zum Inhalt springen

Der Handel steht aktuell unter erheblichem Transformationsdruck. Zwar gibt es weiterhin Umsatzwachstum, Händler*innen werden aber gleichzeitig durch steigende Kosten, technologische Disruptionen, veränderte Konsument*innenbedürfnisse und neue regulatorische Anforderungen herausgefordert.

Titelbild: rechts im oberen Eck kleben zwei klassische Preissticker in rot und gelb, beide mit der Aufschrift
Foto: iStock/numismarty; Gestaltung: LIGA
Ein Mann mit Glatze und Brille im dunkelblauem Sakko mit Einstecktuch über weißem Hemd mit offenem Kragen posiert in einem Stiegenhaus mit Edelstahlgeländern, grauen Wänden und Fensterflächen im Hintergrund.
Peter Linzner, Partner, EY Sustainability Services, Retail. Foto: EY Österreich

Der Handel steht aktuell unter erheblichem Transformationsdruck. Zwar gibt es weiterhin Umsatzwachstum, Händler*innen werden aber gleichzeitig durch steigende Kosten, technologische Disruptionen, veränderte Konsument*innenbedürfnisse und neue regulatorische Anforderungen herausgefordert.

Kostendruck in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit

Viele Händler*innen kämpfen mit steigenden Kosten für Waren, Personal, Energie und Logistik. Gleichzeitig bleiben Konsument*innen aufgrund von Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit preissensibel. Dies führt zu steigendem Druck auf Margen und Profitabilität. Händler*innen reagieren mit Effizienzprogrammen wie zum Beispiel dem Straffen von internen Abläufen und mehr Automatisierung – etwa die KI-unterstützte Optimierung von Lagerständen, die Bereinigung des Produkt-Portfolios um Artikel mit geringer Nachfrage zur Reduktion der Lagerkosten sowie der Ausbau von Eigenmarken.

Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und zunehmende Zollrisiken erhöhen die Anfälligkeit globaler Lieferketten. Händler*innen müssen ihre Beschaffungsstrategien diversifizieren, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Kritische Erfolgsfaktoren sind dabei das Management des Produktbestands im Lager, transparente Lieferketten sowie Prognosen des eigenen Verbrauchs und des Absatzes von Waren.

KI, Digitalisierung und technologische Disruptionen

Der Wettbewerbsdruck zur Einführung von KI wächst stark. Händler*innen investieren dabei u.a. in KI-gestützte Preis- und Bestandsoptimierung, personalisierte Kund*innenansprache und eine Automatisierung der Fulfillment-Prozesse von den Bestellungen der Kund*innen bis hin zur Abwicklung von Reklamationen. Gleichzeitig gewinnen automatisierte Logistiklösungen und Omnichannel-Plattformen wie zum Beispiel Klick & Collect Systeme an Bedeutung.

Die Herausforderung liegt dabei weniger in der Verfügbarkeit der Technologie als in der erfolgreichen Integration in bestehende Prozesse und des Paybacks der getätigten Investitionen.

Veränderung des Konsument*innenverhaltens

Konsument*innen legen zunehmend Wert auf günstige Preise, Komfort und personalisierte Einkaufserlebnisse. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Nachhaltigkeit und Transparenz. Besonders jüngere Käufer*innen erwarten digitale, personalisierte und werteorientierte Angebote, während ältere Kund*innengruppen stärker auf Vertrauen, Service und Qualität achten.

Stationäre Geschäfte bleiben weiterhin der wichtigste Vertriebskanal, müssen jedoch neu definiert werden. Die Herausforderung besteht – im Besonderen bei Einkaufszentren –darin, zusätzliche Wertschöpfung aus bestehenden Flächen zu generieren, wie Erlebnis-Zentren,  Reparatur-Zentren und anderes mehr.

Regulatorische Anforderungen

Klimarisiken, Ressourcenknappheit und ESG-Anforderungen verändern Geschäftsmodelle nachhaltig. Unternehmen stehen unter Druck: Kreislaufwirtschaft zu fördern, Verpackungen nachhaltiger zu gestalten, Scope-3-Emissionen – also Treibhausgase, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen – zu reduzieren, Rücknahme-, Wiederverwendungs- und Recyclingmodelle auf- und auszubauen sowie Transparenz entlang der Lieferkette sicherzustellen.

Neue Offenlegungs- und Berichtspflichten erhöhen zusätzlich die Komplexität und die Kosten der Compliance: Auf das Geschäft der Handelsunternehmen wirken sich viele Vorgaben aus, so zum Beispiel die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR), die European Union Deforestation Regulation (EUDR), European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) und die Extended Producer Responsibility (EPR). Das erhöht die Komplexität und die Kosten der Compliance zusätzlich.

Die größte Herausforderung für den Handel besteht in der Gleichzeitigkeit, sowohl profitabel zu wachsen, die digitale Transformation voranzutreiben, Lieferketten resilienter zu machen und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen. Erfolgreiche Händler*innen werden somit jene sein, die KI gezielt einsetzen, ihre Geschäftsmodelle diversifizieren und Kund*innennutzen, Nachhaltigkeit sowie operative Effizienz miteinander verbinden.

Peter Linzner, Partner, EY Sustainability Services, Retail