zum Inhalt springen

Ein Blick hinter die Kulissen

30 Jahre Österreichisches Umweltzeichen: Was bringt es Unternehmen und Umwelt?

DI Andreas Tschulik_c_bmk_paulgrube BMNT/Paul Gruber

Sie waren irgendwie typisch für die 1980er-Jahre: die giftigen Holzschutzmittel, die jedem Insekt den Garaus machten, oder die aggressiven Putzmittel, die Glanz in Küche und WC ohne Mühe versprachen. Leider wirkten die Mittel nicht nur auf unerwünschte Insekten und Bakterien, sondern auch auf Menschen. Immer häufiger wurde über Hauterkrankungen, Leberschäden bis hin zu Krebs berichtet. Die Unsicherheit war groß und der Informationsbedarf hoch. Anlass für die Politik, 1990 ein Gütesiegel für umweltfreundliche Produkte – das Österreichische Umweltzeichen – ins Leben zu rufen. Wo stehen wir heute? Wir haben DI Andreas Tschulik vom Bundesministerium für Klimaschutz gefragt.

BUSINESSART: Was war der Auslöser, 1990 das Umweltzeichen ins Leben zu rufen?

DI Andreas Tschulik: Damals hat man die Unsicherheit bei Konsumentinnen und Konsumenten, was die Eigenschaften von Produkten anbelangt, erkannt. Diese Unsicherheit ist durchaus geblieben, weil sich die Produktlandschaft rasant verändert und neue Fragen auftauchen. Aber man hat damals den Bedarf nach Information der Konsumentinnen und Konsumenten gesehen und sich gefragt, wie man dieses Informationsbedürfnis stillen kann? Mit dem Blauen Engel gab es schon ein recht gut etabliertes Instrument und man wollte so etwas auch für Österreich schaffen.

BUSINESSART: Das Logo wurde von Friedensreich Hundertwasser gestaltet – das ist doch sehr unüblich.

Tschulik: Das ist total unüblich, aber Hundertwasser war ein sehr prominenter Unterstützer. Das Umweltzeichen ist das einzige Logo, das von einem Künstler gestaltet wurde. Das hat Vor- und Nachteile: Es ist absolut unverwechselbar und hat einen guten Wiedererkennungswert. Allerdings ist die Gestaltung nicht einfach. Logos sollten eine einfache Struktur, einfaches Aussehen haben, um klare Botschaften vermitteln zu können. Das ist es nicht, aber bisher hat der Vorteil den Nachteil überwogen.

BUSINESSART: Wie bekannt ist das Umweltzeichen heute?

Tschulik: Derzeit hat das Umweltzeichen einen gestützten Bekanntheitsgrad von etwa 60 Prozent österreichweit. Das ist ein sehr guter Wert für ein freiwilliges Gütesiegel, auch in Anbetracht limitierter Marketingmittel.

Fakten

  • Staatlich geprüftes Umweltsiegel, das für jeweils vier Jahre verliehen wird
  • Gestaltet von Friedensreich Hundertwasser, einem großen Unterstützer des Projekts
  • Zertifizierungen: 4.100 Produkte, 400 Tourismusbetriebe, 160 Bildungseinrichtungen, 80 Veranstalter von Green Meetings & Events
  • Enge Kooperation mit dem Blauen Engel und dem Europäischen Umweltzeichen (European Ecolabel). Unternehmen können mit einem Prüfgutachten mehrere Umweltzeichen erhalten. Mit EMAS gibt es eine Schnittstelle – die beiden Instrumente bestärken sich gegenseitig.
  • Richtlinien in Arbeit: Wärmedämmverbundsysteme, erneuerbares Gas, IT-Hardware und -Software.

BUSINESSART: Wie kann man sich den Entstehungsprozess einer neuen Richtlinie vorstellen?

