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Good Governance gestalten

Warum die doppelte Wesentlichkeitsanalyse in KMU zu Good Governance wird.

kellnerin, die gerade Essen auf einem Teller anrichtet. Ein Ausschnitt, also nur von den Schulern bis zur Hüfte sichtbar.
Für einen Tourismusbetrieb sind möglicherweise nicht hohe Energiepreise, sondern der Fachkräftemangel das größte nachhaltigkeitsbezogene Geschäftsrisiko. Symbolbild: Bberdoedas

Die meisten KMU beschäftigen sich bereits intensiv mit Nachhaltigkeit. Nur nennen sie es selten so. Steigende Energiepreise, Fachkräftemangel, Abhängigkeiten von Lieferant*innen, wachsende Anforderungen von Kund*innen, veränderte Finanzierungsbedingungen – das sind die Themen, die Geschäftsführer*innen kleinerer Unternehmen täglich beschäftigen. Und es sind genau jene Themen, die in der Nachhaltigkeitsdebatte unter Begriffen wie „ökologische Risiken“, „soziale Faktoren“ oder „Governance“ diskutiert werden.

Die Frage ist also nicht: Wie bringt man Nachhaltigkeit in KMU? Die Frage ist: Wie hilft ein strukturierter Blick darauf, Bekanntes besser zu verstehen – und daraus bessere Entscheidungen abzuleiten?

Ein Werkzeug, das mehr kann als Berichte

Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse (DWA) kennen viele nur als Pflichtinstrument großer Unternehmen unter der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)-Berichtspflicht. Dabei beschreibt sie im Kern etwas Einfaches: Ein Unternehmen schaut gleichzeitig in zwei Richtungen. Erstens: Welche Nachhaltigkeitsthemen wirken auf uns ein – durch Kosten, Risiken, Marktveränderungen, Regulierung? Zweitens: Welche Auswirkungen hat unser Unternehmen selbst auf Umwelt und Menschen?

Dieser doppelte Blick – von außen nach innen und von innen nach außen – ist das eigentlich Wertvolle. Nicht als Berichtsinstrument, sondern als Denkbewegung.

Entgegen mancher Kritik zwingt die DWA Unternehmen nicht dazu, Nachhaltigkeit künstlich größer zu machen, als sie ist. Sie hilft vielmehr dabei, jene Punkte zu erkennen, an denen Nachhaltigkeit bereits heute mit dem Geschäftsmodell verbunden ist – und dort direkten Einfluss nimmt.

„Eine gute Wesentlichkeitsanalyse zeigt einem KMU nicht, was gerade die beste Reputation bringt. Sie zeigt, wo Nachhaltigkeit bereits heute Teil von Risiko, Qualität, Finanzierung, Kund*innenbeziehung und Zukunftsfähigkeit ist.“
– Carina Schinnerer, ESG SmartHub 

Drei Beispiele aus der Praxis machen das greifbar:

  • Ein metallverarbeitender Betrieb erkennt, dass mehr als die Hälfte seines Umsatzes von drei Großkunden abhängt – und dass genau diese Kunden künftig Nachhaltigkeitsnachweise entlang ihrer Lieferkette verlangen werden.
  • Ein Tourismusbetrieb stellt fest, dass nicht Energiepreise, sondern der Fachkräftemangel das größte nachhaltigkeitsbezogene Geschäftsrisiko darstellt.
  • Ein Dienstleistungsunternehmen erkennt, dass die größte Umweltwirkung nicht in den eigenen Emissionen liegt, sondern in den Beschaffungsentscheidungen für hunderte Projekte pro Jahr.

Das sind keine ESG-Erkenntnisse. Das sind Geschäftserkenntnisse – nur durch eine andere Brille betrachtet.

Nicht die perfekte Matrix – sondern bessere Fragen

Der wichtigste Nutzen einer Wesentlichkeitsanalyse für KMU liegt nicht im Ergebnis, sondern im Prozess. Konkret: in den Fragen, die er aufwirft.

