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Markus Zeilinger, fair-finance

fair-finance versteht sich als alternative Vorsorgekasse, die nicht nach Gewinnmaximierung strebt. Neben einem für Kunden vorteilhaften Angebot hat sich das Unternehmen zu einer durchgängig nachhaltigen und wirkungsorientierten Kapitalanlage verpflichtet.

Markus Zeilinger
Markus Zeilinger Foto: Lukas-Pelz-primephoto

Abgesehen von vergleichsweise strengen aber mittlerweile branchenüblichen Selektionskriterien für Aktien und Anleihen liegt der Fokus zunehmend auf Impact-Investments. Dabei steht die konkrete soziale und ökologische Veränderung im Vordergrund, wie dies z.B. bei den Themen Mikrofinanz, Aufforstung, Alternativenergie, Pflegeimmobilien, Social-Business-Investments, etc. gegeben ist.

BUSINESSART: Nehmen nachhaltige Investments zu?

Markus Zeilinger: Die Titelselektion unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien ist heute im Mainstream angekommen. ESG-Kriterien – für Ausschluss oder Best in Class – haben sich auch in Tiefe und Transparenz verbessert. Und dass deren Berücksichtigung keine Performance kostet, sondern eher Vorteile bringt, findet breite Akzeptanz. Dankenswerterweise nehmen nachhaltige Investments somit zu. Für uns bedeutet diese erfreuliche Entwicklung aber nicht „ausruhen“, sondern Weiterentwicklung. So lassen wir die über 1.300 Einzeltitel unseres Portfolios quartalsweise überprüfen und suchen im Sinne von Engagement den Dialog mit den Fondsmanagern und auch den Unternehmen selbst. Wir haben ein fair-finance-Scoring entwickelt, in dem der soziale Aspekt stärker gewichtet ist. Und wir trachten danach den CO2-Fußabdruck zu reduzieren.

Markus Zeilinger: Sie legen den Fokus zunehmend auf Impact-Investments. Was bedeutet das und wie machen Sie das?

Wir würden den Anteil an wirkungsorientierten Impact Investments von aktuell rund 35 % des Portfolios gerne erhöhen. Dies scheitert aber an den aufsichtsrechtlichen Vorgaben. Begonnen haben wir mit Mikrofinanzierung und setzen dafür auch ein eigenes Bewertungsmodell ein. Im heurigen Sommer haben wir unseren Social Entrepreneurship-Funds gestartet, der nur Beteiligungen eingeht, wenn drei Viertel der Mitglieder des Impact-Beirats zustimmen. Und wir investieren in Wohnimmobilien, die leistbar sind und definierte Mindestkriterien erfüllen. Darunter sind neben klimarelevanten Punkten auch ethische Kriterien wie die Mieterstruktur oder Governance.

Um welche Projekte handelt es sich da?

Wir haben zum Beispiel für einen Katholischen Orden ein Schulareal mit einem Projektvolumen von 50 Millionen Euro neu geplant. Das Konzept sieht neben dem Neubau der Schule mit Hort und Kindergarten, die Errichtung von „Betreubaren Wohnungen“ und auch das Angebot von „Betreutem Wohnen“ auf dem Areal vor. Wichtig dabei ist die gemeinsame Nutzung der Infrastruktur wie Küche, Turnsaal, Garten und medizinische Versorgung sowie ein freudvollen Miteinander von Jung und Alt.

Sie investieren aber auch stark in Themenfonds.

Wir haben einen Aufforstungsfonds in Afrika, einen Alternativ-Energie-Speicher-Fonds oder einen Pflegeimmobilienfonds. Seit zwei Jahren haben wir auch die Konzession als Vermögensverwalter. Dadurch können wir selbst Social Impact Funds, vorerst in Form des Social Entrepreneurship-Funds, auflegen. Der Funds soll mittels Beteiligungen bis zu 20 Mio. Euro Eigenkapital für das Wachstum von Unternehmen zur Verfügung stellen, die neben dem wirtschaftlichen Erfolg einen signifikanten gesellschaftlichen Beitrag leisten. Klimarelevanz wird dabei natürlich als gesellschaftliches Thema gesehen. Die ersten beiden Projekte haben bereits die Due Diligence durchlaufen

Wie unterscheiden Sie sich von anderen Investoren?

Auch wir bewegen uns im magischen Dreieck der Geldanlage: Rendite, Risiko und Liquidität. Andere setzen Nachhaltigkeitskriterien zur Optimierung dieser drei Ziele ein. Man hat erkannt, dass sich die Mitarbeiter*innen-Zufriedenheit positiv auf die Rendite auswirkt, weil die Fluktuation geringer ist. Das gilt auch für den Energieverbrauch oder die CO2-Emissionen – eine Reduktion verringert das Risiko. Das liegt im Mainstream und ist auch gut so – der Weg ist egal, solange das Ergebnis gut ist. Wir sind ein stakeholder-getriebenes Unternehmen, das sich an der Wirkung orientiert. Das bedeutet, dass für uns die Dimension Nachhaltigkeit ein eigenes, selbstständiges Ziel neben Rendite, Risiko und Liquidität ist, das unabhängig, aber interdependent angestrebt wird. Wir versuchen den bestmöglichen Beitrag zum Erhalt oder der Verbesserung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu leisten, indem wir unser Kapital sinnstiftend einsetzen.

