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Kapitalismus in grün

Die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten wächst seit Jahren mit zunehmender Dynamik und ist mittlerweile mehr als ein zartes Pflänzchen. Dafür sorgt zum einen die Europäische Union und zum anderen ausgerechnet einer der größten Kapitalismus-Konzerne weltweit.

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Foto: Michael Benz

Larry Fink ist ein mächtiger Mann. Er ist der CEO des weltweit größten Vermögensverwalters BlackRock. Er hat die Angewohnheit, sich regelmäßig mit einem „Letter to CEOs“ an die Lenker*innen der größten internationalen Konzerne zu wenden. Das sollte man nicht abtun als ein nettes Schreiben eines Kapitalisten an einen anderen, sondern das sollte man sich näher ansehen – denn der Inhalt ist bemerkenswert.

Was Fink schreibt, könnte auch auf einem Papp-Plakat einer Fridays-for-Future-Aktivistin stehen: „Climate Risk is Investment Risk“. Er macht darin klar, dass jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Aktionär die Pflicht haben, sich gegen den Klimawandel zu stemmen. Das ist nicht nur so dahingesagt – das ist ein echter Wink mit dem Zaunpfahl für Regierungen, die darauf angewiesen sind, dass Anleger ihre Staatsanleihen zeichnen und für Unternehmen, die ihre Wertpapiere unters Volk bringen müssen. Wenn BlackRock und Co aus Gründen der mangelnden Nachhaltigkeit nicht mehr investieren, dann können Staaten und Konzerne in Schwierigkeiten geraten.

Nachfrage nach Nachhaltigkeit steigt

Umso mehr, als nachhaltige Anlagen zunehmend an Beliebtheit gewinnen. Die Nachfrage steigt, sowohl bei institutionellen als auch bei privaten Anlegern, weshalb das entsprechende Angebot der Banken und Fondsgesellschaften immer größer wird. Der Fachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) vermeldete bei der Präsentation des Marktberichts für 2019 neue Spitzenwerte für Österreich. Um satte 44 Prozent stieg das Volumen nachhaltiger Anlagen im Vergleich zum Vorjahr und erreichte 22 Milliarden Euro. Erstmals überspringt der Anteil nachhaltiger Investments am Gesamtvolumen die 10-Prozent-Hürde. Im gesamten DACH-Markt (Deutschland, Österreich, Schweiz) werden über 500 nachhaltige Fonds angeboten. Investiert sind dort 280 Milliarden Euro – ebenfalls ein neuer Rekordwert.

Das Thema Klimaschutz ist also angekommen in der Welt der Finanz und in den Köpfen der Wirtschaftslenker*innen. „Der Weltwirtschaftsgipfel in Davos stand diesmal ganz im Zeichen des Klimawandels. Wetterextreme, das Versagen beim Klimaschutz und Naturkatastrophen wurden als die drei langfristigen Top-Risiken identifiziert – aus meiner Sicht ein Paradigmenwechsel. Das heißt, die Wirtschaftstreibenden tun gut daran, sich für die umweltpolitische Wende vorzubereiten“, erklärt auch Claudia Mikes, Leiterin Investor Relations und Nachhaltigkeit bei der HYPO NOE Landesbank.

Kerngeschäft der Banken noch zu wenig berücksichtigt

Und dennoch sind die einschlägigen Rating-Agenturen mit den Banken nach wie vor nicht besonders zufrieden. So führte etwa der WWF Österreich gemeinsam mit der Ratingagentur ESG Plus eine Studie zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den heimischen Retail-Banken durch. „Mit diesem Rating existiert erstmals in Österreich eine Übersicht, wie nachhaltig unser investiertes Geld, unsere Kredite und die sonstigen Finanzprodukte tatsächlich sind“, erklärt die Geschäftsführerin des WWF Österreich Andrea Johanides und muss feststellen: „Insgesamt ist der Handlungsbedarf riesig.“ In einer fünfstufigen Bewertungsskala werden die heimischen Banken nur als durchschnittlich oder sogar unterdurchschnittlich eingestuft.

„Besonders negativ wirkt sich die fehlende Verankerung der Nachhaltigkeit im Kerngeschäft aus“, so Johanides. Konkret bedeutet das, dass Nachhaltigkeit in der Betriebsführung der Banken oder im gesellschaftlichen Engagement durchaus angekommen ist, im wichtigsten Bereich, dem Bankgeschäft, bei der Vergabe von Krediten, ist Nachhaltigkeit noch ein Nicht-Thema.

Die EU betritt das Spielfeld

Genau das soll sich durch den EU-Aktionsplan „Financing Sustainable Growth“ ändern, der 2018 veröffentlicht wurde. Darin geht es um nichts Geringeres als die Neuausrichtung der Kapitalflüsse hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Hintergrund: Will man die beim Klima-Gipfel in Paris vereinbarten Ziele erreichen und den „Green Deal“ durchziehen – also bis zum Jahr 2050 den gesamten Kontinent klimaneutral mit Energie versorgen –, dann werden alleine in der EU jährlich bis zu 290 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen benötigt. Um dies zu erreichen, hat sich die EU drei große Ziele in ihrem Aktionsplan gesetzt: mehr Kapital in nachhaltige Investitionen lenken, Nachhaltigkeit im Risikomanagement verankern und Transparenz und Langfristigkeit im Finanzsektor fördern.

