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Neue Lebensqualität

Wendezeit Lockdown: Was nehme ich persönlich aus der Krise mit?

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Michael Bauer-Leeb Foto: Miguel Dieterich

Jetzt ist also wieder Lockdown. Ich habe gerade viel Zeit – wie schon beim ersten Mal pausiert das Geschäft. Ich erinnere mich, was mich beim ersten Mal beschäftigt hat und vergleiche mein heutiges Befinden damit. Anfangs war eine große Leere, herausgerissen aus dem Hamsterrad der Verpflichtungen, Termine und festgelegten Abläufe, wusste ich zunächst nicht, was ich mit mir anfangen soll. Da war auch mal Panik dabei: Wie wird es weitergehen, wann werde ich wieder Einkommen haben?

Diese vorwiegend ökonomischen Fragen beschäftigen mich jetzt weniger. Mein Geschäft hat sich verlagert, und der Härtefallfond funktioniert in meinem Fall glücklicherweise gut, um die Lücken zumindest kleiner zu machen. An mein langsameres Leben habe ich mich gewöhnt, und ich schätze es wieder – nach der sommerlichen Unterbrechung, wo sich die vorherige Normalität ein bisschen Terrain zurückerobert hatte.

Dinge, die im ersten Lockdown an Bedeutung gewonnen hatten, sind mir auch jetzt noch wichtig, wenn sie auch teilweise in anderer Ausprägung auftreten: der blaue Himmel ohne Kondensstreifen; die bessere Luft und weniger Lärm auf der Straße; Tierstimmen, die plötzlich wieder gut vernehmbar waren; kein Wecker in der Früh, der zum Aufbruch mahnt; ausreichend Zeit für Sport in der freien Natur und für ein gutes Buch zuhause; tägliche, gemeinsame und selbst gekochte Mahlzeiten mit der Familie; Zettel im Aufzug, die Nachbarschaftshilfe antragen; Begegnungen in respektvollem Abstand, die von freundlichem Kopfnicken und ab und an auch einem Lächeln begleitet wurden; beinahe tägliche Videotelefonate mit Familie und Freunden.

Anders gesagt: Naturerfahrungen und gute Beziehungen, Solidarität und Achtsamkeit, Zeit zum Nachdenken und Reflektieren gaben und geben mir Kraft, die große Unsicherheit – die ja für Viele immer noch und jetzt auch wieder viel deutlicher spürbar ist – mit größerer Gelassenheit annehmen zu können.

Ja, ich denke natürlich immer wieder mal ans Materielle: wie die Rechnungen der nächsten Monate bezahlt werden können, wann das Geschäft wieder besser wird. Auch ärgern mich die aus meiner Sicht inkonsistenten Maßnahmen der Regierung, Stichwort Waffengeschäft vs. Buchhandlung. Ich bin frustriert über die lange Dauer dieser Krise. Und dennoch bleibt in Summe ein Gefühl von Optimismus und Vorfreude, mit einer anderen Haltung, einer neuen Lebensqualität in die Zukunft zu schreiten - gesünder, ausgeglichener, freudvoller.

Ich gestehe, ich will nicht zurück in die Normalität vor Corona. In eine, die stresst und krank macht - Menschen, Tiere, Pflanzen. In eine des immer noch schneller, höher, weiter, mehr. Vielmehr habe ich einen Wunsch, eine Hoffnung: Ich möchte damit fortfahren, regelmäßig innezuhalten, um mir diese neue Qualität des Lebens zu bewahren – die Ruhe, die Achtsamkeit, die Begegnungen mit den Menschen. Das kann, ja soll von mir aus unendlich weiterwachsen.

Michael Bauer-Leeb

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