Tschulik: Am Anfang steht die Frage, welche Produktgruppe erfasst werden soll, also wofür man noch ein Umweltzeichen braucht. Produktgruppen, die bereits ein etabliertes, verpflichtendes System der Kennzeichnung verwenden, das sich auch an Konsument*innen wendet, wie die Energieeffizienz-Kennzeichnung – da wird man nicht noch eine Richtlinie machen. Ansonsten ist unser Ziel, möglichst viele Produkte und Dienstleistungen, die für die Lebensbereiche der Menschen wichtig sind, abzudecken. Daher sind wir im internationalen Vergleich überdurchschnittlich breit aufgestellt. Wir haben relativ früh nicht nur den Tourismus mit aufgenommen, sondern auch zum Beispiel Bildung mit den Schulen im Jahr 2002. Der Anspruch, den wir haben, ist wirklich umfassend alle Lebensbereiche abzudecken - was uns noch nicht gelungen ist. Zusätzlich stellen wir uns die Frage, welche Produktgruppen relevant sind - im Sinne von Umweltauswirkungen, Größe des Marktes, Differenzierungsmöglichkeiten am Markt und der Anbieterstruktur. Wo gibt es auch österreichische Produzenten? Wie ist die wirtschaftliche Struktur und ist es letztlich möglich, mit vertretbarem Aufwand eine Richtlinie zu erarbeiten und die Produktprüfung durchzuführen - denn am Schluss muss eine Richtlinie auch mit vertretbarem Aufwand umsetzbar sein.

Das ist der schrittweise Vorgang bei dem wir entscheiden, welche Produkte in Frage kommen. Danach beginnen wir – in Zusammenarbeit mit dem Verein für Konsumenteninformation (VKI) mit Vorrecherchen, die die Umwelteigenschaften der Produkte am Markt und vorhandene Ansatzpunkte für Kriterien zeigen. Dann beginnt das formale Prozedere. Im ersten Schritt wird der Umweltzeichenbeirat mit der Frage befasst. Dieser entscheidet letztlich darüber, ob eine Richtlinienarbeit begonnen wird oder nicht. Von der Idee bis zur Richtlinie dauert es grob zwei Jahre, die konkrete Richtlinienarbeit findet dabei in ca. einem Jahr statt.

BUSINESSART: Es gab in verschiedenen Bereichen die Entscheidung, die Richtlinie nicht weiter zu verfolgen, zum Beispiel bei der Zertifizierung von Fenstern. Was war da der Grund?

Tschulik: Fenster waren immer ein schwieriger Bereich, da der größte Anteil des Fenstermarkts in Österreich PVC Rahmen verwendet. PVC wird in der Ressortstrategie differenziert betrachtet. Hart-PVC ist mit funktionierenden Rücknahme- und Recyclingsystemen nicht völlig ausgeschlossen. Trotzdem versuchen wir im Umweltzeichen möglichst keine chlorierten Kohlenwasserstoffe zuzulassen. Daher hat sich die Frage ergeben, ob es bei Fenstern überhaupt Sinn macht, eine Richtlinie zu erstellen, mit der man den größten Teil des Marktes a priori ausschließt, weil PVC nicht in Frage kommt. Und ist es dann sinnvoll über die Energieeffizienz oder nach Materialunterschieden weiter zu differenzieren, wenn man auch zum Beispiel den Pflegeaufwand mit einberechnen soll. Daher haben wir in diesem Fall von einer Richtlinie abgesehen.

BUSINESSART: Es gibt viele Bereiche, in denen es kaum Richtlinien gibt, zum Beispiel Kosmetik und Mode. Warum ist das so?

