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Warte nicht auf ein Wunder, inszeniere deine Wunder selbst

Michaela Leonhardt, Projektleiterin ABS fürs Stromnetz bei Austrian Power Grid AG (APG)

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Michaela Leonhardt Foto: Georg Wilke

Michaela Leonhardt ist in Tschechien geboren, hat Pädagogik, Mathematik und Renewable Energy studiert und leitet heute ein großes Forschungsprojekt „ABS fürs Stromnetz“, das die Stabilität und Sicherheit des Stromnetzes gewährleisten soll.

Wo stehen Sie mit Ihrem Projekt?

Das Herzstück des Projektes bildet ein Batteriespeichersystem, das so groß sein wird wie zwei Baucontainer. Das System soll auf Änderungen der Stromfrequenz sehr kurzfristig reagieren, was Reaktionszeiten in wenigen Milli-Sekunden erfordert. Das benötigt viele Sonderlösungen und Freiheitsgrade, die uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Doch wir haben bis jetzt immer eine Lösung gefunden. Das System ist jetzt im Labortestbetrieb. Im Sommer 2019 starten wir mit den Live-Messungen im APG Umspannwerk im zehnten Wiener Bezirk.

Was reizt Sie persönlich an Ihrer Arbeit?

Innovation und alles was dahinter steckt! Ich bin neugierig und mutig, ich nutze gerne Chancen, die sich bieten, greife neue Themen auf und bringe sie von Null auf 100. Das reizt mich!

Wo wollen Sie hin? Haben Sie einen Karriereplan?

Ich arbeite mit absoluter Konzentration und Enthusiasmus an meinen aktuellen Projekten und Aufgaben. Das ist aus meiner Sicht auch der wichtigste Erfolgsfaktor. Anderseits geht mein Horizont im Sinne der Karriereziele natürlich weiter – und ich freue mich auf die Chancen, die sich in der Zukunft ergeben werden.

Sie arbeiten in einem sehr männerdominierten Umfeld. Wie werden Sie als Frau aufgenommen?

Viele Männer ringsherum bin ich schon gewöhnt. Bereits im Studium gab es wenig Frauen, genauso wie jetzt im Beruf. Natürlich habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Aber ich konzentriere mich immer auf das Gute und lerne vom Nicht-Guten und denke, das wird mir irgendwann nützlich sein.

Gibt es ein Muster, das sich durchzieht?

Die alten Klischees, die immer noch viel zu viel in den Köpfen verankert sind, und den entsprechenden Handlungen. Aber gerade technische Unternehmen stellen schon länger fest, dass ihnen einerseits Nachwuchs fehlt und sie anderseits auf das Potential von Frauen nicht verzichten können und wollen. Die Energiewirtschaft hat die Arme für Frauen wirklich offen.

Spannend wird es zum Beispiel auch, wenn es um das häufig diskutierte Thema Quoten geht. Einige Frauen denken dabei „ich will diese Position nicht, nur weil ich eine Frau bin.“ Mit mehr Erfahrung und Rückhalt von Frauen aus den Managementetagen sagt man sich besser: „ich will die Position, weil ich weiß, dass ich es kann und diese Chance nützen werde.“ Dass die Leistung im Vordergrund steht und ich mich dann beweisen muss, ist doch jedem klar.

Wo sind die Abzweigungen im Leben von Frauen, wo sie besonders acht geben müssen?

Es gibt ein bestimmtes Alter, an dem sich die Umgebung beginnt die Fragen zu stellen: „Wann bekommt sie das erste Kind?“. Das „Lustige“ daran ist, dass es mit dem ersten Kind nicht endet, sondern relativ bald die Frage nach dem zweiten im Raum steht. Es wird bezweifelt, dass sich die Kinderbetreuung mit dem Engagement im Beruf vereinbaren lässt. Diese Themen werden natürlich nicht offen angesprochen, es läuft aber trotzdem im Hintergrund mit und kann die Karrierechancen blockieren, weil diese Frauen dann bei Jobs nicht mitgedacht und gefragt werden.

Die Vorgesetzten dürfen das Thema ja auch nicht ansprechen. Was ist die Lösung?

Wenn ich als Frau Karriere machen und Familie haben will, empfehle ich, die Initiative selber zu ergreifen und ein Gespräch zum Thema „ich will Karriere machen und ich will/werde ein Kind bekommen. Wie schaffen wir das?“ mit dem/der Vorgesetzen zu suchen.

Und das funktioniert in der Praxis?

Ich habe erlebt, dass es klappen kann – zusammen mit der richtigen Unternehmenskultur. Natürlich ist es für alle herausfordernd. Ich habe mir mit meinem Mann die Karenz geteilt. Ich habe viel investiert, bin trotz wenigen Stunden Schlaf um fünf Uhr in der Früh aufgestanden, damit ich am Nachmittag mit meiner Tochter sein kann. Mein Unternehmen hat diese Flexibilität ermöglicht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber auch die Personalabteilung und Chefs von meinem Mann und mir waren glücklich mit unserer Entscheidung, weil sieben bis acht Monate Absenz gut zu handeln sind im Gegensatz zu 1,5 Jahren.

Gab es auch negative Reaktionen?

Natürlich habe ich auch vorwurfsvolle Reaktionen erlebt, warum ich meine 8-Monate alte Tochter „allein“ bei meinem Mann lasse und ob mir die Karriere das wert ist. Und mein Mann wurde oft gefragt, ob er er wirklich Vollzeit zu Hause beim Kind sein will. Gerade die ersten paar Jahre sind eine sehr fordernde Zeit. Da braucht man niemanden, der einem ein schlechtes Gewissen einreden will, sondern freut sich über jede noch so kleine unterstützende Reaktion. Am besten baut man eine virtuelle Schutzblase um sich herum und schaut wie man step-by-step alles meistert.

