Was Betriebliches Mobilitätsmanagement Unternehmen und der Umwelt bringt.
A23, Südosttangente, Wien. A1, Westautobahn, bei Linz. S1, Knoten Schwechat/Vösendorf. Alle, die hier mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit sind, grüßt die frühmorgendliche Staumeldung aus dem Radio. Sechs von zehn Fahrten werden mit dem Auto zurückgelegt. An Werktagen ist der Arbeitsweg der häufigste Mobilitätsgrund. Eigentlich bieten Autos in der Regel fünf Menschen Platz, doch am Arbeitsweg ist bei neun von zehn nur ein Platz belegt, und zwar jener hinter dem Lenkrad. Mit dem Auto zu fahren, braucht damit viel Platz – Staus sind die Folge.
Der Arbeitstag beginnt damit für viele mit Stress und Ärger, für die Umwelt bedeutet das Emissionen und versiegelte Böden. Es gibt also einige Gründe für Mobilitätsmanagement zur Förderung von Arbeits- und Dienstwegen ohne Auto.
Radfahren kann das Leben verlängern
Es geht nicht nur um Unfälle, regelmäßiger Stress wirkt sich à la longue negativ auf die Gesundheit aus. Studien belegen, dass Beschäftigte, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, häufiger krank sind als Kolleg*innen, die mit dem Fahrrad pendeln. Eine deutsche Studie mit mehr als 2.300 Beschäftigten zeigte zum Beispiel, dass die Radpendler*innen im Schnitt zwei Tage pro Jahr weniger im Krankenstand waren als die Autopendler*innen. Bei einer über 18 Jahre durchgeführten Langzeitstudie in Schottland hatten Rad fahrende Pendler*innen um zehn Prozent weniger Krankenhausaufenthalte als Autopendler*innen.
Gesünder und seltener krank durch Radfahren zur Arbeit
Radfahrende Pendlerinnen und Pendler in Schottland (2001–2018) im Vergleich zu nicht aktiv mobiler Vergleichsgruppe
Krankenstandstage von Radfahrer*innen und Autofahrer*innen
Krankenstandstage pro Jahr
Auch das Pendeln mit Elektrofahrrädern hat einen positiven Effekt auf die Gesundheit, wie die Medizinische Hochschule und die Leibniz Universität in Hannover belegten: Regelmäßiges E-Bike-Fahren vermindert das Herzinfarktrisiko um 40 Prozent. Wer zur Arbeit radelt, kommt auf eine regelmäßige Portion gesunde Bewegung. Und Bewegung beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, stärkt die Muskulatur, was präventiv beispielsweise gegen Rückenschmerzen hilft.
Benefits mit einem Umstieg heben
Das Potenzial all dieser Benefits für Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen zu heben, ist groß. Fast 60 Prozent der Arbeitswege sind kürzer als zehn Kilometer – eine Distanz, die mit dem Fahrrad gut zu bewältigen ist. Mit den boomenden Elektrofahrrädern sind auch längere Distanzen möglich. Damit das gelingt, müssen politisch Verantwortliche ihren Blick weg vom Straßenbau hin zur Radinfrastruktur lenken und diese verbessern. Und Unternehmen tragen dazu bei, dass mehr Mitarbeiter*innen mit dem Rad zur Arbeit fahren.
Klara Maria Schenk, VCÖ-Expertin
Beim Grazer Leuchten- und Lichtsystem-Hersteller XAL kamen bereits 30 Prozent der Mitarbeiter*innen mit dem Rad zur Arbeit. Es gibt überdachte Fahrradabstellplätze, Radchecks, eine Reparaturbox. Und wer möchte, bekommt ein steuerbegünstigtes Leasingrad. Mit weiterer Bewusstseinsförderung ist es dem Unternehmen gelungen, den Radverkehrsanteil von den 30 auf 38 Prozent zu erhöhen. Andere Unternehmen setzen auf Jobräder für ihre Beschäftigten, beispielsweise Infineon in Villach, die Stadtwerke Klagenfurt, Palfinger in Salzburg oder das Ordensklinikum Linz.
