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ESG nach dem Omnibus: Weniger Reporting, aber mehr Investitionen

Eine Studie der Hochschule Luzern zeigt, dass Unternehmen Nachhaltigkeit als Teil ihres Geschäftsmodells sehen.

Regulierungen wurden – vorübergehend – gelockert, die Unternehmen investieren trotzdem weiter in Nachhaltigkeit. Das Geld wandert allerdings nicht überall dorthin, wo die grössten Risiken liegen. Besonders bei Klimarisiken und Kreislaufwirtschaft klaffen Anspruch und Umsetzung auseinander. Das zeigt die Studie „Vom Reporting zur Resilienz. ESG Reporting Studie 2026“ von Ute Laun, Melanie Fürch und Manuel Gesslein, Wissenschaftler*innen am Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern.

Weniger Berichtspflichten, weniger Aufwand, weniger Bemühungen Klimaschutz im Unternehmen voranzutreiben.? Die „ESG Reporting Studie 2026“ zeichnet ein anderes Bild. „83,3 Prozent der befragten Unternehmen investieren weiterhin auf gleichem oder höherem Niveau in Nachhaltigkeit. Digitalisierung und Automatisierung können helfen, Ressourcen von der Datenerhebung ins eigentliche Nachhaltigkeitsmanagement zu verschieben – dorthin, wo Wirkung entsteht.“ Das Geld wird also anders eingesetzt.

An erster Stelle stehen Dekarbonisierung, Datenmanagement und Automatisierung sowie Energieeffizienz. Nachhaltigkeit verschiebt sich damit aus dem Reporting näher an die operative Wertschöpfung. Mit Omnibus wurden Unternehmen von kurzfristigen regulatorischen Pflichten entlastet, das hat zu einer Neukalibrierung der ESG-Prioritäten geführt. Ressourcen, die bisher vor allem in Berichterstattung gebunden waren, können für Projekte mit ökonomischem, ökologischem oder sozialem Impact eingesetzt werden.

CO₂-Reduktion wird zur Kostenfrage

CO₂-Emissionen werden zunehmend als Kostenfaktor gesehen. Wer Energie und Ressourcen effizienter einsetzt, kann gleichzeitig Emissionen und Kosten senken. Damit verändert sich die Logik der Nachhaltigkeitsinvestitionen. Regulierung bleibt ein Treiber. Doch Marktanforderungen und ökonomische Notwendigkeiten gewinnen an Gewicht.

Das zeigt sich auch bei den Anforderungen von Kund*innen und anderen Unternehmen. Sie verlangen zunehmend CO₂-Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Für Unternehmen bedeutet das: Eine belastbare Treibhausgasbilanz wird nicht nur für den eigenen Bericht gebraucht. Sie wird Teil der Geschäftsbeziehung.

Und genau hier wird es herausfordernd: Die Daten sind da – aber häufig noch nicht in der notwendigen Qualität verfügbar. Weder für den Austausch entlang der Lieferketten, noch für die eigene Berichterstattung: Viele Unternehmen haben noch keine konsolidierte Grundlage, auf der Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten integriert verarbeitet werden können.

Das hat eine paradoxe Konsequenz: Für einen Teil der Unternehmen hat Datenmanagement durch die Lockerung der Regulatorik an Dringlichkeit verloren. Gleichzeitig wird es für die Unternehmenssteuerung zunehmend relevanter.

Dazu kommt ein fragmentierter Markt von Zertifizierungs-, Rating- und Reportingplattformen. Auch die Erwartungen von Geschäftspartner*innen sind unterschiedlich. Unternehmen müssen Daten deshalb mehrfach und in unterschiedlichen Strukturen bereitstellen. Das erhöht den Aufwand und erschwert die Vergleichbarkeit.

Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr nur: Welche Daten müssen Unternehmen berichten? Sondern: Welche Daten brauchen sie, um bessere Entscheidungen zu treffen?

