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Social Distancing wirkt auch am Finanzmarkt

Branchen, die direkt oder indirekt von Social Distancing betroffen sind, werden durch höhere Risikobepreisung und fallende Kurse hart getroffen.

Der sogenannte Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie zieht wirtschaftlich massive Auswirkungen nach sich. Auch an den internationalen Börsen sind diese sichtbar. Wissenschaftler am Institut für Finance, Banking and Insurance der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) haben nun untersucht, welche Effekte Social Distancing auf den Finanzmarkt hat. Dabei zeigt sich: Gerade jene Branchen, die direkt oder indirekt von Social Distancing betroffen sind, werden durch höhere Risikobepreisung und fallende Kurse hart getroffen. Doch das Bewusstsein für Pandemie-Risiken scheint bei Investorinnen und Investoren schon lang vor COVID-19 angekommen zu sein. Auch für die Zukunft verlangen die Märkte Risikoprämien von Unternehmen, die eine geringe Pandemie-Resilienz, aufweisen. 

Social Distancing, physisches Abstand-Halten, ist in Zeiten von Pandemien das zentrale Stichwort. Nicht nur private Haushalte sind davon betroffen, auch Unternehmen sind mit dieser Maßnahme in unterschiedlichem Ausmaß konfrontiert: durch notwendige Telearbeit, aber auch, weil manche Branchen wie beispielsweise die Kreuzfahrtindustrie dadurch beinahe stillgelegt werden. Am Aktienmarkt blieb dies in den vergangenen Wochen und Monaten längst nicht unbemerkt – massive Kursrückgänge waren zu verzeichnen. Die WU-Professoren Christian Wagner und Josef Zechner vom Institut für Finance, Banking and Insurance analysierten gemeinsam mit Ko-Autor Marco Pagano von der University of Naples Federico II, welche Auswirkungen Social Distancing am Finanzmarkt mit sich bringt und wie Investorinnen und Investoren das „Pandemie-Risiko“ bepreisen. 

Erhöhte Risikoprämien - auch langfristig

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Unternehmen, die von Social Distancing stärker betroffen sind, auch von InvestorInnen als weniger krisenfest wahrgenommen werden. Dadurch wurden während der Coronakrise vielfach Risikoprämien erhöht, gleichzeitig sanken dadurch die Aktienkurse. Besonders Unternehmen mit starkem Tourismusbezug wie Royal Caribbean Cruises, die Hotelkette Marriott oder die United Airlines waren davon stark betroffen. „Die stärker von Social Distancing beeinflussten Branchen wie der Tourismus hatten im Untersuchungszeitraum zwischen 24. Februar und 20. März 2020 rund 10 Prozent mehr Wertverlust als weniger betroffene Unternehmen“, so Studienautor Christian Wagner. Unternehmen wie Microsoft und Apple, die von Social Distancing kaum negativ beeinflusst wurden, mussten zwar ebenso einen kurzfristigen Kursrückgang an der Börse verzeichnen, erholten sich allerdings rasch. „Die Prognosen deuten darauf hin, dass die erwarteten Renditen dieser Unternehmen bereits im kommenden Jahr auf das Niveau vor der COVID-19 Krise zurückkehren“, so Wagner.

Niedrigere Renditen

Auch in den Renditen spiegelt sich die Risikobewertung wieder. „Die Ergebnisse lassen erwarten, dass über einen Zeithorizont von zwei Jahren Aktien mit einer höheren Pandemieresistenz deutlich niedrigere Renditen erzielen als Aktien der stark Pandemie-betroffenen Unternehmen.“ Diese Unterschiede zeigen sich bei einigen Aktien massiv: Anfang April 2020 lag beispielsweise die erwartete Rendite von Aktien mit geringer Pandemie-Widerstandsfähigkeit - gemessen anhand der Betroffenheit von Social Distancing - wie Royal Caribbean Cruises und United Airlines bei etwa 60% bzw. 40%, während jene von Aktien mit hoher Widerstandsfähigkeit, also wenig Social Distancing-Betroffenheit, wie Apple und Microsoft zwischen 3% und 4% lagen.

Pandemiebewusstsein bereits vor der Krise

Um zu sehen, ob es auch bereits vor der Krise ein Bewusstsein für das Risiko einer Pandemie gab, bezogen die Studienautoren auch die Jahre 2014 bis 2019 in ihre Analyse mit ein. „Im Zeitraum zwischen 2014 bis 2019 sind die kumulativen Ertragsunterschiede zwischen mehr und weniger pandemieresistenten Unternehmen in etwa gleich groß wie während des Ausbruchs, d.h. zwischen Ende Februar und Anfang April 2020“, so Co-Autor Josef Zechner, „Wir gehen davon aus, dass sich die Investorinnen und Investoren der potenziellen Bedrohung durch Pandemien lange vor COVID-19 bewusst geworden sind.“

Staatliche Unterstützung für nicht-krisenfeste Unternehmen höchst riskant

Die zu erwartenden Prämien für Pandemie-Risiko sind von direkter Relevanz für die Portfolioauswahl von InvestorInnen, die Kreditvergabepolitik von Banken und die Investitionsentscheidungen von ManagerInnen. Auf den Finanzmärkten lässt sich eine Reallokation von Kapital von Unternehmen mit geringer Pandemie-Resilienz hin zu Unternehmen, die gegen Pandemien besser gerüstet sind, beobachten. Diese Reallokation, welche in ähnlicher Form auch auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten ist, kann als Signal dafür interpretiert werden, dass ein Schrumpfen von Wirtschaftszweigen, die einem Pandemie-Risiko besonders ausgesetzt sind, erwartet wird, wodurch sich das wirtschaftliche Risiko für Unternehmen in diesen Bereichen weiter erhöht. Diese Beobachtungen sollten auch bei der Erarbeitung von Sanierungsfonds und Hilfsplänen berücksichtigt werden, insbesondere das erhöhte Risiko, welches mit einer Stützung von Unternehmen mit geringer Resilienz, wie z.B. Fluggesellschaften, verbunden ist. 

Über die Studie

Für ihre Untersuchung analysierten die Autoren rund 3.600 börsennotierte U.S. amerikanische Unternehmen im ersten Quartal 2020, mit einem Fokus auf die Periode vom 24. Februar bis zum 20. März, sowie im Zeitraum 2014 bis 2019. Die Studienautoren klassifizierten die Unternehmen je nach Betroffenheit durch Social Distancing. Als besonders betroffen werden dabei jene Firmen eingeordnet, die nicht problemlos Telearbeit anbieten können oder die ein Produkt bzw. eine Dienstleistung anbieten, die vom „Abstand Halten“ massiv beeinträchtigt sind - wie die Tourismusbranche. Als wenig betroffen werden Unternehmen gewertet, die rasch auf Teleworking umstellen können und deren Produkte und Dienstleistungen weiter nachgefragt werden. 

Link zur VoxEU-Column

Zur aktuellsten Version der Studie: Pagano, Marco and Wagner, Christian and Zechner, Josef, Disaster Resilience and Asset Prices (17. Mai 2020). Verfügbar unter: https://ssrn.com/abstract=3603666.

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