Eine Analyse von Matthias Haberl, Manager EY denkstatt im Bereich Sustainable Insurance.
Die Versicherungswirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Nachhaltigkeit ist nicht mehr primär ein Reporting-Thema, sondern entwickelt sich zu einem zentralen Faktor für die wirtschaftliche Steuerung.
- Insbesondere der Klimawandel wirkt sich bereits heute direkt auf das Kerngeschäft aus: Naturkatastrophen ereignen sich häufiger. Sie setzen die Profitabilität unter Druck und machen Anpassungen im Pricing und Underwriting, also sowohl in der Produktgestaltung als auch in der versicherungstechnischen Risikoprüfung und -zeichnung, notwendig.
- Damit wird die Versicherbarkeit selbst zur zentralen Herausforderung der Branche. Steigende Prämien infolge von Klimarisiken und Inflation führen dazu, dass ein Versicherungsschutz für Teile der Bevölkerung und Unternehmen schwerer zugänglich wird. Je größer der Protection Gap wird, desto wichtiger wird die politische und soziale Komponente der Nachhaltigkeit.
- Eine zentrale Herausforderung bleibt zudem die Datenbasis. Die Messung und Steuerung von Nachhaltigkeitsrisiken – etwa in Bezug auf Klimaszenarien, Emissionsintensitäten oder Biodiversitätskennzahlen entlang der Wertschöpfungskette – wird durch fehlende, inkonsistente oder schwer vergleichbare Daten erschwert. Trotzdem müssen Versicherer die Integration von ESG-Kriterien in Kapitalanlagen, Risikomodellen und Produktmerkmalen vorantreiben, um Klimaresilienz gezielt zu steuern und zugleich neue Geschäftschancen zu erschließen.
- Technologische Entwicklungen – insbesondere im Bereich Datenanalyse und KI – wirken dabei als zusätzliche Treiber und Enabler, erhöhen aber auch die Komplexität der Transformation.
- Parallel dazu verschieben sich die regulatorischen Anforderungen: Während in den letzten Jahren vor allem Reporting im Fokus stand, rückt nun die Steuerung von Nachhaltigkeitsrisiken stärker in den Mittelpunkt – etwa durch das Solvency II Review (siehe Solvency im Update) und künftige zu erstellende Sustainability Risk Plans. Gleichzeitig gewinnt die Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeitsaussagen an Bedeutung, nicht zuletzt durch strengere Anforderungen im Verbraucherschutz (z.B. EmpCo1).
- Die nachhaltige Transformation ist vor allem eine Umsetzungsaufgabe. Erfolgsentscheidend ist der konsequente Aufbau von Wissen und die Verankerung von Nachhaltigkeit in Prozessen, Systemen und Organisation. Versicherer, denen dieses Change-Management gelingt, können sich resilienter aufstellen und neue Chancen bei Produkten, Services sowie durch Prävention erschließen – während andere zunehmend unter regulatorischem Druck stehen, mit steigenden Risiken und wachsender Erwartungshaltung konfrontiert sind.
1 Die EmpCo‑Richtlinie (Empowering Consumers for the Green Transition) zielt darauf ab, Verbraucher*innen vor irreführenden Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen zu schützen. Sie verschärft bestehende Vorschriften gegen Greenwashing, indem u. a. unbelegte Umweltclaims oder pauschale Aussagen (wie „umweltfreundlich“ ohne Nachweis) verboten oder klar geregelt werden. Gleichzeitig werden Unternehmen verpflichtet, extern überprüfen zu lassen, ob Verbraucher*innenorientierte, zukunftsbezogene Umweltversprechen klar belegbar, zeitlich definiert und verbindlich sind. Nach nationaler Umsetzung tritt die Richtlinie am 27.9.2026 in Kraft.