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Was trägt die Baustoff-Produktion zur CO2-Reduktion bei? Inwiefern behindern sie Rahmenbedingungen und die Bürokratie dabei? Welche Regularien machen wenig Sinn – welche aber schon? Darüber spricht Peter Giffinger mit Martina Madner, Chefredakteurin der BUSINESSART.

Mann um die 50 mit grauem Bürstenschnitt und Brille, trägt hellblaues Hemd mit offenem Kragen. Er sitzt an einem schwarzen Tisch und gestikuliert im Gespräch. Links vom Bild im Weißbereich steht:
Foto: Kristin Allwinger

BUSINESSART: Der Bau verursacht nach dem Verkehr am zweitmeisten CO2 . Wo muss die Baustoffproduktion ansetzen, um klimaneutral zu werden?

Peter Giffinger: Nachhaltigkeit im Hochbau würde ich zweigeteilt sehen: Das eine ist die Herstellung von Baustoffen, also die graue Energie, die darin steckt. Der viel größere Hebel liegt aber darin, wie sich Baustoffe während des Lebenszyklus eines Gebäudes auf den Energieverbrauch auswirken.

Wenn man davon ausgeht, dass der Hochbau weltweit für ein Drittel bis 40 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, ist es viel wesentlicher, wie sich die Bauweise und die Baustoffe auf die Nutzung der Gebäude auswirken als die Herstellung der Baustoffe.

Haben Sie ein Beispiel zur Illustration?

Reden wir über Dämmstoffe: Unsere Glaswolle besteht bereits bis zu 80 Prozent aus Altglas. Wir haben nun auch ein natürliches Bindemittel entwickelt, um das Produkt noch ökologischer zu machen. Wenn man diesen Dämmstoff bei der Sanierung eines Gebäudes verwendet, dann ist der CO2-Fußabdruck aus der Produktion durch den geringeren Energieverbrauch in wenigen Monaten Nutzung kompensiert. Die CO2-reduzierende Wirkung entfaltet sich also viel mehr im Gebäude als in der Produktion alleine.

Oder: Wenn ich ein Gebäude mit mehreren Stockwerken aus Beton fertige, brauche ich ein massives Fundament, um diese Last zu tragen. Wenn die Konstruktion schlanker ist, etwa ein Leichtbau mit Hohlwänden, benötigt man weniger Beton dafür und verursacht weniger CO2.

Gehen wir trotzdem mal auf die Baustoffe ein: Wo setzen Sie in der Produktion an, um COzu reduzieren?

Überall, wo das wirtschaftlich möglich ist. Wir monitoren unsere Prozesse. In Bad Aussee, unserer Produktion mit dem größten Energieverbrauch, gibt es ein Online Monitoring System. Prozessingenieur*innen beobachten die Verbräuche in Echtzeit, um unseren Energieeinsatz zu reduzieren.

Im Werk hier in Liesing haben wir – Scope-1- und Scope-2-gemäß (Anm.: Emissionen, die direkt durch die Produktion entstehen sowie indirekte Emissionen, die z. B. ein externer Energie-Bezug verursachen könnte) – die Emissionen auf null reduziert. Wir haben unsere Gasleitung gekappt, haben unsere Prozesse umgestellt. Und haben das Konzernziel, den CO2-Ausstoß bis 2030 um ein Drittel gegenüber 2017 sowie bis 2050 auf null zu reduzieren, ganz klar übererfüllt.

Das Foto zeigt Martina Madner im Gespräch mit Peter Giffinger, sie sitzen an einem Tisch in einem Besprechungsraum. Darunter ein Zitat in rot:
Peter Giffinger und Martina Madner im Interview. Foto: Kristin Allwinger

Was ist Ihr größter Hebel bei Scope-3, also entlang der Lieferkette?

