Wie aus Altbauten neuer Baustoff wird
Stephanie Bergwinkl vom Climate Lab über Urban Mining, das Altes aus Städten zur Rohstoffquelle werden lässt.
Unsere Städte stecken voller verborgener Schätze: Beton, Stahl, Glas, Ziegel – was heute noch Gebäude ist, könnte morgen Rohstoff sein. Doch die Rückgewinnung ist kompliziert: Materialien kleben, vermischen sich oder sind verschmutzt. An genau diesem Problem arbeitet Dominik Blasenbauer von der TU Wien. Im Labor sucht er nach Wegen, schwierige Baustoffe wieder nutzbar zu machen – und damit ein entscheidendes Puzzleteil für eine ressourcenschonende Bauwirtschaft zu liefern.
Vom Abfall zur Ressource
Die Idee des Urban Mining entstand in den 1980er-Jahren, als japanische Wissenschaftler*innen erstmals auf das verborgene Potenzial städtischer Materialien hinwiesen. Statt immer neue Ressourcen aus der Natur zu entnehmen, soll künftig das genutzt werden, was bereits da ist: Metalle aus alten Leitungen, Ziegel aus verlassenen Gebäuden, Holz, Glas und Kunststoffe aus abgerissenen Strukturen.
Doch die Umsetzung ist komplex. Welche Materialien eignen sich tatsächlich für ein zweites Leben – und wie lassen sie sich sauber voneinander trennen?
An genau diesen Fragen arbeitet Dominik Blasenbauer, Verfahrenstechniker an der Faculty of Technical Chemistry der TU Wien. Besonders ein bisher problematischer Bestandteil des Bauschutts steht dabei im Fokus: Ziegelsplitt. Die Zukunft des Bauens entsteht längst nicht mehr nur auf der Baustelle, sondern im Labor.
Wenn Urban Mining sozial wird
In Österreich wird die Idee des Urban Mining nun weitergedacht. 2016 entstand in Wien das Projekt BauKarussell – die erste Initiative, die Urban Mining systematisch mit der Sozialwirtschaft verbindet. „Wir bauen Gebäude so zurück, dass möglichst viele Materialien weiterverwendet werden können – und das gemeinsam mit der Sozialwirtschaft“, erklärt Mitgründer Markus Meissner.
Das bedeutet konkret: Bevor Bagger ein Gebäude abreißen, sichern Teams von Sozialbetrieben wertvolle Bauteile. Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt oft übersehen werden, erhalten so Beschäftigung und neue Chancen. „Eine Baufirma denkt in Quadratmetern, ein Sozialbetrieb in Arbeitsstunden“, sagt Meissner. „Unser Job ist, diese Übersetzungsleistung zu schaffen.“
Der Aufwand zahlt sich aus – ökologisch wie menschlich: „Wir arbeiten mit Menschen zusammen, die uns immer wieder rückmelden, wie toll das ist, dass sie auf unseren Baustellen arbeiten, weil es endlich etwas gibt, was Sinn für sie macht. Das ist Motivation. Das ist wirklich Motivation, da weiterzumachen.“
Bei Kraisbau bündeln 32 Partner*innen ihr Wissen
Seit 2024 bündeln 32 Partner:innen im Leitprojekt KRAISBAU ihr Wissen, um den Wandel hin zu einer zirkulären Bauwirtschaft zu beschleunigen. Das Ziel: 100 Prozent zirkuläres Bauen. Eine der Auftraggeber*innen ist die Stadt Wien. Ein Demogebäude von Kraisbau ist etwa der Zukunftsanker im 10. Wiener Gemeindebezirk. Statt neu zu bauen, wird die ehemalige Anker-Brotfabrik weitergenutzt. Nebengebäude werden rückgebaut – mit großem Fokus auf Recycling. Auf 4,2 Hektar soll in den nächsten Jahren ein Klimacampus und Kompetenzzentrum für nachhaltigen Stadtumbau entstehen.