  • Was ist für unser Unternehmen wirklich relevant – und wo glauben wir nur, dass es relevant ist?
  • Welche Themen können unsere Fähigkeit beeinflussen, in drei, fünf oder zehn Jahren noch erfolgreich zu wirtschaften?
  • Wo entstehen für uns Risiken oder Chancen durch Umwelt- und Sozialthemen?
  • Wo haben wir als Unternehmen selbst wesentliche Auswirkungen (auf andere, auf die Umwelt, die Gesellschaft) – positiv wie negativ?

Ein pragmatischer Einstieg braucht kein Großprojekt. Vier Fragen genügen oft für den Kern:

  1. Womit verdient das Unternehmen Geld – und welche ökologischen, sozialen oder Governance-Themen hängen direkt mit dieser Wertschöpfung zusammen?
  2. Welche Anforderungen kommen von außen: von Kund*innen, Banken, Eigentümer*innen, Behörden oder der Gemeinde?
  3. Wo verursacht das Unternehmen relevante Auswirkungen – im eigenen Betrieb, in der Lieferkette, bei Kund*innen?
  4. Welche Themen können mittel- bis langfristig Kosten, Umsätze, Finanzierung, Personal oder Reputation beeinflussen?

Wer diese Fragen beantwortet, hat die Logik der doppelten Wesentlichkeit verstanden – ohne aufwendige Beratungsleistung. Entscheidend ist nicht Perfektion im ersten Durchgang, sondern Nachvollziehbarkeit: Warum wurde ein Thema als wesentlich eingestuft? Auf welcher Grundlage? Wer war einbezogen? Wesentlichkeitsanalysen gewinnen mit jeder Iteration an Substanz und strategischem Nutzen.

Von der Analyse zur Entscheidung: Hier kommt Governance ins Spiel

An diesem Punkt scheitern viele Unternehmen – nicht an der Analyse, sondern an dem, was danach kommt. Eine Wesentlichkeitsanalyse zeigt, welche Themen relevant sind. Sie setzt aber noch keine Verantwortlichkeiten. Sie entscheidet keine Budgets. Sie verändert keine Einkaufsprozesse. Sie löst keine Zielkonflikte. Dafür braucht es Governance.

Good Governance im ESG-Kontext wird häufig mit Compliance, Antikorruption oder Hinweisgebersystemen gleichgesetzt. Diese Themen sind wichtig. Für KMU liegt der praktische Kern aber an einer anderen Stelle: Es geht um die Frage, wie ein Unternehmen Entscheidungen trifft, dokumentiert, überprüft und verbessert.

Wenn Lieferkettenrisiken als wesentlich erkannt werden, der Einkauf aber weiterhin ausschließlich nach Preis, Qualität und Lieferzeit entscheidet, bleibt die Analyse wirkungslos. Wenn Klimarisiken wesentlich sind, Investitionsentscheidungen aber keine Energie- oder Lebenszykluskosten berücksichtigen, bleibt das Thema abstrakt. Wenn Mitarbeitendenthemen wesentlich sind, aber niemand Zuständigkeit trägt und keine Kennzahlen abgeleitet werden, spürt niemand eine Wirkung.

„Governance ist nicht der bürokratische Teil von ESG. Governance ist der Mechanismus, der aus Erkenntnissen Entscheidungen macht.“
– Günter Horniak, ESG SmartHub 

Was KMU konkret tun können

Verantwortlichkeiten klären. Für jedes wesentliche Thema sollte klar sein, wer entscheidet, wer Daten liefert, wer prüft und wer informiert wird. Bei Energie kann das die technische Leitung sein, bei Lieferkette der Einkauf, bei Personalthemen HR oder Geschäftsführung. In kleinen Unternehmen trägt eine Person häufig mehrere Rollen – das ist kein Problem, solange die Zuständigkeit klar ist.

Einen festen Rhythmus schaffen. Wesentliche Nachhaltigkeitsthemen müssen nicht in jedem Meeting auf der Tagesordnung stehen. Aber sie sollten regelmäßig dort auftauchen, wo auch wirtschaftlich wichtige Entscheidungen fallen – in Budgetrunden, Lieferant*innengesprächen, Investitionsentscheidungen.

