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Wie sich Versicherungen an den Klimawandel anpassen

Eine Analyse der Branche und deren Herausforderungen.

Wie sich Versicherungen an den Klimawandel anpassen. Das Bild zeigt ein Maisfeld mit einigen vertrockneten Pflanzen.
Foto: Yucong Cai/Unsplash

Die vorläufige Aprilbilanz des meteorologischen Dienstes GeoSphere Austria: Nur in vier Jahren seit 1858 war der April trockener. In sieben Bundesländern waren die Niederschlagsdefizite mit einem Minus von 65 bis 75 Prozent besonders hoch. An manchen Orten fielen nicht einmal 15 Prozent der Regenmenge, die in diesem Monat sonst durchschnittlich anfällt.

Die anhaltende Trockenheit bringt die Landwirtschaft in Österreich zunehmend unter Druck. Fehlende Niederschläge und steigende Temperaturen beeinträchtigen laut Landwirtschaftskammer die Entwicklung zahlreicher Kulturen und sorgen bereits für erste Ertragseinbußen. „Es wird Ausfälle geben, vor allem bei Wintergetreide, Mais, Soja, aber auch im Grünland", sagte Landwirtschaftskammer-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger gegenüber der APA. Ohne „ordentlichen Regen" werde es „deutliche Ertragseinbußen geben“.

Schäden und Ausfälle belasten in weiterer Folge die Versicherungsbranche. Sie steht im Spannungsfeld zwischen wachsenden Klimarisiken, zunehmender ESG-Regulierung und dem Anspruch, selbst Teil der nachhaltigen Transformation zu sein. Sie hat den Handlungsbedarf erkannt und erste Schritte gesetzt. Ob sie künftig Treiber einer klimafitten Wirtschaft ist oder vor allem Schäden verwaltet, hängt aber auch davon ab, wie entschlossen sie ihren Spielraum innerhalb und jenseits von Solvency II nutzt: bei der Zeichnungspolitik – also den Überlegungen, welche Risiken versichert werden, welche aber nicht –, bei Kapitalanlagen und bei der Begleitung der Transformation ihrer Kund*innen.

Nachhaltigkeitsrisiken im Alltag der Versicherung

Der Umgang mit Risiken gehört grundsätzlich zum Daily Business von Versicherungen. Der Klimawandel zählt aktuell zu den wichtigsten Risikotreibern. Dabei umfassen Klimarisiken all jene Risiken, die durch den Klimawandel entstehen. Laut der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) können Nachhaltigkeitsrisiken in den Bereichen Umwelt, Soziales oder der Unternehmensführung entstehen. Es geht um Ereignisse und neue Bedingungen, die wesentliche negative Auswirkungen auf den Wert von Vermögenswerten sowie Reputation eines Unternehmens haben oder haben könnten.

Protection Gap

Die UNIQA weist auf die aktuellen Einschätzungen von Insurance Europe, Aufsichtsbehörden (EIOPA) und großen europäischen Versicherern zur zukünftigen Versicherbarkeit von Umwelt- und Klimarisiken hin: Klimarisiken werden demnach häufiger, intensiver und weniger vorhersehbar und die Versicherbarkeit verschlechtert sich selektiv in bestimmten Regionen. Dadurch vergrößert sich der „Protection Gap“ innerhalb Europas: „Nur rund ein Viertel der Klimaschäden in Europa ist versichert, etwa drei Viertel blieben  unversichert. Nur 17 Prozent der Europäer*innen haben eine explizite Naturkatastrophenversicherung“, sagt Andreas Rauter, Senior Advisor Sustainability der UNIQA.

Die Österreichische Hagelversicherung beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Klimarisiken, da die österreichischen Landwirt*innen den Klimawandel bereits seit Jahrzehnten durch die Zunahme von Extremwetterereignissen zu spüren bekommen.

Aber neben Klimarisiken nehmen auch Biodiversitäts- und Naturrisiken zu, die höhere Naturkatastrophenschäden, Ernterisiken, Wasserstress, aber auch Lieferkettenprobleme verursachen. Die sogenannten Transitionsrisiken wiederum entstehen durch Regulierung, CO₂-Bepreisung, Technologieumbrüche und Marktveränderungen.

