Orte gemeinsam gestalten
Was Gemeinden von Ried im Innkreis lernen können
Wie entwickelt sich eine Stadt klimafit, lebenswert und zukunftssicher? Ried im Innkreis suchte die Antworten nicht hinter Amtsmauern, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung. Das Ergebnis: der zweijährige Beteiligungsprozess unter dem Titel „zukunftRIED“, für eine Stadtplanung, die Ideen der Rieder*innen umsetzt.
Die BUSINESSART zeichnete das Projekt gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, kurz ÖGUT, mit einem Umweltpreis aus, denn das Projektteam unter der Leitung von Regina Barth zeigte auf, wie man Ideen der Bürger*innen erfolgreich in die Stadtentwicklung integriert.
Beteiligung braucht Struktur
2021 stellte Bürgermeister Bernhard Zwielehner (ÖVP) eine einfache Frage: „Was ist den Menschen in Ried wichtig?“ Ideen dazu fand man in unterschiedlichen Formaten: bei Zukunftstagen, Workshops, Zukunftsfesten, Straßenaktionen, einer Online-Beteiligung sowie Stadtteilgesprächen. Ergänzt wurde das durch einen per Zufall ausgewählten Bürger*innenrat.
Besonders erfolgreich waren die Stadtteilgespräche. Ried wurde dafür in zehn historische Stadtteile gegliedert. Auf die Frage „Was braucht Ihr Stadtteil?“ gab es 1.500 Rückmeldungen, die fachlich bewertet wurden – von fehlenden Mistkübeln oder Zebrastreifen bis zu langfristigen Visionen, etwa der Verkehrsentlastung in der Innenstadt. Parallel dazu wurden fundierte Analysen zu Mobilität, Klima, Demografie und Stadtentwicklung erstellt. „Jede Idee aus der Bevölkerung wurde ernsthaft bearbeitet und schließlich eingestuft – realistisch, langfristig oder derzeit nicht umsetzbar. Zusätzlich koppelten wir diese Wünsche mit validen Expert*innendaten“, sagt Projektleiterin Regina Barth.
Kommunikation war die größte Herausforderung
Angesprochen auf die größten Herausforderungen sieht Barth mehrere Voraussetzungen für das Gelingen eines solchen Projekts. Eine davon war von Beginn an gegeben: Die gesamte Stadtpolitik stand hinter dem Prozess – parteiübergreifend. Das Zukunftsprofil wurde schließlich nahezu einstimmig beschlossen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor: „Wenn die Politik geschlossen hinter so einem Prozess steht, schafft das Vertrauen.“
Auch bei der Gestaltung des Beteiligungsprozesses setzte die Stadt bewusst auf Offenheit. Statt ins Rathaus lud sie in ein leer stehendes Geschäftslokal, das als „Stadtentwicklungsforum“ zu einer unpolitischen Begegnungszone wurde. Begleitet wurde der Prozess von externen Fachleuten aus Soziologie und Raumplanung: „Eine neutrale Prozessbegleitung ist enorm wichtig.“
Doch selbst mit diesen Voraussetzungen blieb eine zentrale Herausforderung: die Kommunikation. Nicht das Interesse oder die Beteiligung am Projekt erwiesen sich als schwierig, sondern der kontinuierliche Informationsfluss während des gesamten Prozesses. Verwaltung, Politik, Fachplaner*innen, Förderstellen und Bevölkerung mussten laufend informiert bleiben. „Man darf in so einem Prozess niemanden verlieren. Alle müssen wissen, wo man gerade steht“, sagt Barth.
Das galt nicht nur für den Beteiligungsprozess selbst, sondern auch für die Erwartungen an dessen Ergebnisse. Viele Bürger*innen erhofften sich unmittelbar nach der Planung rasche Veränderungen – ganz nach dem Motto: „Morgen wache ich auf und alles hat sich zum Positiven verändert.“ 2025 befand sich die Stadt Ried jedoch im sogenannten Härteausgleich1, weshalb Projekte nur langsam und Schritt für Schritt umgesetzt werden konnten. Umso wichtiger war es, offen zu vermitteln, was kurzfristig möglich war – und was nicht. Transparente Kommunikation half dabei, Enttäuschungen vorzubeugen.
Nichtsdestotrotz wurden die gemeinsam erarbeiteten Ziele langfristig verankert und mit dem Umsetzen begonnen, wo es – auch finanzielle – Handlungsspielräume gab.
1) Härteausgleich: Eine Gemeinde ist verpflichtet, einen strengen Sparkurs zu fahren, wenn sie ihre Pflichtausgaben nicht mehr aus eigener Kraft bezahlen kann und auf finanzielle Unterstützung des Landes angewiesen ist. Ried geriet in den Härteausgleich, weil vorgeschriebene Zahlungen an das Land Oberösterreich für Gesundheit und Soziales den grundsätzlich guten Steuereinnahmen gegenüberstanden. Zudem trägt die Stadt als regionales Zentrum und Bezirkshauptstadt hohe Kosten für Schulen und Freizeiteinrichtungen, die auch vom gesamten Umland genutzt werden, weitgehend allein.
Neue Leitbilder und Herangehensweise
Die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses flossen direkt in das örtliche Entwicklungskonzept sowie in den Flächenwidmungsplan ein. Damit sind zentrale Ziele der Stadtentwicklung langfristig abgesichert.
Im Stadtbild werden erste Ergebnisse sichtbar: Bereits umgesetzt wurden die Renaturierung von Bachläufen, neue Grünräume, attraktivere Fußwege und Radverbindungen sowie die ökologische Aufwertung des Brauereiparks. Neben den räumlichen Spuren sind auch jene der neuen Bürger*inneninitiativen nach wie vor sichtbar. „Grün in die Stadt“ oder der „Interreligiöse Dialog“ sind bis heute aktiv.
Besonders stolz macht Barth, dass sich die Herangehensweise in der Stadtplanung grundsätzlich verändert hat: „Heute wird keine Straße mehr saniert, ohne Bäume, Rad- oder Fußwege mitzudenken. Das war vor 2021 nicht selbstverständlich.“
Lisa Strebinger
TAKE-AWAYS FÜR ANDERE GEMEINDEN
Der Erfolg von „zukunftRIED“ beruht nicht auf spektakulären Einzelprojekten, sondern auf einem konsequent moderierten Prozess. Externe Begleitung, politische Geschlossenheit, vielfältige Beteiligungsformate und eine kontinuierliche Kommunikation schufen Vertrauen. Ebenso entscheidend ist die Verankerung der Ergebnisse in der Raumordnung. Damit wurde aus einer Bürger*innenbeteiligung ein langfristiger Fahrplan für die Stadtentwicklung.
Oder, wie Regina Barth es formuliert: „Das Besondere war, dass wir das Wissen der Bürgerinnen und Bürger mit dem Fachwissen der Expertinnen und Experten zusammengeführt haben. Genau daraus entsteht nachhaltige Stadtentwicklung.“