Was können Unternehmen tun?

Es braucht ein offenes Denken, flexible Modelle und den Mut neue Wege zu gehen. Das gilt für die Besetzung der Fach- und Leitungspositionen, gezielte Talent- und Potentialförderung, Karriere mit 30 Stunden etc. Es gibt genug positive Beispiele. Es braucht das ehrliche Interesse und den Willen auf beiden Seiten, dann wird es zu schaffen sein.

Immer mehr junge Männer gehen ebenfalls in Karenz. Bewirkt das etwas?

Ja, das ist sehr spannend. Viele junge Männer gehen in Karenz oder reduzieren aufgrund der Familie auf 30 Stunden. Das bringt eine interessante Dynamik ins Denken, weil dadurch nach und nach die alten Muster aufgebrochen werden und das Management sich auch bei Männern nicht mehr sicher sein kann, dass sie nicht in Karenz gehen.

Sie leiten das Frauen-Netzwerk der Branche „OVE Fem“. Wie sind Sie dazu gekommen und wofür setzen Sie sich ein?

Die Idee kam von meinem damaligen Chef, der von einer OVE-Vorstandssitzung zurückkam und meinte „das wäre doch etwas für dich.“ Nun leite ich das OVE Fem-Netzwerk für Expertinnen und weibliche Führungskräfte in der Elektrotechnik, Informationstechnik und Energiewirtschaft seit fünf Jahren. Wir haben es geschafft, ein lebendiges Netzwerk aufzubauen. Bei unseren Netzwerkevents treffen Frauen aus allen Unternehmensebenen aufeinander, von der Studentin, Absolventin, Abteilungsleiterin, Generalsekretärin bis hin zur Vorstandfrau. Wir tauschen uns aus, lernen von einander, inspirieren und motivieren uns gegenseitig. Auch die Sichtbarkeit von Frauen ist uns wichtig und es gelingt uns, diese zu erhöhen, weil aus dem Frauennetzwerk heraus netzwerkübergreifende Kontakte zu gemischten Branchenevents entstehen – nur so kann es letztendlich funktionieren. Oft suchen Veranstalter für Podiumsdiskussionen Frauen – wir helfen ihnen dabei. Darüber hinaus veröffentlichen wir Interviews mit Expertinnen und weiblichen Führungskräften der Branche und stellen Vorzeige-Unternehmen vor.

Wie erkennt eine Bewerberin Unternehmen, die es ernst meinen und Frauen gleichberechtigte Chancen bieten?

Ich kann zum Beispiel im Internet Pressemeldungen von diversen Unternehmen zu diesem Thema recherchieren. Wenn es dem Unternehmen ein wichtiges Ziel ist, den Frauenanteil auf allen Ebenen zu erhöhen sowie Frauen attraktive Chancen zu bieten, und diese Einstellung auch gelebt wird, wird es Erfolge geben, die das Unternehmen mit der Öffentlichkeit teilen will.

Darüber hinaus kann ich auch Berichte über Unternehmen verfolgen, in denen Frauen zitiert werden. Daran erkenne ich, dass Frauen in diesem Unternehmen Schlüsselpositionen innehaben, Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen.

Drei Tipps für junge Frauen, die Karriere machen wollen

  • Bringe eine gute Leistung, habe Selbstvertrauen und lass es spüren, wenn du einen Meeting-Raum betrittst.
  • Warte nicht auf ein Wunder, sondern inszeniere deine Wunder selbst. – Ich erlebe es immer öfters, dass eine Frau mit einem Vorschlag gekommen ist „schau, das ist ein Bereich, den es noch nicht gibt, der unser Unternehmen weiterbringt und für den ich geeignet wäre“ und dann den Auftrag bekommen hat. Nicht immer muss man warten bis Positionen „verteilt“ werden.
  • Do what you love & love what you do. Mach das, wofür dein Herz schlägt, dann bis du gut darin und so kannst viele Hindernisse überwinden.

Das Interview führte Roswitha M. Reisinger

Michaela Leonhardt, Ph.D., 36 Jahre, ist in Tschechien geboren, hat an den Universitäten Pilsen, Prag und Wien studiert – Pädagogik, Mathematik und zuletzt Renewable Energy. Sie hat eine zweijährige Tochter, ist seit 2012 beim österreichischen Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid AG (APG) im Bereich Versorgungssicherheit und Erneuerbare Energien tätig und leitet aktuell ein überbetriebliches Forschungsprojekt „ABS fürs Stromnetz“.

Ziel ist, mit neuen hochdynamischen Mechanismen das Stromsystem zu stabilisieren, die Systemsicherheit bei gleichzeitiger Integration erneuerbarer Energieträger zu erhöhen. Im Zentrum steht ein intelligent programmiertes Batteriespeichersystem als Versuchsanlage.

Ehrenamtlich ist sie im OVE Österreichischen Verband für Elektrotechnik engagiert – als Vorsitzende der OVE Fem-Plattform für Fachexpertinnen und weibliche Führungskräfte in der Elektrotechnik, Informationstechnik und Energiewirtschaft, sowie als Mitglied des OVE-Vorstandes.

Weitere Beiträge:

Interview mit Michaela Novak-Chaid, Geschäftsführerin von HP Österreich "Die Komfortzone verlassen".

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