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Beyond Corona

Ein Wiederaufbau der Wirtschaft in Österreich birgt die einzigartige Chance, gleich zwei Krisen in einem Aufwaschen zu bewältigen: Corona und die Klimakrise. Aber nur, wenn man nicht in Gegensätzen denkt. Kommentar von Gabriele Faber-Wiener, Gründerin Center for Responsible Management.

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Gabriele Faber-Wiener, Center for Responsible Management Foto maja R.

Noch stecken wir mitten drin im Corona-Krisenmodus. Noch haben wir den Höhepunkt nicht erreicht, geschweige denn überschritten. Vieles muss jetzt innehalten – unser soziales, öffentliches und kulturelles Leben, unsere Konsumgewohnheiten, anstehende Aufträge und damit das Funktionieren vieler Unternehmen. All das wurde von heute auf morgen auf ein Minimum reduziert.
Es ist das, was Forscher „degrowth“ nennen: Postwachstum – eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform, die auf Entschleunigung setzt; und für viele als ideales Gegenstück zum goldenen Kalb der letzten 20 Jahre - der Maxime: „Höher, schneller, stärker“ – gilt. Doch dieses degrowth ist kein organisierter Rückgang, wie in der Wissenschaft diskutiert, der zu mehr Moderation und Harmonie führt; es wurde uns aufgezwungen von einer Seuche, die keiner wirklich kennt, von einem Tag auf den anderen. Und es beschäftigt uns rund um die Uhr, ohne Raum für andere Themen.
Aber irgendwann wird es soweit sein: Es geht wieder bergauf. Genau deshalb müssen wir schon jetzt voraus denken, an die „post-emergency-phase“, wie humanitäre Organisationen die Zeit nach Katastrophen bezeichnen. Wir müssen jetzt planen, wie dieses bergauf gestaltet werden muss. Eine Frage steht dabei im Brennpunkt: Wie kurbeln wir die Wirtschaft wieder an?
Die Antwort scheint auf den ersten Blick klar: So rasch wie möglich, koste es was es wolle. Aber ist das wirklich die Antwort, die uns in die Zukunft führt? Denn wir haben ja zwei Krisen zu bewältigen: Corona – und die vorübergehend in Vergessenheit geratene aber dennoch höchst virulente Klimakrise. Beide haben völlig unterschiedliche Ursachen – aber zwingen uns zum Umdenken, und zum konsequenten, mit gelernten Mustern brechenden Handeln.

Es gibt kein Entweder-oder. Wir müssen beide bewältigen.

Jetzt bietet sich eine einzigartige, nicht wiederkehrende Chance: Die am Boden liegende Wirtschaft anders, besser, nachhaltiger wieder aufzubauen. Natürlich können wir auch das alte Paradigma weiterführen, ohne die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren: Wir könnten am Prinzip der Gewinnmaximierung festhalten, an der Abhängigkeit von globalisierten Justin-Time Wertschöpfungsketten, am Prinzip der Wegewerfgesellschaft, an den vielen Praktiken, die uns dorthin gebracht haben, wo wir jetzt stehen.
Oder wir erkennen die einzigartige Chance, die sich post-Corona bietet: Den „lock-down“, den aufgezwungenen „degrowth“ zu nutzen – für einen echten Einstieg in die ökologische und soziale Zukunft. Dies ist kein Widerspruch zur Prosperität – im Gegenteil.
Die Voraussetzungen sind so gut wie nie zuvor: Erstens war Österreich lange Zeit tonangebend in Ökologie und Umweltbewusstsein. Zweitens hat unsere Regierung in der Corona-Krise Haltung gezeigt und internationales Ansehen aufgebaut. Und drittens gibt es eine Koalition, die clever Verantwortungsbewusstsein und Wirtschaftskompetenz kombiniert.
Ideale Voraussetzungen also, um einen Impuls für Europa zu setzen, um den uns viele beneiden würden! Bauen wir jetzt die Wirtschaft so wieder auf, dass sie beide Krisen bewältigen kann: Corona ebenso wie die Klimakrise. Sehen wir diese nicht als Gegensatz, sondern als Chance, uns neu zu orientieren. Das wäre klug und visionär – und entspräche zugleich unserer Wirtschaftsstruktur, die ja zum überwiegenden Teil aus werteorientierten Klein- und Mittelunternehmen besteht.

Und es ist die bei weitem effizienteste Lösung.

Denn zweimal gibt es nicht das Geld für den Wiederaufbau – jetzt für post-Corona, und in zehn Jahren für die unumgängliche ökonomische Kurskorrektur in Sachen Klima.
Es braucht also jetzt bei Politik und Wirtschaft den Mut, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen – und nicht in Panik auf die alten Hüte zu setzen, die einfach nicht mehr passen.
Wir haben die Lösungen und Konzepte, wir haben die Experten dazu – und wir haben in Österreich viele Menschen, die genau dieses Umdenken einfordern. Man muss nur auf sie hören.

Fazit: Österreich betreibt ausgezeichnetes Krisenmanagement und wird dafür zu Recht international gelobt. Wie würden wir erst gelobt werden, wenn wir aus dieser Krise eine Chance machen – für uns alle?

Gabriele Faber-Wiener ist Gründerin des Center for Responsible Management in Wien. Sie lehrt, publiziert und berät zu den Themen Nachhaltigkeit, Ethik und Verantwortung in Management und Kommunikation.

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