Tschulik: Bei Mode gibt es eine Richtlinie - aber keine Lizenznehmer des Österreichischen Umweltzeichens. Auch das europäische Umweltzeichen hat Kriterien für Textilien, da haben wir auch Lizenznehmer in Österreich, jedoch ist Kleidung unterrepräsentiert. Die Gründe dafür zeigen, in welchen Produktgruppen Umweltzeichen erfolgreich sein können und wo es größere Herausforderungen gibt: Ein Charakteristikum der Mode ist, dass die Produktzyklen sehr kurz sind. Kurze Produktzyklen machen Probleme im Prüfaufwand. Das kann man in den Griff bekommen - wie bei den Druckereien - indem die Fertigungslinie zertifiziert wird, mit allen Inhalts- und Hilfsstoffen, die verwendet werden dürfen. Das ist in der Mode jedoch doppelt schwierig, weil die globale Lieferkette generell schwer erfassbar ist. Auch in anderen Ländern, in denen Eco-Labels für Kleidung existieren, ist es so, dass Arbeitsbekleidungen oder Heimtextilien am ehesten zertifiziert werden – also Textilien, die nicht so kurze Produktzyklen haben. Für die klassische Mode ist es ist uns noch nicht gelungen, einen Ansatz zu finden, der für die Modebranche einen gangbaren Weg darstellt. Die Modebrache setzt zudem sehr stark auf GOTS, ein bei Konsument*innen bekanntes Zeichen, deshalb ist nur eingeschränktes Interesse an einem weiteren Zeichen da. Es ist auch gut, GOTS zu haben, selbst wenn es natürlich nicht alles abdeckt, was bei Bekleidung für Umwelt- und Gesundheitsschutz relevant ist. Schön wäre es, etwas Umfassendes zu haben, aber dies bedeutet auch Aufwand.

Zudem gibt es bei Bekleidung nur noch ganz wenige größere österreichische Hersteller. Für die klassische Manufaktur ist der Aufwand der Zertifizierung zu groß.

BUSINESSART: Was sind neben den kurzen Produktzyklen noch Barrieren für Richtlinien?

Tschulik: Ein großer Aspekt ist, ob die Branche und die Hersteller das Umweltzeichen nutzen wollen. Dahinter steckt oft jahrelange Überzeugungsarbeit. Teilweise gelingt es: Beispielsweise hatten wir im Bereich der Farben lange Zeit nur wenige Lizenznehmer*innen. Schließlich konnten wir mit dem Fachverband der chemischen Industrie eine Übereinkunft erzielen, der die Farbenhersteller mitrepräsentiert. Dies ermöglichte es, die Produktprüfung zu vereinfachen, ohne die Qualität zu verringern. Ein wesentlicher Aspekt war dabei, ein österreichisches Prüfinstitut für alle einzusetzen, das die Prüfungen vornimmt und von den Herstellern die notwendigen Daten bekommt. Die Rezepturen und der Umgang mit den Geschäftsgeheimnissen sind für die Hersteller ein sehr kritischer Punkt. Die Branche konnte an Bord geholt werden, weil wir einen Konsens darüber geschaffen haben, dass die Informationen bei einem österreichischen Institut gebündelt werden, das streng auf die Geheimhaltung achtet, in einem klaren Rahmen agiert und das Vertrauen beider Seiten hat.

Ein zweites Beispiel dafür, wie es teilweise gelungen ist, sind die Reinigungsmittel. Dies ist eine Produktgruppe, die beim österreichischen Umweltzeichen sehr erfolgreich ist und wo auch die Harmonisierung mit den europäischen Umweltzeichen umgesetzt wurde. Dabei war ganz zentral, dass es viele Produkte gibt, die in der gewerblichen Reinigung eingesetzt werden und diese Vorteile bei der öffentlichen Beschaffung haben. Der zweite Aspekt ist, dass es viele Produkte die im klassischen Einzelhandel vertrieben werden, Eigenmarken des Handels sind, die sich damit von den klassischen multinationalen Markenartikelherstellern, die das Umweltzeichen nach wie vor nicht nutzen, unterscheiden. Das ist aber nicht nur bei uns so - das sind Unternehmensstrategien der multinationalen Konzerne.

BUSINESSART: Verschiedene Sparten weisen sehr unterschiedlich viele Lizenznehmer*innen auf, zum Beispiel vier Waschmittel vs. 136 Druckerzeugnisse. Wodurch kommt das zustande, dass es so unterschiedlich viele sind?