Es ist überraschenderweise nicht der Transport. An erster Stelle stehen Komponenten von Zulieferern, wie zum Beispiel Stahlprofile, die Teil unserer Produkte sind. Gemeinsam mit den Zulieferern analysieren wir, wo wir ansetzen können: beim Produkt, im Prozess oder auch bei der Verpackung. Bei Eimern, in die wir beispielsweise Farbe abfüllen, ist es generell unser Ziel, Recyclingeimer einzusetzen.

Die Industrie muss auch den Ausstieg aus fossilem Gas vorantreiben. Wo sehen Sie da die Alternativen?

Mit einer Prozessoptimierung können wir rund zwei Prozent im Jahr einsparen. Im Konzern wissen wir, wie man industrielle Prozesse eines großen Werks mit einem mittleren Gasbedarf elektrifizieren kann. Zwei unserer Gipskarton-Werke – eines in Norwegen, eines in Kanada – wurden vollständig elektrifiziert. Die Voraussetzungen sind dort allerdings andere: Elektrische Energie ist in Österreich extrem teuer, kostet zum Beispiel das Vierfache des Preises in Kanada.

Wir investieren außerdem mit einem Zeithorizont von etwa 20 Jahren. Dafür braucht es aber Planungssicherheit bei der Energieversorgung. Es steht nicht ausreichend Energie zur Verfügung, um einfach Gas durch Strom zu ersetzen. Außerdem hätte ich dafür nicht den Anschluss. In Österreich gibt es zwar das Ziel, 2040 klimaneutral zu sein, aber weder die Infrastruktur noch Maßnahmen für den Weg dahin sind klar.

Welche Rolle spielt da eigens erzeugte Energie?

Man darf nicht naiv sein: Selbst mit Photovoltaikanlagen mit 800 oder 1.000 Kilowatt-Peak-Leistung auf unseren Dächern können wir nur einen Bruchteil unseres Energieverbrauchs abdecken.

Wie sieht es beim Transport aus, was tun Sie da?

Wir bringen zum Beispiel den Recyclinggips von Stockerau im Waggon nach Bad Aussee. Wir setzen generell auf Bahntransport soweit es geht. Meine Vision ist, dass wir lange Strecken mit der Bahn fahren und die letzte Meile dann elektrifiziert ausliefern, zum Beispiel im urbanen Bereich. Die Kapazitäten der Bahn reichen dafür aber nicht aus. Und sie ist auch um ein Vielfaches teurer als der LKW.

Auch hier fehlen bessere Rahmenbedingungen, die Bundesregierung hat keine Bahnstrategie für den Güterverkehr. Sehr große Unternehmen müssen das selbst in die Hand nehmen, sich Lokomotiven kaufen und sie selbst fahren.

Sie gehen mit dem Standort Österreich hart ins Gericht ...

Es ist ein wirtschaftsfeindliches Umfeld. Die Inflation lag zuletzt deutlich über dem EU-Durchschnitt, das hat Auswirkungen auf die Lebenskosten, Mieten, Personalkosten usw. Wir haben einen Föderalismus, jedes Bundesland gibt andere Rahmenbedingungen vor. Wir haben eine Bürokratie, die überbordend ist. Auch Genehmigungsverfahren dauern sehr lange.

Unsere Recyclinganlage in Stockerau war zum Beispiel eine Brownfield-Investition, wo wir eine bestehende Lagerhalle umgebaut haben. Die Auflagen und die Kosten waren höher, als wenn wir die Anlage auf ein Greenfield gestellt hätten.

Wir produzieren trotzdem regional Produkte für regionale Märkte. Und machen das Beste aus der Situation. Wir haben die österreichischen Unternehmen zu einer Gesellschaft zusammengefasst, restrukturiert, Mitarbeiter*innen reduziert, auch Standorte geschlossen. Jetzt sind wir als Saint-Gobain Austria gut aufgestellt, haben eine Basis zu wachsen. Aber die Rahmenbedingungen dafür sind in Österreich nicht gut.

