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Andreas Matthä
Vorstandsvorsitzender ÖBB

Etwa 85 % des CO2-Fußabdrucks eines Urlaubs entstehen durch die An- und Abreise. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sinkt er deutlich - doch die muss es auch geben.

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Andreas Matthä Foto: OEBB_Jakwerth

Die ÖBB sind hier europaweit Vorreiter. Es gibt u.a. Nachtzugverbindungen nach Innsbruck, Basel, Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Rom, Gardasee, Bologna, Brüssel, Amsterdam, Split. Im Dezember kommt noch Paris (via Straßburg) dazu.

BUSINESSART: Herr Matthä, Sie sind mit großer Leidenschaft ÖBB-Generaldirektor. Woher kommt diese Leidenschaft?

Andreas Matthä: Als Vorstandsvorsitzender der ÖBB kann und will man natürlich viel bewegen. Wir halten Österreich in Bewegung. Wir bringen Menschen tagtäglich zur Arbeit und wieder nach Hause und versorgen die Wirtschaft mit Rohstoffen und Waren. Die Menschen in unserem Land verlassen sich seit über 180 Jahren auf die Bahn. Das ist eine große Verantwortung und eine große Herausforderung. Für mich ist die Weiterentwicklung des Bahnsystems in Österreich jedenfalls seit fast 40 Jahren die schönste Aufgabe, die ich mir vorstellen kann.

Die meisten Nachtzugverbindungen sind im letzten Jahrzehnt europaweit gecancelt worden. Sie haben die gegenteilige Richtung eingeschlagen und massiv in den Ausbau investiert. Wieso haben Sie sich dafür entschieden?

Der ÖBB-Nightjet ist mittlerweile vor allem für junge Menschen und für Familien eine gute Alternative zum Flugzeug geworden. Unser umweltfreundliches Angebot liegt voll im Trend: eine Fahrt mit dem Nachtzug verursacht 51-mal weniger CO2 als ein Flug. Das wachsende Bewusstsein für Klimaschutz hat uns natürlich bei der Renaissance des Nachtzugs geholfen, wir haben damit aber auch unser Zielgruppen-Angebot komplettiert und sehen den Nachtzug als interessantes Nischengeschäft und wollen die Zahl unserer Nightjet-Fahrgäste auf 3 Millionen bis 2025 verdoppeln. Deshalb investieren wir auch massiv in dieses Segment und beschaffen in den nächsten Jahren 33 komplett neue Nachtzug-Garnituren.
Gleichzeitig bauen wir durch Kooperationen – unter anderem mit der Deutschen Bahn, den niederländischen Staatsbahnen und der französischen SNCF – unser Nachtzug-Netz stetig aus. Mit Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2021 werden wir eine neue Verbindung von Wien über München und Straßburg nach Paris aufnehmen – und damit quasi den historischen Orient-Express wieder aufleben lassen.

Was waren die größten Hindernisse? Wie haben Sie sie überwunden?

Natürlich ist das Nachtzug-Geschäft auch mit Herausforderungen verbunden. Wir brauchen dafür gute Partner und wir müssen die technischen Hürden im Internationalen Bahnverkehr schrittweise abbauen. Heute ist es viel einfacher, einen Bus von Spanien nach Polen zu fahren als einen Zug. Deswegen setze ich mich als Präsident der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen und Infrastrukturgesellschaften (CER) auch massiv dafür ein, regulatorische Vorschriften und technische Standards für den Bahnverkehr in Europa zu harmonisieren. Gelingt uns dies, können wir schneller mehr Nachtzüge auf Europas Gleise bringen.

Der Klimaschutz erfordert einen massiven Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Was sind Ihre nächsten Schritte? Über welchen Zeithorizont reden wir?

Ja, die Anforderungen sind hoch: Wir wollen einen Beitrag leisten, die Klimakrise zu bekämpfen und die Klimaziele zu erreichen. Die Bahn kann Personen und Güter schnell und in großer Anzahl bzw. Menge umweltfreundlich und energieeffizient transportieren. Um diesen Vorteil optimal nutzen zu können, muss die Bahninfrastruktur weiter ausgebaut werden. Bis 2040 wollen wir die Leistungsfähigkeit des Systems Bahn durch Ausbau, Digitalisierung und moderne Fahrzeuge verdoppeln. Seit 2018 fahren die ÖBB-Züge in Österreich zu 100% mit grünem Strom – und rund ein Drittel davon produzieren wir selbst mit Wasserkraft. Im Sinne der CO2 Reduktion werden wir in Zukunft daher nicht nur das Bahnnetz ausbauen, sondern auch unsere Bahnstrom-Versorgung. Wir werden neue Windkraft- und Photovoltaik Anlagen bauen, die direkt 16,7 Hz Bahnstrom erzeugen und damit wird das System Bahn noch ein Stück klimafreundlicher machen.