Tschulik: Das hängt natürlich stark mit der Struktur der Branche zusammen. Druckereien sind eine Branche, die recht vielfältig ist und eine große Zahl von Einzelunternehmen hat. Waschmittelhersteller gibt es dagegen nur wenige. Und daher spiegelt sich das auch in den Lizenznehmerzahlen wieder. Natürlich hat es eine Auswirkung, wenn Unternehmen in einer Branche beginnen, das Umweltzeichen zu nutzen. Wenn einmal das Eis gebrochen ist, dann wird das am Markt auch beobachtet. Und das ist auch gut so, das ist eine der Intentionen des Umweltzeichens.

BUSINESSART: In welchen Bereichen würde es am ehesten eine neue Richtlinie brauchen - aus Umweltzeichen- oder Konsument*innensicht?

Tschulik: Wir haben derzeit mehrere Richtlinien in Arbeit.

Eine davon sind Wärmedämmverbundsysteme: ein integriertes Produkt aus Dämmstoff, Klebstoff bis zur Farbe. Da gibt es einerseits eine gute Basis mit den Kriterien für Dämmstoffe und Farben und andererseits folgen wir dem Markt, weil heute in der Bauwirtschaft sehr stark in Wärmedämmverbundsystemen gedacht wird, die teilweise vorgefertigt angeliefert und nur noch auf die Gebäudehülle aufgebracht werden. Daher haben wir den Schritt zur Integration gemacht und mehrere Aspekte in einer Richtlinie zusammengefasst. Bisher sind fossile Dämmstoffe nur im Bereich des Perimeters zulässig, wo es um die hydrophoben Merkmale geht, die derzeit noch nicht durch Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe abgedeckt werden können. Für die neue Richtlinie diskutieren wir, ob wir auch Styropor und ähnliche Baustoffe im Umweltzeichen zulassen, dafür jedoch einen Recycling-Anteil vorschreiben, weil ein Recycling-Anteil die Ökobilanz eines solchen Wärmedämmverbundsystems entscheidend verbessert und es ohnehin notwendig wird, auch im Baubereich mehr in Richtung Kreislaufwirtschaft zu gehen, weil es da um große Stoffströme geht. Das ist ein Beispiel, wo wir das Umweltzeichen auf Basis bestehenden Know-hows in Richtung der Marktentwicklung entwickeln und neue Aspekte einbringen, die Kreislaufwirtschaft, die gerade im Bausektor wichtig ist, zu forcieren.

Eine andere Richtlinie, die wir derzeit erarbeiten, hat zum Ziel, erneuerbares Gas auch zertifizierbar zu machen. Da die Mengen an rein erneuerbarem Gas relativ gering sind, diskutieren wir, ob sich die Auszeichnung nur auf solche Gasprodukte oder auch auf Mischprodukte, die auch fossile Anteile enthalten, beziehen soll. Der Marktpreis von rein erneuerbarem Gas beträgt das Mehrfache des fossilen Gaspreises, was dies zu einem Nischenprodukt macht. Dies muss in die gesamte Strategie des erneuerbaren Ausbaugesetzes und Wärmestrategieumsetzung eingebettet sein. Hier ist also noch einiges an Arbeit und Diskussion notwendig.

Man kann zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, wie die Kriterien final ausgestaltet werden, weil wir hier ergebnisoffen arbeiten und diskutieren und am Schluss des Diskussionsprozesses in den Fachausschüssen nochmal der Beirat entscheidet, ob die Richtlinie in Kraft gesetzt wird.

BUSINESSART: Aus Sicht der Konsument*innen und aus unserer Sicht wäre der Bereich IT interessant - Hard- und Software. Bisherige Ansatzpunkte konzentrieren sich auf den Energieverbrauch, werden in Zukunft auch Ressourcen, Produktionsbedingungen, Recycling berücksichtigt werden?

Tschulik: In der letzten Umweltzeichenbeiratssitzung wurde beschlossen, dass der VKI mit Vorarbeiten beginnt und die ersten Recherchen durchführen soll. Der ganze Bereich IT, Hardware sowie Software, ist für uns wichtig, und die Entscheidung leitet nun in die Wege, dass sich das Umweltzeichen auch diesen Produktgruppen widmen kann.