Arbeitsplätze statt Parkplätze
Pkw-Abstellplätze am Firmengelände verursachen hohe Kosten. Fahren mehr Beschäftigte mit Fahrrad, Öffentlichem Verkehr oder in Fahrgemeinschaften zur Arbeit, können Auto-Abstellplätze und damit Kosten reduziert werden. Beispielsweise hat Boehringer Ingelheim in Wien-Hetzendorf die Zahl der Pkw-Abstellplätze am Firmengelände zugunsten einer Betriebserweiterung von 600 auf 280 reduziert, die Zahl der Arbeitsplätze gleichzeitig um 500 erhöht. Mit dem Mobilitätsmanagement ist der Anteil der Beschäftigten, die mit Öffentlichem Verkehr, Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kommen, von 47 auf 70 Prozent gestiegen.
Flächenverbrauch je Stellplatz
inklusive Zufahrt und Rangierplatz
Kosten für die Errichtung und Instandhaltung eines Parkplatzes
Im Durchschnitt in Vorarlberg 2026, berechnet von David Madlener, Energieinstitut Vorarlberg
Das Vorarlberger Unternehmen Julius Blum mit rund 7.000 Beschäftigten bietet Jobräder und Öffi-Jobickets an, wenn auf den Pkw-Stellplatz verzichtet wird. Zwei Jahre nach Start des betrieblichen Mobilitätsmanagements hatten 2.600 Beschäftigte ein Jobrad und 1.000 Beschäftigte eine Öffi-Jahreskarte.
Geschäftsreisen auf Klimakurs bringen
Neben den Arbeitswegen haben auch die Geschäftsreisen Einfluss auf die Umweltbilanz von Unternehmen. Im Vorjahr gab es in Österreich laut Statistik Austria 3,4 Millionen Geschäftsreisen. Sie sind damit seit dem Höchststand von fast fünf Millionen im Jahr 2007 deutlich zurückgegangen. Nicht zuletzt haben die Erfahrungen während der Pandemie viele Unternehmen davon überzeugt, dass Videokonferenzen einen Teil der Geschäftsreisen ersetzen können.
Das tut not, denn fast die Hälfte der Dienstreisen wurden im Vorjahr mit dem Auto gemacht, weitere 24 Prozent mit dem Flugzeug. Der Anteil der Geschäftsreisen mit der Bahn ist dagegen nur langsam innerhalb von knapp zehn Jahren von 18 auf 22 Prozent gestiegen. Über eine Dienstreiserichtlinie können Unternehmen definieren, dass Geschäftsreisen vorrangig mit der Bahn zu erledigen sind und nur bei begründeten Ausnahmen mit dem Pkw oder dem Flugzeug. Das kann den Umstieg deutlich beschleunigen: Die österreichweit tätige VBV-Gruppe hat zum Beispiel durch klare Vorgaben und Anreize den Anteil von Dienstreisen mit der Bahn von rund drei Prozent im Jahr 2022 auf 22 Prozent im Jahr 2023 vervielfacht.
Einsparungspotenzial bei den Kosten des CO2-Ausstoßes durch den Umstieg vom PKW auf das Fahrrad bzw. Öffentliche Verkehrsmittel
Pro Person im Jahr 2025, berechnet vom Energieinstitut Vorarlberg
3,8 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr durch Arbeits- und Dienstwege
Standort entscheidend für Mobilität
Bei der Gründung neuer Unternehmen oder der Expansion auf weitere Standorte entscheidet die Standortwahl über das künftige Mobilitätsverhalten. Das Unternehmen Püspök hat beispielsweise sein Büro bewusst beim Bahnhof Parndorf eröffnet, damit Arbeits- und Dienstfahrten leichter mit der Bahn zurückgelegt werden können. Das Transportunternehmen Berger Logistik hat seinen Standort von der Peripherie zum Bahnhof Wörgl verlegt. Früher kam die Mehrheit der Beschäftigten mit dem Auto zur Arbeit, heute legen über 80 Prozent ihren Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zurück.
