbesondere bei importierten High-Tech-Produkten, aufgezeigt. Entsprechend strebt China in einigen Bereichen wie der Lebensmittelproduktion oder der Halbleitererzeugung eine hohe Autonomie an.
2. Fokus auf Gesundheit, Life Science und Pharmazeutika
Die Covid-Pandemie hat die Grenzen des Systems der Gesundheitsversorgung aufgezeigt. Die rasant alternde Gesellschaft stellt eine weitere große Herausforderung dar. China wird in den nächsten Jahren massiv im Gesundheitssektor investieren müssen, vor allem in noch weniger entwickelten ländlichen Gebieten. Die Sektoren Medizintechnik, Life Science und Pharmazeutika werden boomen. Ein neues Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung motiviert viele, sich sportlich zu betätigen, sich gesünder zu ernähren und sich öfter mal in der Nähe zu erholen.
3. China bekennt sich zur Klimaneutralität
China hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2060 klimaneutral zu sein. Auch wenn aktuell die Energiesicherheit im Vordergrund steht und daher auch noch Kohlekraftwerke gebaut werden, soll der Höhepunkt der Emissionen 2030 überschritten sein und danach die Emissionsreduktion und die Förderung von Innovationen im Umwelt-, Bau- und Mobilitätsbereich Vorrang haben. Damit werden bedeutende Investitionen in die Entwicklung von erneuerbaren Energien und den Umweltsektor allgemein verbunden sein.
Ein aktueller Bericht des finnischen Klimaforschungsinstituts „Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA)“ zeigt, dass bereits 2023 grüne Investitionen zu 40 Prozent für die Zunahme der gesamten Wirtschaftsleistung der Volksrepublik verantwortlich zeichneten. Dazu zählt das Institut neben Anlagen für Wind- und Sonnenenergie auch E-Autos, Schieneninfrastruktur, Energiespeicher und Effizienzmaßnahmen, Wasserkraft, aber auch Kernenergie. Das Label „erneuerbar“ für Atomkraft ist allerdings umstritten.
4. Urbanisierung und Entwicklung des ländlichen Raums
Die nachhaltige Entwicklung der schnell wachsenden Städte ist ein zentrales Anliegen der chinesischen Regierung. Dies erfordert die Schaffung neuer Infrastrukturen und schnellere interregionale Verkehrsverbindungen. Smart-City-Konzepte spielen dabei eine wichtige Rolle, wie z.B. für Transportsysteme, die Wasser- und Abwasserversorgung und die Abfallverwertung. Österreichische Kommunaltechnologien müssen an die besonderen Bedingungen in chinesischen Megastädten angepasst werden. Andererseits sollen die Modernisierung der Landwirtschaft und Investitionen in den Tourismussektor die Entwicklung des ländlichen Raums vorantreiben.
5. Produktivitätszuwächse und Innovationsdruck
Der im Allgemeinen hohe Aufwand für Entwicklungen immer anspruchsvollerer Produkte erhöht den Bedarf an Lieferungen und arbeitsteiligen Kooperationen im Bereich neuer Technologien. Die zunehmende Fertigungstiefe der chinesischen Industrie und der Fokus auf die Industriemodernisierung und -digitalisierung im aktuellen Fünfjahresplan macht auch China zu einem Hoffnungsmarkt für Anbieter von Nischentechnologien. Neue Technologien, die die Produktivität steigern und Kosten senken, sind gefragt. Der immense Technologie- und Innovationsdruck bietet neue Chancen für österreichische Nischenanbieter, Zulieferer und Start-ups.
6. Digitalisierung (inkl. E-Commerce) und Innovationen
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund von internationalen Handelskonflikten will sich China weiter an die globale Technologieführerschaft herantasten und unabhängiger werden. Das Land der Mitte investiert deshalb kräftig in die digitale Forschung und den Ausbau der Chipindustrie und 5G-Netzwerken. Ein zentraler Fokus des 14. Fünfjahresplanes liegt auf den Bereichen digitale Technologien, Blockchain und der Einführung des E-Yuans. Post Covid-19 erfasst die Digitalisierung immer öfter auch B2B-Prozesse. Kleine Unternehmen steigen dauerhaft auf die Nutzung digitaler Kommunikations- und Vertriebskanäle um, bereits heute wird jeder vierte Einzelhandelsumsatz online getätigt.
7. Handelskonflikte
Handelspolitisch gibt es für China derzeit großen Abstimmungsbedarf mit wichtigen Partner*innen. Österreich und China selbst unterhalten nach offiziellen Gesprächen im Jahr 2019 eine „freundliche und strategische Partnerschaft“ miteinander. Für die Europäische Union insgesamt ist die Volksrepublik gleichzeitig ein „Partner, Wettbewerber und Rivale“. EU-Verfahren wegen angeblicher subventionierter Produkte made in China, wie bei Elektrofahrzeugen, sorgen in China für Besorgung. Einen Handelskonflikt gibt es derzeit mit den USA, die das riesige Handelsbilanzdefizit mit China verringern möchte und China im Technologiebereich unfaire Bedingungen vorwirft.
8. Auslandsengagement und globales Auftreten Chinas
Die zunehmende Integration der asiatischen Märkte, an der auch China über bilaterale und multilaterale Freihandelsabkommen partizipiert, wird die Marktchancen chinesischer Unternehmen verbessern. Darüber hinaus gibt es auch im Zuge der neuen Seidenstraße („Belt and Road Initiative“) ein weiteres Geschäftspotenzial fast in der ganzen Welt. Chinesische Firmen werden dabei nicht nur bei Infrastrukturprojekten, sondern auch allgemein verstärkt als Auslandsinvestoren auftreten.
Franz Rößler
Franz Rößler ist Regionalmanager Asien/Ozeanien der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA der Wirtschaftskammer Österreich.