Wir kooperieren hier eng mit dem Blauen Engel, der bereits eine Richtlinie über energiesparendes Programmieren/ energiesparende Software erstellt hat. Diskutiert wird das auch im Zusammenhang mit der öffentlichen Beschaffung, da es Kriterien für die klassischen Büro IKT-Geräte auf europäischer Ebene gibt, auch vom europäischen Umweltzeichen. Wo es derzeit noch nichts gibt, sind die Server, die vom Energieverbrauch sehr relevant sind. Es ist tatsächlich ein Thema, das mehr die Beschaffung betrifft und weniger die Konsument*innen.

BUSINESSART: Es gibt auch sehr viele andere, internationale Zeichen mit denen das Umweltzeichen zum Teil kooperiert. Wie kann man sich diese Zusammenarbeit vorstellen - welche Prozesse und Strukturen gibt es?

Tschulik: Die Kooperation mit dem Blauen Engel wurde über Jahre aufgebaut und über ein offizielles Kooperationsabkommen formalisiert. Wir streben nicht nur an, gemeinsam Richtlinienarbeit durchzuführen und uns bei den Kriterien abzustimmen, sondern auch dort, wo Kriterien gemeinsam entwickelt wurden oder Richtlinien des Blauen Engel in das österreichische System übernommen wurden, Prüfgutachten, die für das Umweltzeichen erbracht werden, auch für den Blauen Engel gelten. Das heißt, ein Prüfgutachten, zwei Umweltzeichen.

Dieses Prinzip haben wir auch in der Kooperation mit dem europäischen Umweltzeichen umgesetzt: Dort, wo das ökologische Anspruchsniveau ausreichend hoch ist und wir eine Richtlinie des österreichischen Umweltzeichens haben, dort harmonisieren wir mit den europäischen Kriterien. Dies hat für Unternehmen den Vorteil, dass sie mit einem Prüfgutachten nicht nur das österreichische, sondern auch das europäische Umweltzeichen bekommen können - denn Österreich ist ein eher kleiner Markt und es macht keinen Sinn einen Prozess mehrmals mit leicht unterschiedlichen Kriterien durchlaufen zu müssen.

Da wir als Abteilung ja auch für EMAS zuständig sind, gibt es auch hier eine Schnittstelle, auch wenn dies zwei unterschiedliche Herangehensweisen und Instrumente sind. Hier werden also keine Kriterien übernommen, allerdings bekräftigen sich die Instrumente gegenseitig. Betriebe, die zuerst EMAS gemacht haben, merken danach, dass sie auch das Umweltzeichen nutzen könnten, und umgekehrt sagen Umweltzeichennehmer, dass sie sich weiter entwickeln möchten, weil das Umweltzeichen oft nur eine Produktgruppe umfasst, und die Lizenznehmer*innen auch den umfassenderen Ansatz, den das EMAS für das gesamte Unternehmen darstellt, nutzen.

BUSINESSART: Was sind die typischen Vorteile, die (potentielle) Lizenznehmer*innen überzeugen?

Tschulik: Die Positionierung im Marketing. Eine aktuelle Masterarbeit zeigt unterschiedliche Motivationen, das Umweltzeichen zu nutzen, allen voran der Marktdruck, der es notwendig macht, Umweltprodukte im Portfolio zu haben. Wesentlich für eine Wiederauszeichnung ist die Unternehmensphilosophie, die Werte, die dahinter stehen. Unternehmen, die offen sind für Umweltschutz, nutzen solche Instrumente eher.

BUSINESSART: Was sind typische Einwände von (potentiellen) Lizenznehmer*innen?