Das Klimarisiko steht auf der Agenda – aber nicht im Zentrum

Rund zwei Drittel der Unternehmen haben Klimarisiken auf ihrer Agenda. Meist allerdings nur mit mittlerer Priorität. Nur etwa ein Drittel führt systematische Klimaszenario-Analysen durch. Statt ganzheitlicher Szenarien dominieren punktuelle Risikoanalysen. Quantitative Methoden kommen nur selten zum Einsatz.

Dabei ist die Betroffenheit konkret. Unternehmen sehen ihr Geschäftsmodell bereits durch physische Risiken wie Extremwetter gefährdet. Hinzu kommen Transitionsrisiken – etwa durch Regulierung, CO₂-Kosten und veränderte Marktanforderungen.

In der Studie heißt es: „Klimarisiken werden erkannt, aber nicht ausreichend operationalisiert – ein Risiko für die zukünftige Resilienz der Unternehmen.“

Kreislaufwirtschaft: viel Potenzial, wenig Infrastruktur

Die Bedeutung von Kreislaufwirtschaft wurde zwar erkannt: Kreislaufprozesse können den Carbon Footprint senken, Ressourcen effizienter nutzen, Materialkosten reduzieren und Lieferketten resilienter machen. Die dafür notwendigen Investitionen fehlen aber noch weitgehend. Die Ursache dafür liegt laut Studie aber nicht allein bei der Unternehmenssteuerung. Es fehlt an einer koordinierten Förderpolitik und an unterstützender Infrastruktur auf gesamtwirtschaftlicher Ebene.

Dabei werden diese umso relevanter, je mehr produktbezogene Anforderungen es gibt, so zum Beispiel die Verpackungsrichtlinie PPWR, die Ökodesignverordnung und der Digitale Produktpass.

Für ein kreislauffähiges Produktdesign, Materialien, Lieferung  und Rücknahmeprozesse werden Kooperationen und Strukturen entlang der Wertschöpfungskette benötigt.

Der Mensch wird zum Resilienzfaktor

Eine hohe Priorität hat dagegen ein Thema, das in der ESG-Debatte häufig weniger sichtbar ist: Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Der Schutz des sogenannten Humankapitals wird in der Studie nicht nur als unternehmerische Verantwortung verstanden. Gerade angesichts von Künstlicher Intelligenz wird Expertise, kritisches Know-how und Reflexionsfähigkeit zum Resilienzfaktor.

Auch hier wird Nachhaltigkeit ökonomisch gelesen. Prävention soll nicht nur Schäden vermeiden, sondern die Kosten des Nicht-Handelns reduzieren. Damit zeichnet sich ein Muster ab: Dorthin, wo Maßnahmen unmittelbar zu weniger Kosten, mehr Effizienz oder besserer Kontinuität führt, fließt eher Geld. Schwieriger wird es bei Themen, deren Nutzen langfristiger oder systemischer sichtbar wird.

Blick auf künftige Maßnahmen

Die ESG Reporting Studie 2026 wird also kein Rückzug der Unternehmen aus dem Bereich der Nachhaltigkeit festgestellt, der Blickwinkel hat sich aber verschoben. Compliance, Arbeitssicherheit und Emissionsreduktion werden wichtiger. Gleichzeitig haben Unternehmen Netto-Null, Biodiversität, Klimarisiken und Kreislaufwirtschaft zwar im Blick, aber nicht ausreichend dotiert – obwohl ihre strategische Bedeutung hoch ist.

In der Studie heißt es nichtsdestotrotz: „Nachhaltigkeit entwickelt sich damit klar von einem Reporting-Thema zu einem unternehmensweiten Transformations- und Steuerungsthema – getrieben nicht nur durch Regulierung, sondern zunehmend durch Märkte, Kosten- und Resilienzüberlegungen.“

Die Frage für 2026 ist damit nicht mehr, ob Unternehmen ESG-Maßnahmen setzen, sondern was sie damit wirtschaftlich bewirken wollen.

„Vom Reporting zur Resilienz. ESG Reporting Studie 2026“ wurde von Ute Laun, Dozentin und Projektleiterin sowie Sustainability Accounting Lead am Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern, Melanie Fürch und Manuel Gesslein, beide wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, verfasst.

Die Studie zum Download