Mit der Physik zu wirtschaften stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz
Wirtschaften auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen bringt ökonomische und ökologische Vorteile. Ein Gastbeitrag von Sigrid Stagl, Ökonomin am Department für Sozioökonomie an der WU Wien
Die aktuellen Debatten über eine Abschwächung der CO₂-Preise oder eine Senkung der Energiesteuern zeigen, wie groß der politische Druck bei steigenden Energiepreisen ist. Doch kurzfristige Eingriffe wie Preisdeckel, eine Senkung der Mineralölsteuer oder ein Aufschub des europäischen Emissionshandels lösen das grundlegende Problem nicht. Aus ökonomischer Perspektive gilt vielmehr: Wer mit der Physik und der Natur wirtschaftet, erhöht die systemische Effizienz und damit langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.
8 Milliarden Euro Importkosten für fossile Energieträger fehlen für heimische Wertschöpfung
Die jüngsten Preisschocks infolge geopolitischer Konflikte machen deutlich, wie teuer fossile Abhängigkeiten sind. Österreich importiert seit Jahrzehnten Öl, Gas und Kohle im Wert von mehreren Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die Nettoimporte fossiler Energieträger auf rund acht Milliarden Euro. Langfristig liegt der Durchschnitt sogar bei etwa zehn Milliarden Euro jährlich. Dieses Kapital fehlt für Investitionen in Innovation, Infrastruktur und heimische Wertschöpfung.
Ökonomische Analysen zeigen, dass Investitionen in erneuerbare Energien einen deutlich höheren inländischen Wertschöpfungsanteil haben als Investitionen in fossile Energien. Während bei erneuerbaren Technologien im Durchschnitt rund 96 Prozent der Wertschöpfung im Land bleiben, sind es bei fossilen Energieträgern nur etwa 55 Prozent. Somit stärkt jeder Euro, der in Photovoltaik, Windkraft oder Energieeffizienz investiert wird, die heimische Wirtschaft stärker als fossile Energieimporte.
Hinzu kommt ein stabilitätspolitischer Effekt: Länder mit stärker elektrifizierten Energiesystemen – etwa durch Wärmepumpen, Elektromobilität, einen hohen Anteil an öffentlichem Verkehr und erneuerbarer Stromerzeugung – sind deutlich weniger anfällig für Preisschocks bei fossilen Energieträgern. In solchen Volkswirtschaften schlagen Öl- und Gaspreisschwankungen weniger stark auf die Inflation durch, da fossile Energieträger eine geringere Rolle im Konsumkorb spielen. Die Energiewende ist somit nicht nur eine Klimastrategie, sondern auch eine Maßnahme zur Preisstabilisierung und zur Verringerung makroökonomischer Risiken.
Ein stabiler Emissionshandel wirkt langfristig antizyklisch
Auch aus fiskalischer Sicht ist ein konsistentes CO₂-Preissystem entscheidend. Ein stabiler Emissionshandel mit klaren Mengenbegrenzungen wirkt langfristig antizyklisch: Steigen die Preise für fossile Energien stark an, sinken tendenziell die Zertifikatspreise. Kurzfristige Preisspitzen könnten durch temporäre Anpassungen indirekter Steuern abgefedert werden, ohne das Preissignal für die Dekarbonisierung zu zerstören. Eine dauerhafte Schwächung der CO₂-Preise würde hingegen die Transformation verzögern und die Abhängigkeit von fossilen Importen verlängern.
Internationale Erfahrungen zeigen zudem, dass direkte Preiseingriffe problematisch sein können. So führten Preisdeckel für Treibstoffe, wie sie etwa in Ungarn oder Kroatien eingeführt wurden, binnen kurzer Zeit zu Tanktourismus, Angebotsengpässen und langen Warteschlangen an Tankstellen. Am Ende mussten diese Maßnahmen wieder aufgehoben werden, da sie die Versorgungssicherheit gefährdeten.
Von Steuersenkungen profitieren fossile Förderländer
Oft übersehen wird auch die geopolitische Dimension. Je höher der Steuer- und Abgabenanteil an fossilen Energien ist, desto größer bleibt der Anteil der Wertschöpfung im Inland. Werden diese Abgaben gesenkt, fließt ein größerer Teil der Ausgaben für Energie direkt an internationale Ölkonzerne und fossile Förderländer. Die Frage ist daher nicht nur eine energie-, sondern auch eine wirtschaftspolitische: Soll österreichisches Geld in die heimische Energieerzeugung, Innovation und Infrastruktur fließen – oder in fossile Importabhängigkeiten?
Langfristig zeigt sich ein klarer ökonomischer Zusammenhang: Eine Wirtschaft, die stärker auf erneuerbare Energien, Elektrifizierung und Effizienz setzt, ist robuster gegenüber Energiepreisschocks und geopolitischen Krisen. Kurzfristig kann der Umbau hohe Investitionen erfordern, doch über längere Zeiträume verteilt lassen sich diese Kosten glätten. Dann führt die Transformation nicht zu „Greenflation“, sondern verhindert die wiederkehrende „Fossilflation“, die Volkswirtschaften seit Jahrzehnten belastet.
Die entscheidende wirtschaftspolitische Herausforderung besteht also darin, konsequent mit den physikalischen Realitäten zu wirtschaften. Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und erneuerbare Energien erhöhen die Effizienz des gesamten Systems. Genau darin liegt der Schlüssel zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt knapper Ressourcen und volatiler fossiler Märkte.
Sigrid Stagl ist Ökonomin am Department für Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie beschäftigt sich u. a. mit ökologischer Ökonomie, Umweltökonomie und -politik, Umweltbewertung und integrierter Nachhaltigkeitsbewertung.