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Von Beton können wir nicht abbeißen

Kommentar von Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender Österreichische Hagelversicherung und Vorsitzender des Universitätsrats der BOKU

Kurt Weinberger_Copyright ÖHV
Kurt Weinberger_Copyright ÖHV

Nach der Corona-Krise ist eine nachhaltigere Wirtschaftspolitik unter stärkerer Berücksichtigung des Naturkapitals unerlässlich.

Die Corona-Pandemie hat die Ökologie und den Klimaschutz aus der Berichterstattung verdrängt. Vorerst. Das ist die Hoffnung.

In den vergangenen Wochen hat sich eine Stille über das Land gelegt. Noch nie war der Himmel so blau, das Wasser so klar und die Luft so rein. Von Wien über Singapur bis New York ist kaum ein Flugzeug am Himmel zu sehen, die Autos stehen vielfach in der Garage. Der Ausstoß an Klimagasen sinkt rapide.

Für heuer wird ein Minus von 5,5 Prozent prognostiziert. Sobald die Wirtschaft wieder auf Touren kommt, wird das Pendel aber in die andere Richtung ausschlagen. Das zeigt die Erfahrung aus der Finanzkrise.

Coronakrise und Klimakrise haben einen Unterschied, aber dennoch eine Gemeinsamkeit.

Der Unterschied liegt darin: Corona kam praktisch über Nacht und versetzte die Menschheit in eine Art Schockstarre. Ohne viel Zeit zu verlieren, musste die Politik handeln. Maßnahmen wurden gesetzt, Shut-downs in aller Welt verordnet. Der Klimawandel hingegen kommt schleichend. Die Forscher sind schon längst in einem Gefahrenmodus, doch die Menschheit nimmt diese Bedrohung noch immer nicht wahr. Es besteht die Gefahr, dass sie nie den richtigen Zeitpunkt findet zu reagieren.

Die Gemeinsamkeit mit Corona: Die Politik muss den Rahmen setzen.

Langsam aber stetig bauen wir immer neue Straßen und wertvolle Agrarflächen verschwinden unter Asphalt und Beton. Ein Flug nach Berlin darf nicht für 38 Euro zu haben sein. Da stimmt was im System nicht. Die Politik muss Kerosin deutlich besteuern und den Wettbewerbsnachteil der Schiene gegenüber der Straße beseitigen.

Es muss wieder viel mehr in Europa produziert werden – nicht nur Gesichtsmasken, auch Lebensmittel. Wir müssen in der Lage sein, die Regale in den Supermärkten mit mehr Lebensmitteln zu füllen, die in Österreich geerntet wurden und nicht in Chile oder Südafrika. Daher muss unsere Lebensgrundlage, der Boden, als kritische Infrastruktur deklariert werden. Das heißt, die Sicherung der Versorgung im Land mit heimischen Lebensmitteln und damit die Sicherung unserer Böden sollen in der Bundesverfassung verankert werden. Andernfalls werden wir ein „Land ohne Äcker, zukunftslos!“ Denn jede/r sollte mittlerweile verstehen: Von Beton kann man nicht abbeißen. Die Politik muss für alle Entscheidungen „Grüne Kosten“ wie die Umweltbelastung und das Klima mit in der Gesetzgebung berücksichtigen.

In Europa gibt es den „Green Deal“. Dieses neue, intelligentere Wirtschaftsdenken beurteilt den Wohlstand einer Volkswirtschaft nicht nur an der Kennzahl des Bruttoinlandsprodukts, sondern auch am Erhalt unseres Naturkapitals wie Boden, Luft oder Wasser. Das ist ein guter Anfang. In die Beurteilung miteinbezogen gehört auch die Messgröße Humankapital - wie geht es den Menschen bei der Weiterentwicklung der Wirtschaft?

Wir müssen die Klimakrise mindestens so ernst nehmen wie die Coronakrise. Die Erfahrungen aus Corona haben wir. Es geht was, wenn wir wollen. Nutzen wir das für das Klima – sonst werden uns die Kinder einmal fragen: Warum habt ihr uns die Erde in so einem Zustand hinterlassen?

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