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Christoph Thun-Hohenstein, MAK

Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit und der Beitrag von Design, Architektur und Kunst ist auch 2020 wieder ein Schwerpunkt im MAK. Fünf aufeinanderfolgende Ausstellungen junger Kreativer sind von Juni bis Dezember im Museum für angewandte Kunst zu sehen.

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Foto: MaK-Mona Heiss

BUSINESSART: Nachhaltigkeit wird in Museen noch kaum thematisiert. Bei Ihnen regelmäßig. Wieso ist das bei Ihnen anders? Was gab den Anstoß?

Christoph Thun-Hohenstein: Ich habe mich schon in früheren Funktionen seit den 1980er-Jahren mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Einen entscheidenden Impuls gab dabei sicherlich der Brundtland-Bericht über nachhaltige Entwicklung, der 1987 erschien, zu einer Zeit, in der ich gerade an der Österreichischen Vertretung bei der UNO in Genf intensiv mit dem so genannten Nord-Süd-Dialog befasst und damit direkt am Puls dieser Thematik eingesetzt war.

Als ich im September 2011 Direktor des MAK wurde, war Nachhaltigkeit neben der Digitalisierung und ihren Auswirkungen ein logischer Schwerpunkt meines Programmansatzes. Dieser Fokus wurde von mir in den folgenden Jahren im Zusammenwirken mit internen und externen Kurator*innen konsequent ausgebaut. Es erfüllt uns alle mit großer Freude, dass wir das MAK hier auch im internationalen Vergleich ganz vorne positionieren konnten.

Besonders stolz sind wir auf das 2019 eröffnete MAK DESIGN LAB und die dazu erarbeitete MAK LAB APP – Nachhaltigkeit spielt bei beiden eine Hauptrolle. Die Umwidmung eines Sonderausstellungsraums zur CREATIVE CLIMATE CARE GALERIE war der folgerichtige nächste Schritt. Es ist großartig, dass wir die entsprechende Bespielung dieser Galerie gemeinsam mit der Universität für angewandte Kunst Wien starten konnten.

Wie haben Sie die Künstler*innen für Nachhaltigkeitsthemen gewonnen?

Die Künstler*innen der vom MAK betreuten Disziplinen sind sich bewusst, dass wir in einer Zeit von Mega-Herausforderungen wie dem Klimawandel leben und grundlegende Weichenstellungen für die Zukunft erforderlich sind, die auch auf maßgebliche Inputs der Künste, speziell Design und Architektur, angewiesen sind. Mit vielen Künstler*innen – ich bezeichne sie gerne als neue Avantgarde – arbeitet das MAK bereits zu Nachhaltigkeitsthemen, andere sind noch in einer Phase der Umorientierung, aber ihr Interesse wächst rasant. Gerade das MAK DESIGN LAB, aber auch die Serie von Pop-up-Ausstellungen zu CLIMATE CARE stoßen auf große Zustimmung.

Wie reagieren die Besucher*innen?

Bei Erstbesucher*innen gibt es vereinzelt welche, die staunen, dass sie eine derart intensive Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit in einem über 155 Jahre alten Museum vorfinden. Umgekehrt – und ich finde das ausgesprochen ermutigend –  gibt es ein höchst interessiertes Publikum quer durch alle Generationen, das genau diese Thematik von uns erwartet, von dem auch die erwähnten Pop-up-Ausstellungen profitieren. Besonders lohnend finde ich generell die inhaltliche Zusammenarbeit mit Schulklassen zu Nachhaltigkeitsfragen.

Wie verbessert Ihre Arbeit die Welt?

Ich bin voller aktiver Hoffnung, dass die Nachhaltigkeitsarbeit des MAK in Österreich und international dazu beiträgt, unsere Welt besser zu machen. Und ich habe kein Problem damit, als Weltverbesserer bezeichnet zu werden – ich nehme das als Kompliment, auch wenn es nicht immer so gemeint sein mag.

Sie sagen, dass sich die Welt seit Jänner 2007 – der Präsentation des ersten iPhones und damit des Beginns des „mobile turn“ unserer Zivilisation – in einer neuen Moderne, der von Ihnen so benannten Digitalen Moderne befindet. Worauf kommt es an, die Digitale Moderne positiv zu gestalten?

Es geht in den kommenden Jahren nicht nur darum, die positiven Potenziale der Digitalisierung, speziell Künstlicher Intelligenz, zu nützen und ihre erheblichen Gefahren zu umschiffen. Es gilt vor allem auch, die Digitale Moderne ökologisch und sozial weiterzuentwickeln, also eine ökologisch und sozial nachhaltige Digitale Moderne zu gestalten.

Wie gelingt es, dafür ein ausreichendes Momentum zu erzielen?

Ich setze da große Stücke auf die EU und die Vision der jetzigen Kommissionspräsidentin, die mit der Digitalisierung und dem Klimaschutz die beiden Hauptherausforderungen unserer Zeit zu ihren Prioritäten erklärt hat. Was Designmuseen und Museen für angewandte Kunst leisten können und müssen, ist, diese komplexen Fragestellungen so verständlich und kreativ aufzubereiten, dass möglichst viele Menschen inspiriert und motiviert werden zu handeln – als Wähler*innen, als Konsument*innen sowie als Bürger-Zukunftsgestalter*innen. Darüber hinaus können Museen mit den kreativen Möglichkeiten der Künste neue Visionen nachhaltiger Zivilisation entwickeln.

Sie haben einen Wunsch frei: Welcher ist das?

Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen in die Lage versetzt werden, sich in die Gestaltung der ökosozialen Digitalen Moderne mit Leidenschaft einzubringen. Schließlich geht es um nichts Geringeres als unsere gemeinsame Zukunft!