Einheitliches Klassifizierungssystem

Damit noch mehr privates Geld in nachhaltige Investments fließt und die Produktauswahl für Anleger erleichtert werden kann, wird an einem einheitlichen Klassifizierungssystem, der „Taxonomie“, gearbeitet. Eine Art EU-Ökolabel für grüne Finanzdienstleistungen. Nachhaltigkeit soll darüber hinaus per Gesetz in die Anlageberatung integriert werden. „Künftig müssen Anleger über die so genannten ESG-Risiken informiert werden. Betreibt ein Unternehmen Anlagen in einem hochwassergefährdeten Gebiet? Ist die Produktion in erster Linie von fossiler Energie abhängig oder benötigt sie sehr große Mengen von Wasser, das aufgrund des Klimawandels in dieser Gegend knapp werden könnte? All diese Fragestellungen müssen zukünftig von Unternehmen beantwortet werden und die Anforderungen in Bezug auf die laufende Erhebung, Messung und das Reporting steigen“, erklärt Claudia Mikes.

Name der Person auf dem Bild
Quelle: WWF Österreich/ESG Plus 2019

Der EU-Aktionsplan wird aber nicht nur die Investments betreffen, sondern auch ins weitere Kerngeschäft der Banken vordringen. Konkret werden für Kredite für die Finanzierung nicht nachhaltiger Projekte oder für nicht nachhaltig wirtschaftende Unternehmen höhere Zinsen fällig werden. „Kreditratings beziehen bereits jetzt ESG-Kriterien in ihre Bewertungen ein. Unternehmen werden also künftig nicht nur ihre finanzielle Situation offen legen, sondern auch Rechenschaft über ihr ökologisches und soziales Handeln ablegen müssen“, so Mikes. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen könnten demnach günstiger finanzieren und Banken, die Kredite an solche Unternehmen vergeben, müssen dafür weniger Eigenkapital vorhalten.

Eine weitere Stellschraube der EU liegt im Risikomanagement. So werden die Auswirkungen des Klimawandels in die Risikoeinschätzung von Investitionen einfließen. Wie kann beispielsweise die öffentliche Infrastruktur finanziert werden, wenn die Häufigkeit von Hochwassern und Wirbelstürmen zunimmt? Wie berechnet man langfristig den Wert von Immobilien in vom Klimawandel betroffenen Gebieten?

In Österreich wurde eine Task Force mit der Umsetzung des Aktionsplanes eingerichtet. Auch im Programm der türkis-grünen Regierung sind konkrete Maßnahmen zum Thema Green Finance vorgesehen. Die Bundesregierung will die Auflage von eigenen Green Bonds, durch die nachhaltige Projekte finanziert werden, forcieren. Die erste österreichische grüne Staatsanleihe könnte bereits im Herbst dieses Jahres herausgegeben werden, hört man aus dem Finanzministerium. Geplant ist auch die Einrichtung einer „Bürgerstiftung Klimaschutz“. Sie soll so genannte „Bürgeranleihen“ ausgeben und somit für private Kleinanleger einen Anreiz schaffen, um in den Klimaschutz zu investieren. Auch eine KEST-Befreiung für ökologische und ethische Investitionen ist angedacht. Eine Maßnahme, die für ordentlich Bewegung sorgen kann.

Grüne Rendite kann sich sehen lassen

Die häufig geäußerte Behauptung, dass nachhaltige Investments immer weniger Rendite bringen als nicht-nachhaltige, lässt sich im Übrigen nicht bestätigen. Im Gegenteil: Im 12-Jahres-Zeitraum von September 2007 bis September 2019 erzielte der bekannteste Index der Welt, der MSCI World, eine Rendite von 183 Prozent. Im gleichen Zeitraum schaffte der MSCI World Social Responsibility Index, also die nachhaltigere Variante des Index, eine Performance von 198 Prozent und damit 15 Prozentpunkte mehr. Nachhaltigkeit hat sich in diesem Fall also auch bei der Rendite ausgezahlt.

Larry Fink ist überzeugt davon, dass wir erst am Anfang einer deutlichen Verschiebung von Kapitalströmen in Richtung Nachhaltigkeit stehen. „Das Bewusstsein ändert sich rasch und ich glaube, wir befinden uns am Beginn einer fundamentalen Neuordnung der Finanzwelt. In naher Zukunft – früher, als die meisten erwarten – wird es zu einer signifikanten Umverteilung von Kapital kommen“, schreibt er in seinem „Letter to CEOs“.

Dabei wird der Investmentriese selbst als gewaltiger Transmissionsriemen fungieren. BlackRock verfügt über ein Veranlagungsvolumen in der Höhe des gesamten Bruttoinlandsproduktes der Bundesrepublik Deutschland. Damit lässt sich einiges zum Guten bewegen.

1ESG bedeutet Environmental, Social and Governance und beschreibt die Kriterien nachhaltiger Kapitalanlagen.

Name der Person auf dem Bild

Von Rita Starkl.