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Nachhaltigkeit im Tourismus - Chance oder Hemmschuh?

"Da beschneien wir mit den Schneekanonen - dann kommt der Regen oder der Föhn ein paar Tage später und schon gehen 100.000 Euro den Bach runter ... ". Diese und viele andere Statements hörten wir beim CSR-Circle heute Abend. Eine kurze Nachlese.

Podiumsgäste und Vorstand CSR-Circle
Podiumsgäste und Vorstand CSR-Circle vorstand-podium-tourismus

Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein für Österreich: 13,5 % des BIP werden durch die Branche erwirtschaftet; weltweit sind es 10%. Gerade wirtschaftlich schwache Regionen profitieren weil Tourismus Geld in die Region bringt, Arbeitsplätze schafft und einen ersten bescheidenen Wohlstand für die Bevölkerung ermöglicht. 

Demgegenüber stehen ein hoher Energie-, Wasser- und Naturverbrauch, lange Arbeitszeiten und oft  schlechte Bezahlung.

Wir haben unsere Podiumsgäste befragt, ob der Ansatz der Nachhaltigkeit mehr Chance oder mehr Hemmschuh ist. Hier ein Auszug ihr Antworten.

Melanie Franke, Rogner Bad Blumau, und Manfred Pils, Naturfreunde International sitzen am Podium
Melanie Franke, Rogner Bad Blumau, und Manfred Pils, Naturfreunde International franke-pils-c-csr-circle-hetzmannseder0232

  

Manfred Pils, Präsident der Naturfreunde Internationale:

Nachhaltige Tourismus ist eine Antwort auf die Fehlentwicklungen im Tourismus. Der Massentourismus befindet sich am absteigenden Ast denn er zerstört seine eigenen Ressourcen - Landschaft, Boden und Natur. Und:  der Tourismus trägt maßgeblich zum Klimawandel bei.

Müssen wir nun aufs Reisen verzichten?

Verzichten müssen wir auf die negativen Folgen von Auto- und Flugverkehr. Wir sollten länger an einem Ort bleiben, unsere Muskelkraft stärker einsetzen, regionale Produkte genießen und den nicht vermeidbaren CO2 Ausstoß kompensieren. Letzteres ist nur eine Nothilfe bis bessere Verkehrsmittel wie z.B. das e-Mobil zur Verfügung stehen. Grundsätzlich gilt: je kürzer die Reise und je technischer die Anreise, desto schlechter sollte das Gewissen sein.

Zum Städtetourismus: Städte mit guter Infrastruktur wie Wien können nachhaltigen Tourismus bieten. Da ist höchstens die Anreise ein Problem, wenn sie mit dem Flugzeug folgt. Ganz anders sieht es natürlich in Städten in Entwicklungsländern aus, die zu wenig Infrastruktur für Wasser, Energie, Abfall oder Mobilität haben.

Melanie Franke, Direktorin Rogner Bad Blumau:

Nachhaltigkeit und Verzicht? Es geht mehr darum zu hinterfragen, was wir tun und wie wir die Bedürfnisse unserer Gäste erkennen und darauf antworten. Damit sie mit gutem Gewissen Urlaub machen können braucht es intelligente Lösungen und neue Wertschöpfungsprozesse.

Wir schaffen neue Erlebnisse, die Menschen lernen unbewusst etwas kennen und können dann kleine Akzente in den Alltag mitnehmen.

Rogner Bad Blumau hat eine Fluktuationsrate von 3 %. Eine Studie aus 2011 weist für die Branche eine Fluktuationsrate von 144% aus. Wie machen Sie das?

Wir haben nicht Arbeitsplätze zu vergeben, sondern wir müssen für MitarbeiterInnen Lebensräume schaffen, einen Arbeitsplatz mit Leben. Wir versuchen die Stärken unserer MitarbeiterInnen zu erkennen und sie entsprechend einzusetzen. Das funktioniert und schafft eine lange Bindung an unser Unternehmen. Natürlich nutzen wir auch viele andere Möglichkeiten, wie Teilzeitmodelle, mit Mitarbeiterinnen während der Karenz in Kontakt bleiben, regionale und biologische Kost, Gesundheitsprogramm etc.