Gemeinsam mit „Porr Umwelttechnik“ und „Saubermacher Bau Recycling und Entsorgung“ hat „Saint-Gobain Austria“ das Joint Venture „GzG Gipsrecycling“ begründet. Das Werk in Stockerau ist seit Anfang des Jahres in Betrieb. Wo fügt sich das ein?

Gips ist ein wunderbarer Baustoff, der endlos recycelbar ist. Gips besteht aus 20 Prozent Wasser. Wenn er aus dem Bergbau kommt, wird das Wasser ausgetrieben. Aus dem Gipsstein wird Stuckgips und daraus mache ich Gipskartonplatten, dabei kommt die gleiche Menge Wasser wieder hinzu. Damit ist der Gips in der Platte wieder so, wie er aus dem Bergbau kommt. Und wenn man ihn vom Karton trennt, kann man Überschüsse erneut der Produktion zuführen.

Mit unseren Partnern holen wir nun auch den Gips wieder aus dem Rückbau von Gebäuden zurück, bereiten ihn auf und erzeugen wieder Platten.

Es gibt im Moment noch genügend Lagerstätten im Berg, aber sie sind nicht endlos verfügbar. Deshalb nehmen wir unsere Verantwortung wahr und rezyklieren. Damit wird die Lagerstättennutzung verlängert und man braucht keine neuen Flächen aufmachen.

Neue Flächen für den Gipsabbau beeinträchtigen auch die Biodiversität. Was machen Sie, um diese weitgehend zu erhalten?

Man muss sich das so vorstellen: Wir haben eine offene Fläche, die in der Regel immer gleich groß ist und rücken damit weiter. Erde und Humus werden vorne abgetragen und auf die Fläche hinten, auf der bereits einige Meter Gips abgebaut wurden, auf niedrigerem Niveau aufgeschüttet und von Fachleuten wieder rekultiviert.

Wir monitoren das auch wissenschaftlich und haben festgestellt, dass die Biodiversität ein höheres Level hat als zuvor.

Ein Mann in neon-gelber Sicherheitskleidung steht auf dem Dach eins Gebäudes und blickt in die Ferne, im Hintergrund sieht man die flachen Dächer weiterer Gebäude und die Rasenfläche eines Sportplatzes oder Parks.
Peter Giffinger, CEO Austria bei Saint-Gobain Foto: Michael Hetzmannseder

Die Platten bestehen nicht zu 100 Prozent aus Gips-Rezyklat, sondern zu weniger als 50 Prozent. Warum stellen Sie keine reinen Rezyklat-Platten her?

Theoretisch könnten wir auch Platten aus 100 Prozent Recycling-Gips machen, das haben unsere Kolleg*innen in England bereits gemacht. In Österreich gibt es aber kein Regulativ und auch keine Ausschreibungen, die einen Anteil vorgeben. Und interessanterweise auch keine Nachfrage nach reinen Recyclingprodukten.

Um Recyclinggips zu verarbeiten, sind andere Produktionsprozesse erforderlich, an die wir uns schrittweise anpassen. Mit den bestehenden Anlagen kann man etwa 30 bis 40 Prozent Rezyklat einsetzen. Die Beimischung ist außerdem je nach Art der Gipsplatte unterschiedlich, in manchen Produkten höher, in anderen geringer.

Und die Menge, die aus dem Rückbau und aus den Baustellen kommen kann, macht nur ein Drittel der in der Produktion benötigten aus. Wir werden also auch in Zukunft andere Ressourcen brauchen, um unsere Produkte herzustellen.

Recycling wurde ja auch wegen des Deponieverbots für Gipsplatten notwendig. Ist es teurer zu recyceln?

Es ist immer die Frage, wo ich die Kosten sehe und wo nicht. Mein Lieblingsbeispiel:  Warum diskutieren wir nicht über Goldrecycling? Weil wir einen Goldring nie wegschmeißen würden und Gold immer einen Wert hat.

Würden Sie Gips wegschmeißen? Vermutlich ja. Ich habe in den letzten Jahren gelernt: Abfall geht immer den Weg der geringsten Kosten. Wenn es keine Regulative gibt, dann wird er auf die Deponie gekippt und wir entziehen das Material unserer nächsten Generation.