Gab es Situationen, in denen Sie sich gegen nachhaltiges Handeln entschieden haben?

Die gibt es oft. Wir sind ein treuhändischer Verwalter und kein philanthropischer Investor. Unsere Entscheidungen sind wohlüberlegt und zeigen keine Nachteile hinsichtlich Rendite, Risiko und Liquidität.

Wie wirken sich die niedrigen Zinsen aus?

Durch die angespannte Zinssituation – viele Investoren müssen für ihr Geld Strafzinsen zahlen – suchen die Anleger verzweifelt Möglichkeiten, in die sie investieren können. Geld sucht Projekte, könnte man sagen.

Was sind die häufigsten Gründe, dass Sie ein Investment ablehnen?

Es werden oft Projekte angeboten, die gut und unterstützenswert sind, in die wir aber unter Abwägung aller Aspekte nicht investieren können. Zum Beispiel, weil das Businesskonzept noch nicht ausgereift ist, oder wir – wie bei einem Aufforstungsprojekt in Paraguay – keine Kapazitäten haben, uns mit der rechtlichen Situation auseinanderzusetzen.

Bekommen Sie genug gute Projekte auf den Tisch?

Es ist leicht, gute Projekte zu finden. Wir fürchten uns sogar, zu viele Projekte zu bekommen und sie nicht behandeln zu können. Daher haben wir mit dem Senat der Wirtschaft als Partner den Social-Entrepreneurship-Funds aufgebaut. Die Unternehmen melden sich zunächst beim Senat, der die Vorauswahl trifft und die Beratung durchführt. In vielen impactstarken Projekten liegt enormes Potential. Wir können vorerst nur einen überschaubaren Betrag in die Assetklasse Social Privat Equity investieren, etwa ein Prozent unseres Gesamtvermögens. Möglich wäre ein Vielfaches davon.

Wieso diese Grenze?

Das liegt an den Investitionsregulatorien, denen wir unterliegen. Derartige Investments – die sogenannten Alternativen Investments sind mit fünf Prozent gedeckelt. Und in diese Grenze fallen auch die meisten anderen Themenfonds hinein. Das „Investieren dürfen“ ist das Problem.

Wie finden Sie heraus, dass ein Investment Ihren Kriterien entspricht?

Das ist heute kein Thema mehr. Die Impactinvestments werden einer individuellen Due Diligence unterzogen und die über 1.300 Titel lässt unsere Nachhaltigkeitsexpertin Frau DI Mag.a Schwaiger quartalsweise hinsichtlich der Einhaltung unserer Richtlinie überprüfen. Dazu bedienen wir uns der Researchagentur TVG The Value Group in München.

Was können Investments leisten? Welche Verantwortung haben Banken und Versicherungen?

Investments sind der Schlüssel zur Lösung der Zukunftsthemen. Die Finanzströme sind die Schlüssel, die aufsperren oder zusperren. Drehen muss die Schlüssel die Politik. Wir stellen unseren Schlüssel jedenfalls gerne zur Verfügung.

Was bedeutet das konkret?

Nehmen wir zum Beispiel eine Kreditvergabe für eine Immobilie. Ein zukunftsorientiertes Investment achtet auf Nachhaltigkeit – von der Begrünung der Fassade, der Dämmung, der Anschaffung einer effizienten Heizung bis zum Austausch von schadstoffbelasteten Bodenbelägen. Manche Banken beginnen das zu berücksichtigen und achten neben der Bonität des Kreditnehmers auch auf die Nachhaltigkeit der Mittelverwendung. So bewegt sich etwas. Eine Herausforderung sowohl für das Risikomanagement als auch die Finanzmarktaufsicht – für sie stellt Nachhaltigkeit ein Risiko dar. Da wird hoffentlich die EU- Richtlinie etwas ändern.

Der EU-Aktionsplan Sustainable Finance ist hilfreich?

Er ist sehr wichtig, gut und überfällig. Aber er beinhaltet auch das Risiko der Nivellierung. Wir haben die Sorge, dass eine Übererfüllung der Standards, so wie wir dies tun, unterbunden werden könnte. Wenn zum Beispiel Social-Investments rausfallen, hätten wir ein Problem.

Sie haben fair-finance gegründet. Was ist Ihre Motivation sich für nachhaltige Investments einzusetzen?