Welche Rolle spielen Werte für Ihr Handeln?

Ohne Werte keine nachhaltige Zukunft, denn wir wollen in Demokratien ja keine Öko-Diktatur. Das Bekenntnis zu Werten war auch ein zentraler Beweggrund des MAK und seiner Partnereinrichtungen, die VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019 dem Thema „SCHÖNE NEUE WERTE. Unsere Digitale Welt gestalten“ zu widmen.

Was sind die wichtigsten Werte für Sie?

Ich möchte diese Frage beantworten, indem ich eine Reihe menschlicher Eigenschaften nenne, die wir meines Erachtens für eine nachhaltige Zukunft dringend benötigen: wertschätzend, fürsorglich, gemeinwohlorientiert, kooperativ, visionär, kreativ und co-kreativ, fair, aufrichtig, ganzheitlich, demütig, ideenreich, kundig, offen und tolerant, achtend, verantwortungsvoll, einfühlsam und liebend, teilend, sozial und inklusiv, traditionsbewusst, vertrauensvoll und natürlich – besonders wichtig – nachhaltig!

Was hat sich durch Corona verändert?

Corona hat nicht nur die größte wirtschaftliche Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst, sondern uns auch eine Reihe schmerzhafter Erkenntnisse gebracht, die es beim Wiederaufbau der Wirtschaft und insbesondere des Arbeitsmarktes zu berücksichtigen gilt. Viele von uns waren in einer Dynamik von GRÖSSER, WEITER, SCHNELLER, BILLIGER gefangen, die unsere Lebensqualität eher verringert als erhöht. Was wir wirklich brauchen, ist WENIGER, das aber BESSER, NÄHER und damit NACHHALTIGER! Besonders wichtig ist es auch, die Resilienz unserer Gesellschaft zu stärken, denn menschliche Zivilisation ist fragil und lässt sich durch ein Virus im Handumdrehen aus dem Gleichgewicht bringen. Mega-Herausforderungen wie der beschleunigte Klimawandel, der Verlust von Ökosystemen und Biodiversität sowie die massive Übernutzung unseres Planeten mit allen negativen sozialen Auswirkungen sind in unveränderter Dramatik da und müssen dringend angepackt werden.

Wie wird sich unternehmerisches Handeln verändern?

Unternehmen sollten nicht nur der Gewinnmaximierung verpflichtet sein, sondern auch der Gesellschaft einschließlich des Staates, die ja den Rahmen und die Infrastruktur für das Agieren von Unternehmen schafft. Unternehmerisches Handeln sollte daher sinnstiftend sein. Erfreulicherweise ist in den letzten Jahren eine weltweite Diskussion in Gang gekommen, die bewirken wird, dass neben dem Gewinnstreben der für die Gesellschaft wertvolle Zweck (purpose) des Unternehmens in den Vordergrund rückt und damit auch für die Bewertung des Unternehmens viel relevanter wird. Die Digitalisierung kann hier wichtige Transparenz schaffen, um die vorbildlichen Unternehmen durch gesellschaftliche Wertschätzung und entsprechendes Konsumverhalten zu belohnen und Trittbrettfahrer zu entlarven. Eine Zivilisation ist nur dann zukunftsfähig, wenn die zentralen Werte einer Gesellschaft auch von den dort tätigen Unternehmen beachtet und mitgetragen werden.

Welche Herausforderungen kommen 2021 auf uns zu?

Die größte Herausforderung wird darin bestehen, die Corona-Pandemie entschieden in den Griff zu bekommen und den bereits angelaufenen wirtschaftlichen Wiederaufbau mit ökosozialer Prioritätensetzung zu gestalten. Denn der Klimawandel gewährt uns keine Schonfrist wegen Corona. Die große ökosoziale Transformation muss nun entschlossen umgesetzt werden.

Welche Rolle spielen diese Herausforderungen für Sie und das MAK?

Gerade angewandte Kunstdisziplinen wie Design und Architektur müssen sich mit den zivilisatorischen Mega-Herausforderungen befassen, sonst „produzieren“ sie an unserer Zeit vorbei. Auch entsprechende Impulse von der bildenden Kunst zu erwarten ist legitim. Das hat entsprechende Konsequenzen für ein Museum wie das MAK, das auch für zeitgenössisches Schaffen in diesen Sparten zuständig ist.

Das MAK muss hier proaktiv tätig werden und Plattform, Labor und Treiber solcher Themenstellungen in den von ihm betreuten Sparten sein. Zugleich gilt es natürlich, den eigenen ökologischen Fußabdruck des MAK und seiner Aktivitäten bestmöglich zu reduzieren.

Was ist Ihr Credo für Ihr Leben? 

LESS IS MORE! Diese Mies van der Rohe zugeschriebene Architektur- und Designweisheit erhält meines Erachtens im 21. Jahrhundert übergeordnete Bedeutung. Einfachheit und Beschränkung auf das Wesentliche sind Eckpfeiler einer ganzheitlich orientierten Lebenseinstellung: Wir brauchen weniger Massenkonsum und Wegwerfartikel und müssen uns viel stärker auf nachhaltige und zugleich erschwingliche Qualität konzentrieren. Also weniger Zeug, das aber möglichst lange ressourcenschonend nutzen! Oder noch allgemeiner als tagtäglicher Anspruch: Wieviel „Weltreichweite“ brauche ich für ein glückliches Leben und wie kann ich sie weiter verringern?

Christoph Thun-Hohenstein, Generaldirektor und wissenschaftlicher Geschäftsführer

MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien

Anzahl der Mitarbeiter*innen: 155

www.mak.at

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