Gibt es ein Dilemma zwischen Klimaschutz/Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit?  Wie können Manager*innen diesem Dilemma entkommen?

Dieses Dilemma sehe ich für die ÖBB nicht.

Die ÖBB setzen seit 15 Jahren auf Nachhaltigkeit. Wir haben in unserer Unternehmensstrategie und in unseren Steuerungskennzahlen Nachhaltigkeitsziele fix verankert – und Nachhaltigkeit umfasst bekanntermaßen ökologische Verantwortung genauso, wie soziale und wirtschaftliche Verantwortung. Als öffentliches Unternehmen haben wir einen klaren Versorgungsauftrag – und dementsprechend steht bei uns nicht die Gewinnmaximierung an oberster Stelle, sondern die wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Wir müssen genug verdienen, um investitionsfähig zu bleiben – also um weiter in neue Züge, neue Services und Digitalisierung investieren zu können. Denn nur dann bleibt das System Bahn für die Kund*innen attraktiv. Diese laufende Modernisierung und Attraktivierung ist wiederum die Grundlage, um mehr Menschen in die Bahn und in den öffentlichen Verkehr zu bringen.

Wollten Sie schon immer ins Top-Management?

Ich habe vor fast 40 Jahren bei den ÖBB als Brückenbau- Ingenieur angefangen, später war ich dann Controlling Leiter. Ich hatte das Glück, dass mir meine Vorgesetzten immer wieder neue Entwicklungschancen geboten haben. Ich habe jede neue Aufgabe mit Interesse angenommen und bei jedem Entwicklungsschritt sehr viel gelernt. Beim Einstieg in die ÖBB hätte ich nie zu träumen gewagt, dass ich dieses großartige Unternehmen irgendwann steuern darf.  Die ÖBB in die Zukunft zu führen, ist natürlich ein Traum für einen echten Eisenbahner wie mich.

Was braucht es, um dahin zu kommen?
Begeisterung, Lernbereitschaft Fleiß - und natürlich auch ein Stück weit Glück.

Welche Hürden gab es und wie haben Sie sie überwunden?

In jeder Berufslaufbahn gibt es Hürden – sei es durch organisatorische Änderungen, durch hierarchische Entscheidungen oder auch durch das äußere Marktumfeld. Aber Hürden sind letztlich eine Aufforderung, sie zu meistern und daran zu wachsen.

Was braucht es, um als Top-Manager*in erfolgreich zu sein?

Als Techniker und Controller brauche ich natürlich die Sicherheit von Zahlen. Das richtige Set an – nicht allzu vielen, aber aussagekräftigen – Kennzahlen immer im Blick zu haben, ist für mich die Voraussetzung zur Konzernsteuerung.

Und dann natürlich die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation auf allen Ebenen und große Lernbereitschaft. Im Bahnsektor verändert sich heute durch die Digitalisierung wahnsinnig viel.

Die Bahn macht gerade ihren dritten großen Entwicklungssprung durch – nach dem Dampfbetrieb kam die Elektrifizierung der Bahn und nun erleben wir die Digitalisierung des Bahnsystems. Das wird den gesamten Bahnbetrieb und die Jobprofile im Bahnsektor massiv verändern.
 

Was empfehlen Sie jungen Menschen?

Wenn ich mir persönlich etwas wünschen darf: Machen Sie bitte eine technische Ausbildung! Die ÖBB – und alle anderen Bahnunternehmen in Österreich und in Europa - suchen dringend Techniker*innen in praktisch allen Bereichen – von Bautechnik über Umwelttechnik bis zur Bahntechnik.

Was ist der Leitsatz / das Leitmotiv für Ihres Lebens?

Behandle jeden Menschen respektvoll und höre den Menschen gut zu.
 

Andreas Matthä, Generaldirektor

  • Firma: ÖBB Holding, Wien
  • Branche: Verkehr
  • Anzahl der Mitarbeiter*innen: ~ 42.000 (in Österreich und weiteren 18 Ländern Europas)
  •  www.oebb.at