Thomas Gimesi von der Allianz Österreich hält fest, „dass Nachhaltigkeitsrisiken für Versicherungen insgesamt kein eigener Sonderbereich sind, sondern Ausprägungen klassischer Finanz- und Versicherungsrisiken.“ Die Herausforderung für Versicherungsunternehmen besteht nun darin, die Klimarisiken und in der Folge sämtliche Nachhaltigkeitsrisiken zu identifizieren und ins normale Risikomanagement zu integrieren. „Insgesamt muss das Thema Nachhaltigkeit ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein und in weiterer Folge ESG-Kriterien ein integraler Bestandteil der Anlagepolitik, der Produktentwicklung und des Risikomanagements“, betont Doris Wendler, Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen Versicherung

Versicherungen als Nachhaltige Investorinnen

Großer Handlungsbedarf besteht auf der Investmentseite. „Die Versicherungsbranche als große institutionelle Investorin kann Kapital gezielt in nachhaltige Geschäftsmodelle lenken und über Engagement reale Veränderungen anstoßen, auch in emissionsintensiven Branchen“, ist man bei der Allianz überzeugt. Sie setzt in den Kapitalanlagen auf einen gezielten Portfolioumbau, etwa durch den Ausschluss besonders klimaschädlicher Geschäftsmodelle ohne glaubwürdigen Übergangsplan und auf aktives Engagement mit Unternehmen, die Transformationspotenzial aufweisen.

Fabian Wolfbeißer von der Österreichischen Hagelversicherung verweist auf die Bedeutung der Kapitalanlage und wie hier Nachhaltigkeit integriert werden kann. Dabei arbeitet die Versicherung mit einer Reihe von Ausschlusskriterien in der Kapitalveranlagung und setzt zudem auf eine jährliche, externe Nachhaltigkeitsüberprüfung ihres Gesamtportfolios durch die ÖGUT. Bei der Hagelversicherung will man neben einer ökonomischen auch eine ökologische Rendite erwirtschaften.

In die gleiche Richtung argumentiert auch die Wiener Städtische, die großes Potenzial darin sieht, gezielt in nachhaltige Infrastruktur zu investieren, CO₂-intensive Branchen entweder zu meiden oder transformieren zu helfen. Gerade in der Unterstützung der Transformation von Unternehmen wird der größte Hebel für echte Wirkung gesehen.

Nur rund ein Viertel der Klimaschäden
in Europa ist versichert, etwa drei Viertel
blieben unversichert. Nur 17 Prozent
der Europäer*innen haben eine explizite
Naturkatastrophenversicherung.

Andreas Rauter, Senior Advisor Sustainability,
Ethics & Public Affairs – UNIQA Insurance Group AG

Nachhaltigkeitsrisiken unter Aufsicht

Was die Regulatorik im Bereich Sustainable Finance betrifft, so stehen Versicherungen vor erheblichen Aufgaben. Ziel der Vorgaben ist es, das Geschäftsmodell der Versicherer im Bereich des Risikomanagements und der Transparenz zu verbessern. Eine zentrale Herausforderung für die Versicherungsbranche sieht Thomas Gimesi in der stetig wachsenden Komplexität und Fragmentierung der regulatorischen Anforderungen, zum Beispiel durch die EU‑Taxonomie Verordnung EUTAX, die Offenlegungs-Verordnung, die EU-Richtlinie zur unternehmerischen Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) oder Solvency II.

Die Regelungen müssen parallel umgesetzt werden, wobei die Anforderungen von Solvency II jüngst hinzugekommen sind (siehe Solvency II im Update). Dabei sind Definitionen, Zeitpläne und Datenanforderungen nicht immer ausreichend harmonisiert. Doris Wendler weist darauf hin, dass die Anforderungen sehr komplex und nicht „fit for life“ sind. Weiters bestehen Auslegungsunsicherheiten sowie teilweise nicht aufeinander abgestimmte Vorschriften in unterschiedlichen Rechtsakten.

ESG-Kriterien müssen ein integraler
Bestandteil der Anlagepolitik,
der Produktentwicklung
und des Risikomanagements sein.