Ähnliches versuchen wir mit unseren Partnern. Wir geben auch kleinen regionalen Betrieben die Möglichkeit zu liefern. So werden diese Partner Botschafter für Blumau.

Markus Redl, NÖ Bergbahnen und Andreas Purt, Mostviertel Tourismus und BÖTM sitzen am Podium
Markus Redl, NÖ Bergbahnen und Andreas Purt, Mostviertel Tourismus und BÖTM redl-purt-c-csr-circle-hetmannsederz0207

  

Andreas Purt, Geschäftsführer Mostviertel Tourismus und Vizepräsident des Bunds österr. Tourismusmanager:

Fragen Menschen nach einem nachhaltigen Angebot?

Niemand fragt nach nachhaltigem Tourismus. Aber Angebote, die nachhaltig sind, werden immer stärker nachgefragt. Wichtig ist dabei, dass alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette diesen Ansatz mittragen.

Die Auseinandersetzung mit dem EDEN Award bzw. das Erstellen eines Nachhaltigkeitsberichts hat uns zum Beispiel im Pielachtal viele Erkenntnisse gebracht und die strategische Weiterentwicklung wesentlich unterstützt.

Die Zukunft des Tourismus?

Content ist King. Das bedeutet, ich muss meine Region kennen, entsprechende Produkte entwickeln und Geschichten für die Gäste aufbereiten. Dazu müssen alle in der Destination zusammenarbeiten. Das ist wie einen Zirkus zu orchestrieren.

Auch die Finanzierung und die Digitalisierung fordern uns enorm. Da muss noch viel Knowhow in die Betriebe. Vor allem die Aufbereitung der Kundendaten fehlt.

Markus Redl, Geschäftsführer der NÖ Bergbahnen

Ist es nachhaltig Ski zu fahren?

Es ist sicher nicht nachhaltig, immer zuhause zu bleiben. Skifahren in NÖ ist sicher nachhaltiger als ein Wochenende in Barcelona oder eine Kreuzfahrt. Vieles ist eine Frage der Abwägung und des Vergleichs.

Wir wissen, dass die Schneeproduktion und die Aufstiegshilfen einen Anteil von 15 % am CO2-Ausstoß einer typischen Skiwoche haben. Ich muss also abwägen, ob ich das haben möchte oder nicht.

In NÖ wollen wir in sogenannten Bergerlebniszentren im alpinen, peripheren Süden Regionalentwicklung mithilfe des Tourismus betreiben. Letztlich auch um entsprechende Infrastruktur und unsere Kulturlandschaft erhalten zu können.

Der Klimawandel ist Risiko, aber auch unsere Chance. Wir werden den Sommer besser nutzen können, wenn die Menschen aus der Hitze in Wien nach Lackenhof am Ötscher flüchten um wieder einmal bei offenem Fenster schlafen zu können. In Annaberg ist uns das mit dem neuen JUFA Hotel schon gelungen. Dort haben wir 15.000 Nächtigungen im Sommer und 15.000 im Winter. Normalerweise überwiegt der Winter deutlich.

Entscheidend wird sein, dass wir den Sommer beleben. Mit neuen Angeboten wie wir sie z.B. in St. Corona am Wechsel haben. Dort ist alles auf Familien ausgerichtet. Es gibt eine Rodelbahn, einen Motorikpark etc. Einsteigerfreundliche, flowige Mountainbiketrails sind der nächste Entwicklungsschritt, insbesondere zur Nutzung mit E-Bikes.

In den letzten Jahren hatten wir in den für die Grundbeschneiung entscheidenden Monaten November und Dezember teilweise einen Temperaturanstieg von 5 Grad. Das ist eine extreme Herausforderung für unsere Skigebiete. Damit wir den Klimawandel, aber auch veränderte Gästeerwartungen, bewältigen brauchen wir branchenweit noch viel mehr „Experimente“ und neue Ideen.

Alle Fotos: CSR-Circle/Hetzmannseder

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