Tschulik: Ein wesentlicher Aspekt ist die Kosten-Nutzen-Beurteilung, die sehr differenziert betrachtet werden muss. Wenn ich unter einem sehr starken Marktdruck stehe, ein Umweltzeichen-Produkt zu haben, und zum Beispiel von einem Kunden nur gelistet werde, wenn ich ein Umweltzeichenprodukt anbiete, und dann in der Ausschreibung dieses Kunden nicht erfolgreich bin, dann lege ich auch das Umweltzeichen zurück (und stelle zumal auch das Produkt ein). Das sind die Unternehmen, bei denen der Sinn des Umweltzeichens noch nicht in die Unternehmensphilosophie eingedrungen ist. Der Marktdruck ist einerseits gut, aber auf der anderen Seite bekommt man dadurch auch Lizenznehmer*innen, die ausschließlich aufgrund des Drucks eine Zertifizierung durchmachen und nicht, weil sie davon überzeugt sind, dass es für Umwelt- und Klimaschutz notwendig ist. Es ist eine Chance, aber wenn es nicht als sinnvoll angesehen wird, dies in die Unternehmensphilosophie zu integrieren, dann steigen die Unternehmen auch wieder aus.

Ein weiterer großer Punkt sind Schließungen, Zusammenlegungen und Übernahmen von Betrieben. Besonders in der Druckereibranche ist die Situation beispielsweise sehr dynamisch.

BUSINESSART: Wann sind Sie Mister Umweltzeichen geworden?

Tschulik: 1996 ist das Umweltzeichen in die Zuständigkeit meiner Abteilung gekommen.

BUSINESSART: Was motiviert Sie? Was ist Ihre größte Freude?

Tschulik: Die größte Freude ist, wenn ich sehe, dass wir mit dem Umweltzeichen wirklich etwas im Bereich des Umweltschutzes bewirken können; dass wir einen relevanten Marktanteil mit Umweltzeichenprodukten geschaffen und dadurch auch einen geringeren Anteil an problematischen Stoffen in der Umwelt haben, wie zum Beispiel bei Farben oder Reinigungsmitteln. Eine große Freude ist, wenn wir einen Markt wirklich verändert haben. Zum Beispiel bei Schulheften aus Recyclingpapier. Wir sind mit einem Marktanteil von 5 Prozent gestartet und haben heute einen von über 60 Prozent.

Das ist gelungen, indem es einerseits die Aktion "clever einkaufen für die Schule" gibt, mit der wir gezielt an Schulen und Trägerorganisationen mit der Einladung herangetreten sind, Schulprodukte umweltgerechter zu gestalten. Andererseits gab es auch aktive Unternehmen, die mit zertifizierten Produkten offensiv in den Markt hineingegangen sind, sodass auch der größte Schulheft-Produzent wieder auf Recyclingpapier umgestellt hat. Mit dieser Umstellung machte es auch auf betriebswirtschaftlicher Seite keinen Sinn, verschiedene Produktlinien konkurrenzierend zu betreiben. Wenn der Markterfolg des Umweltproduktes gut ist, dann setzt sich das auch innerbetrieblich durch und wird zum dominanten Produkt für den Betrieb.

Bei Multifunktionsgeräten war die öffentliche und institutionelle Beschaffung ein wichtiger Faktor. Hier ist es gelungen, auch viele internationale Konzerne als Lizenznehmer*innen zu gewinnen. Auch beim grünen Strom gab es eine jahrelange Aufbauarbeit. Mittlerweile hat sich der Markt sehr stark über öffentliche und private Nachfrage verändert. Auch EMAS-Betriebe treiben die Nachfrage an. Hier sieht man gut das Zusammenspiel der beiden Instrumente.

BUSINESSART: Was war die größte Herausforderung?

Tschulik: Die größte Herausforderung ist immer, darauf zu achten, dass die notwendigen Ressourcen für das Umweltzeichen zur Verfügung stehen. Das Umweltzeichen ist als Instrument sehr gut positioniert und akzeptiert, auch politisch, aber es muss sich mit vielen weiteren gut akzeptieren Initiativen messen.

Inhaltsverzeichnis: BUSINESSART 3/2020-Die Wirtschaft hat Corona