Natürlich ist es teurer, Gips zu sammeln, aufzubereiten, in die Produktion zurückzuführen und Produkte mit den gleichen Qualitätskriterien zu erzeugen, als ihn aus natürlichen Lagerstätten zu gewinnen. Daher braucht es für bestimmte Produkte und Rohstoffe Regularien.

Regularien treiben also die klimafreundliche Transformation von Unternehmen voran?

Nicht alle. Die Idee hinter der verpflichtenden Berichterstattung sollte dazu führen, dass Unternehmen ihre Prozesse nachhaltiger gestalten. Aber wenn sie gezwungen werden, sehr viele – zu viele – KPIs (Anm.: Leistungskennzahlen) zu nennen, bleibt es beim Berichten und der Diskussion darüber. Nachhaltigkeit selbst tritt in den Hintergrund.

Ich bin überzeugt davon, das nachhaltiges Wirtschaften das bessere Businessmodell ist und im Kerngeschäft des Unternehmens verankert sein muss. Bei uns reicht das vom Abbau des Materials über die Produktion und den Einbau in Gebäude bis hin zum Rückbau und dem erneuten Einsatz des Materials. Es geht auch um Risikominimierung, um Employer Branding, um viele weitere sehr relevante Themen, will man ein Unternehmen erfolgreich führen.

Will man Klimaschutzziele erreichen, kostet das etwas. Wer trägt diese Kosten? Die Unternehmen? Auch der Klimawandel mit Dürreschäden oder Überflutungen kostet, auch hier die Frage: Wer soll diese tragen? Die Allgemeinheit? Es stellt sich also die Frage, wie bewertet man solche Kosten und integriert sie in ein funktionierendes Wirtschaftssystem und die Gesellschaft. Eine EU-weite Berichtspflicht hilft da jedenfalls nicht weiter.

Welche Regularien sind in Ihren Augen sinnvoll?

Man kann nicht mit einem Werkzeug alle Branchen und die gesamte Gesellschaft verändern. Ich bin davon überzeugt, dass Holzrecycling beispielsweise anders funktioniert wie ein Gipsrecycling. Jede Branche hat andere Themen und Voraussetzungen. Es braucht Regularien. Aber damit sie sinnvoll sind, sollten sie Hand in Hand mit der Industrie entwickelt werden.

Wie bewerten Sie die Lieferkettenrichtlinie?

Als Gruppe leben wir die Prinzipien des UN Global Compacts (Am.: die weltweit größte Initiative für verantwortungsvolle Unternehmensführung). Wir halten uns natürlich an diese Prinzipien. Wenn aber jedes Unternehmen in der Gruppe in der Lieferkette die gleichen Lieferanten qualifizieren muss und das mehrfach, tausendfach, frage ich mich: Warum gibt es keine Liste mit Lieferanten, die schon einmal qualifiziert wurden? Einen solchen bürokratischen Aufwand zu betreiben, kann nicht sinnvoll sein. Damit hat sich die Nachhaltigkeitsdiskussion nichts Gutes getan. Trotzdem stehe ich hinter der Idee, nachhaltig zu wirtschaften und möchte, dass sie sich durchzusetzt.

Zur Person

Peter Giffinger begann seine Laufbahn bei „Rigips Austria“ im Jahr 1987. 2008 wurde er dort Geschäftsführer. 2016 übernahm er zusätzlich die Leitung von „Saint-Gobain Isover Austria“, 2017 auch von „Weber Terranova“. Anfang 2019 avancierte er zum CEO Austria bei Saint-Gobain und verantwortet heute Marken wie „Ecophon“, „Isover“, „Sageglass“, „Rigips“, „Vetrotech“ und „Weber Terranova“. Die hinter diesen Marken stehenden Unternehmen wurden im Laufe der Zeit Teil des Leichtbau- und Baustoff-Konzerns Saint-Gobain.