Datenqualität aufbauen. Was am Anfang informell funktioniert – eine Excel-Datei, eine Person, die die Zahlen kennt – wird langfristig zum Risiko, wenn niemand mehr nachvollziehen kann, woher eine Zahl stammt oder welche Annahmen getroffen wurden. Ein einfaches Datenblatt pro wesentliches Thema schafft Klarheit: Welche Kennzahl wird erhoben? Wer liefert die Daten? Wie wird gerechnet? Was hat sich geändert?

Bestehende Prozesse erweitern. Bei Investitionsentscheidungen kann ein kurzer ESG-Check ergänzt werden: Welche Energie- oder Ressourceneffekte hat die Entscheidung? Gibt es Risiken durch künftige Regulierung? Bei Lieferant*innenbewertungen lassen sich neben Preis und Qualität auch Herkunft, Transparenz und ökologische Kriterien berücksichtigen – risikobasiert, nicht mit einem langen Fragebogen für jede*n. Bei Personalthemen können Fluktuation, Krankenstand und Weiterbildung mit der Frage verknüpft werden: Welche sozialen Themen sind für unser Geschäftsmodell wesentlich – und wie steuern wir sie?

Der unterschätzte Punkt: Zielkonflikte sichtbar machen

Good Governance zeigt sich besonders dort, wo Zielkonflikte entstehen. Ein Unternehmen will nachhaltiger beschaffen, aber die nachhaltigere Alternative ist teurer. Ein Betrieb möchte Energie sparen, braucht aber kurzfristig zusätzliche Produktionskapazität. Ein KMU möchte transparente Lieferketten, hat aber nicht die Marktmacht, von allen Lieferant*innen umfassende Nachweise einzufordern.

Good Governance bedeutet nicht, dass immer die nachhaltigste Option gewählt wird. Das wäre weder ehrlich noch wirtschaftlich realistisch. Good Governance bedeutet, dass Zielkonflikte sichtbar gemacht, bewusst entschieden und nachvollziehbar dokumentiert werden – damit Entscheidungen erklärbar bleiben.

Was am Ende zählt

Good Governance im ESG-Bereich ist kein zusätzliches Kapitel für den Nachhaltigkeitsbericht. Sie ist die Frage, ob ein Unternehmen mit seinen wesentlichen Themen professionell umgehen kann.

Für KMU kann das sehr pragmatisch aussehen: klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Daten, regelmäßige Befassung in der Geschäftsführung, risikobasierte Lieferantenprozesse, dokumentierte Abwägungen und ein ehrlicher Blick darauf, welche Themen wirklich mit dem Geschäftsmodell verbunden sind.

Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist dafür ein guter Ausgangspunkt. Sie zeigt, welche Themen wichtig sind. Governance sorgt dafür, dass diese Themen nicht im in einem Dokument (oder Nachhaltigkeitsbericht) stehen bleiben, sondern in Entscheidungen übersetzt werden.

Der größte Nutzen für KMU liegt weder in der perfekten Matrix noch im vollständigsten Bericht. Er liegt in einem besseren Verständnis des eigenen Unternehmens: Wer weiß, welche Themen wesentlich sind, investiert gezielter, priorisiert klarer, kommuniziert belastbarer – und reagiert frühzeitiger auf Veränderungen.

Und wer dazu passende Governance-Strukturen schafft, macht Nachhaltigkeit nicht größer als nötig, sondern wirksamer.

Die Autor*innen 

Halbporträt von Günter Horniak
Foto: Schedl / Hochschule Campus Wien
Halbporträt von carina schinnerer
Foto: privat

Carina Schinnerer leitet das ESG-Management in einem Unternehmen der WSTW Gruppe.

Günter Horniak leitet den Bachelor-studiengang Public Management an der Hochschule Campus Wien.

Beide sind Teil des ESG SmartHubs und beschäftigen sich in diesem Rahmen mit praxisnaher Nachhaltigkeitsberichterstattung für KMU. Ihre Schwerpunkte liegen in diesem Projekt auf ESG-Governance und der Frage, wie regulatorische Anforderungen in handhabbare Prozesse für Unternehmen übersetzt werden können.