Betriebliches Mobilitätsmanagement ist also ein großer Hebel, um Verkehrsprobleme deutlich zu reduzieren.
Christian Gratzer, Klara Maria Schenk
Eingesparte Kosten, wenn von 100 Autopendler*innen 60 auf das Rad und 40 auf Öffis umsteigen
SCHRITT FÜR SCHRITT DIE MOBILITÄT MANAGEN
1. Struktur schaffen. Ein für das Mobilitätsmanagement verantwortliches Team mit Rückendeckung der Führungsebene informiert die Belegschaft und tauscht sich mit ihr aus, das ist entscheidend für die Akzeptanz.
2. Ist-Stand erheben. Womit legen die Mitarbeiter*innen den Arbeitsweg zurück? Wer ist bereit, vom Auto auf andere Mobilitätsformen umzusteigen? Dabei nicht vergessen: Die Bereitschaft umzusteigen entsteht oft mit Alternativen.
3. Ziele formulieren. Neben langfristigen Zielen unbedingt auch Etappenziele festlegen und evaluieren, was wirkt und wo es Nachbesserungen braucht.
4. Mix aus Push- und Pull-Maßnahmen. Firmenparkplätze zu reduzieren oder Parkgebühren einzuführen, bringt Mitarbeiter*innen dazu, auf Fahrgemeinschaften zu setzen. Parkplätze sollten Beschäftigten mit Mobilitätseinschränkungen vorbehalten bleiben. Pull-Maßnahmen wie steuerbegünstigte Leasingräder und Öffi-Jobtickets, von denen das Unternehmen einen Teil der Kosten übernimmt, wirken besonders. Sinnvoll sind auch wettergeschützte Radabstellplätze, Spinte für Radutensilien, Reparaturboxen und Duschen. Initiativen wie „Österreich radelt zur Arbeit“, interne Wettbewerbe, Bonuspunkte und Apps zum Organisieren von Fahrgemeinschaften motivieren und erleichtern zum Teil das Evaluieren.
5. Informationen für Neueinsteiger*innen. Die Bereitschaft, das Mobilitätsverhalten zu verändern, ist am neuen Arbeitsplatz oder Wohnort am größten. Infos zu direkten Öffi-Verbindungen, Fahrrad- oder Bike&Ride-Angeboten können ein wichtiger Anstoß sein, von Anfang an aktiv und nachhaltig in den neuen Job zu fahren. Auch ein kostenloses Öffi-Ticket für die Probezeit kann ein Anreiz sein.
6. Dienstreisen auf Klimakurs bringen. Dienstreisen mit Öffis können als Norm deklariert werden und Ausnahmen begründet werden müssen. Wenn bei Bahnreisen die 1. Klasse genutzt werden kann, kann während der Fahrtzeit gearbeitet werden. Eventuelle Mehrkosten können durch weniger Dienstwägen und durch Carsharing ausgeglichen werden. Bei den verbleibenden Fahrzeugen sollten Elektrofahrzeuge statt Verbrenner Standard sein.
7. Führungskräfte als Vorbild. Last but not least spielt auch das Mobilitätsverhalten der Führungskräfte eine zentrale Rolle, ob das Mobilitätsmanagement erfolgreich ist. Wenn auch die Führungskräfte mit Fahrrad, Elektro-Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen, steigt bei den Mitarbeiter*innen die Bereitschaft, das eigene Mobilitätsverhalten zu verändern.
Der Leitfaden für nachhaltiges Mobilitätsmanagement des VCÖ steht hier zum Download bereit.