Doris Wendler, Vorstandsdirektorin,
WIENER STÄDTISCHE Versicherung AG

Riesiges Feld, das automatisch bewässert wird.
Foto: Getty Images/Unsplash

Der konkrete Nutzen einer nachhaltigen Transformation

Eine nachhaltige Orientierung bedeutet aber auch Chancen für die Versicherungsbranche. Fabian Wolfbeißer von der Hagelversicherung sieht diese vor allem in der Positionierung als nachhaltige Versicherung und im Vermögenserhalt. Ein nachhaltiges Portfolio könne widerstandsfähiger gegenüber sogenannten Stranded Assets sein. Das sind Vermögenswerte, die wegen der fehlenden Anpassung an den Klimawandel und Regularien deutlich an Wert verlieren oder vorzeitig abgeschrieben werden müssen. Andreas Rauter, UNIQA, geht davon aus, dass Geschäftsmodelle durch die Transformation robuster werden und Unternehmen zudem an Reputation sowie Vertrauen bei Kund*innen, Mitarbeitenden und Investor*innen gewinnen. Auch im Vorsprung in der Risiko- und Ertragssteuerung sieht Rauter Chancen. Und die Wiener Städtische betont die Rolle der Versicherungen als „Risikopartnerinnen“ für ihre Kund*innen.

Für die Allianz eröffnet die nachhaltige Transformation der Versicherungswirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette große Potenziale. Auf der Produktseite entstehen neue Märkte, etwa durch die Absicherung von erneuerbaren Energien, Speichertechnologien und grüner Infrastruktur. Gleichzeitig gewinnen Versicherungslösungen an Bedeutung, die Prävention und Resilienz fördern, etwa im klimaresilienten Bauen oder in der Naturgefahrenvorsorge.

Sachversicherungen mit integrierten Nachhaltigkeitsaspekten

Auch bei der Ausrichtung von Sachversicherungen spielt das Thema Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle. Die Allianz sieht hier als zentralen Ansatz eine nachhaltige Schadensregulierung. Der Grundsatz lautet „repair, don’t replace“ – also Reparatur vor Austausch. Das soll Ressourcen schonen, Kosten reduzieren und die Kreislaufwirtschaft fördern.

Für die UNIQA sind Präventionsberatung, Naturgefahrenmodelle, die Gebäuderesilienz, kommunale Schutzsysteme sowie Deckungen für Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Gebäudetechnik Beispiele für neue, zukunftsweisende Modelle.

Und bei der Wiener Städtischen setzt man auf Kfz-Produkte mit Klima- und Umweltbonus, Elektroauto-Tarife, Carsharing-Elemente und nachhaltige Wohnungs- und Hausversicherungen, um hier einige Beispiele zu nennen.

Wenn Risiken steigen, steigen die Prämien

Auf die Frage, ob es – insbesondere durch den Klimawandel – zukünftig Regionen oder auch Branchen bzw. Industrien gibt, die nicht mehr versichert werden, gibt es unterschiedliche Ansichten, ein Trend ist aber erkennbar: Unversicherbarkeit entsteht nicht abrupt, sondern schrittweise.

Die Branchenvertreter*innen gehen davon aus, dass die massive Schadensdynamik durch Extremwetterereignisse weiter voranschreiten wird und die Prämienanpassungen und Deckungseinschränkungen bei Erst- und Rückversicherer weitertreiben werden. Es ist davon auszugehen, dass Hochwasserzonen, bestimmte Risikogebiete für Naturgefahren neu klassifiziert und mit Einschränkungen in den Deckungsmöglichkeiten versehen werden. Auch einer breiteren „Verkollektivierung“ über Katastrophenfonds und einer gesetzlichen Versicherungspflicht sind mehr und mehr Grenzen gesetzt, welche nur die Risikoreduktion langfristig als Alternative übriglassen (z. B. Schutzmaßnahmen, bauliche Anpassungen, Absiedelungen etc.). Um es mit den Worten einer der interviewten Versicherungsvertreter*innen zu formulieren: Wenn Risiken steigen, steigen die Prämien – und im Extremfall kann Unversicherbarkeit eintreten.

Susanne Hasenhüttl, Katharina Muner-Sammer – ÖGUT

Die Autorinnen

Susanne Hasenhüttl. Sustainable Finance Expertin der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT)

Katharina Muner-Sammer. Sustainable Finance Expertin der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT)

Weitere Informationen

Unter Nachhaltigkeitsrisiko versteht man ein Ereignis oder eine Bedingung in den Bereichen Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung, dessen bzw. deren Eintreten tatsächlich oder potenziell wesentliche negative Auswirkungen auf den Wert der Investition haben könnte.

FMA-Leitfaden 2025: https://www.fma.gv.at/querschnittsthemen/sustainable-finance/fma-leitfaden-nachhaltigkeitsrisiken/

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