Das war ein langer Prozess. Ich hatte in meiner Internatszeit einen sehr engagierten Erzieher, der uns sehr früh auf den fairen Handel aufmerksam gemacht hat. Später habe ich Politikwissenschaft studiert und herausgefunden, dass die Theorie‚ der Welthandel gereiche für alle zum Vorteil, nicht aufgeht. In meinem Job bei der Winterthur Pensionskasse haben wir 1997 mit nachhaltigen Investment gestartet. Das hat sich gut entwickelt und fair-finance ist nur die konsequente Fortsetzung. Unser Anspruch ist es, Vorbild und Vorreiter zu sein.

Sie haben einiges geschafft. Sind Sie zufrieden?

Geschafft im Sinn von erledigt haben wir noch nichts. Wir sind auf dem Weg und haben ein Stück des Weges geschafft. Das ist wie ein Wandernder, der die erste Etappe zurückgelegt hat. Ich bin nicht unzufrieden. Wir haben uns als ein von Finanzkonzernen unabhängiger Finanzdienstleister im Markt mit dem Thema Nachhaltigkeit positioniert. Das passt dankenswerterweise auch zum Trend und wäre früher schwerer gewesen.

Was waren die Hindernisse am Weg? Wie haben Sie sie überwunden?

Das sind in erster Linie die rechtlichen Restriktionen, die teilweise zu sehr mühsamen Lösungen führen. Wir haben zwei Jahre auf die Konzession für den Betrieb der Vorsorgekasse gewartet und auch das Auflegen eines Social Entrepreneur Fonds kostet 200.000 Euro und dauert ein Jahr. Sicher – der Konsumentenschutz ist wichtig und man verhindert damit wohl auch die schwarzen Schafe. Das ist sinnvoll, macht es aber nicht einfacher.

Und das Mitwachsen der eigenen Organisation braucht Zeit. Wir sind 2010 von Null gestartet. Heute haben wir bald 40 Mitarbeiter*innen und ebenso viele Gesellschaften und Joint Ventures in der Gruppe – das fordert unsere Organisation schon stark. Wir kämpfen dabei mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Unternehmen. So sind wir im Bereich Vorsorgekasse extrem genau, fehlerfrei, und bestens dokumentiert. Die Entwicklung von Immobilienprojekten hingegen ist dynamisch, innovativ und kreativ. Dies zu harmonieren ist ein Thema. Genauso wie an sich selbst zu arbeiten. Ich tue mir zum Beispiel schwer mit dem Loslassen.

Was sagen Sie zu den jungen Menschen von Friday for future?

Höchste Bewunderung, höchste Hochachtung, höchste Wertschätzung. Ich würde mich am liebsten auch dazu stellen und am Freitag demonstrieren. Ich sehe eine Generation rausgehen und sich engagieren. Friday for Future schafft Öffentlichkeit – im Wahlkampf hat der Klimawandel die Zuwanderungsfrage verdrängt. Auch wenn die konkreten Antworten der Parteien fehlen, das Thema ist aber trotzdem angekommen. Die jungen Leute werden älter werden und etwas zu sagen haben.

Was müssen wir lernen? Was müssen wir ändern?

Wir müssen umdenken und verzichten lernen. Ich persönlich glaube, dass unser wachstumsgetriebenes Wirtschaften die Ursache für viele Probleme ist. Ich glaube nicht, dass eine Vermehrung des Wohlstandes in Summe möglich ist – das funktioniert nur zulasten anderer. Daher müssen wir uns vom Überfluss verabschieden und uns – als Gesellschaft in einem reichen Land – mit mehr Genügsamkeit anfreunden. Das ist äußerst schwierig, denn raffen und optimieren treibt unser Denken seit Generationen. Und es betrifft jeden persönlich: Wie fahre ich auf Urlaub? Esse ich Fleisch? Habe ich ein höheres Einkommen damit ich mir morgen auch noch etwas leisten kann? Und wir veranlage ich mein Kapital. Die sozialen Probleme, Ungerechtigkeit und Gewalt werden dramatisch beschleunigt und verschärft durch den Klimawandel. Das wird zu enormen sozialen Verschiebungen führen. Wir brauchen ein Umdenken und mehr Demut. Das ist die große Herausforderung, die aber mit vielen kleinen Schritten gemeistert werden kann.

Gibt es einen Satz Ihres Lebens?

Der Weg ist das Ziel. Es ist nicht mein Lebensmotto, irgendwo anzukommen und dann nichts mehr zu tun. Allerdings weniger von den mühsamen Dingen würde mich nicht stören – um mehr Zeit für die neuen, innovativen und wirkungsvollen Ideen zu haben. Der Weg ist das Ziel bedeutet für mich, jeden Tag neu zu starten, eine neue Etappe zu gehen und die vielen kleinen Wegfreuden dabei zu genießen.

Mag. Markus Zeilinger, Vorstandsvorsitzender & Gründer
fair-finance Vorsorgekasse AG
Gegründet: 2010
Sitz: Wien
Mitarbeiter*innen: 39
Website: www.fair-finance

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