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Christian Hiß' Kontenrahmen der Nachhaltigkeit

Christian Hiß will der Wirtschaft „richtig rechnen“ beibringen.

Reuter, Hiss, Bachmann. Foto: stratum
Reuter, Hiss, Bachmann. Foto: stratum reuter_hiss_bachmann

Vom gelernten Gärtnermeister zum Master of Social Banking and Social Finance – das ist der Weg von Christian Hiß. Hiß verkörpert die konkrete Utopie einer Wirtschaft, die den Kapitalismus von seiner derzeitigen „Rumpfform“ zu einer entwickelten und nachhaltigen Form führen soll. Gewinne werden auch in einer nachhaltigen Wirtschaft gemacht, so betonte er bei der Berliner Buchpräsentation von „Richtig rechnen“. Aber diese Gewinne kommen erst zustande, wenn durch unser Wirtschaften Natur per Saldo nicht verbraucht, sondern erhalten wird, und auch das Sozialkapital z.B. durch Investitionen in Ausbildung und Qualifizierung gestiegen ist.

Aus der Sicht eines landwirtschaftlichen Betriebs konkretisiert Hiß seine Ideen: Was tut ein Betrieb für die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit? Bislang werden Aufwendungen dafür nur als Kosten verbucht. Investitionen in die Qualität von Produkten oder in die Mitarbeiterqualifikation müssten jedoch auch ertragsseitig verbucht werden können, forderte Hiß. Atemberaubend ist es, wenn Hiß feststellt: Nur Landwirtschaft sei letztlich produktive Wirtschaft. Denn nur sie könne aus Sonnenenergie energiereiche pflanzliche Substanz hervorbringen und eben den „energetischen Überschuss“ produzieren, auf dem alle danach folgenden wirtschaftlichen Tätigkeiten aufbauen. Eine solche Gesamtbilanz müsse künftig die Grundlage der Wirtschaft auf unserem Planeten sein.

Natürlich gestand Hiß zu, dass der allergrößte Teil der heutigen landwirtschaftlichen Praxis keinesfalls eine positive, sondern durch den Einsatz fossiler Energien eine ruinöse Bilanz aufweise. Eigentlich müsste seine Branche aus dem Einsatz einer Kalorie zwei machen, tatsächlich verbraucht sie aber derzeit weit mehr als sie erzeugt. Wer allerdings zu dem Schluss käme, Hiß sei nur ein weiterer Apologet einer kleinbäuerlichen Bio-Landwirtschaft, den belehrt er eines Besseren. Schon als Kind habe er darunter gelitten, dass seine Eltern 1951 zu den allerersten Pionieren der Bio-Landwirtschaft zählten. „Ich will keine romantisierenden Ideen von Regionalität verbreiten“, warnte Hiß. Was ihm als geschäftsführendem Vorstand der Bürgeraktiengesellschaft Regionalwert AG vorschwebe, sei eine Skalierung des sozioökonomischen Modells der bäuerlichen Versorgungswirtschaft in zivilgesellschaftliche Dimensionen. Hiß kann sich vorstellen, die Massenproduktion und nachhaltiges Wirtschaften unter einen Hut zu bringen. Falls wir lernen, „richtig zu rechnen“, d.h. auch alle nicht-monetären Produktionsfaktoren in der kapitalistischen Finanzbuchhaltung unterzubringen.

Zur Überprüfung der Frage, ob sein aus der Landwirtschaft hervorgegangenes Konzept auch auf andere wirtschaftliche Sektoren übertragbar sei und welcher staatlichen Regulierungen es dazu bedürfe, hatte die veranstaltende Agentur, die Berliner stratum Gmbh, zwei Experten dazu gebeten: Katharina Reuter als Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbandes UnternehmensGrün und den Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Günther Bachmann.

Bachmann lobte Hiß zunächst dafür, „große Gedanken in einfachen Worten“ auszudrücken. Grundsätzlich glaube auch er, dass man dem kapitalistischen System Regeln auferlegen könne, um externe Kosten zu internalisieren, so Bachmann, aber der große Wurf, den Hiß fordere, sei schwer umzusetzen. Politisch sei die Herausforderung nämlich „noch nicht ganz fassbar“ und durch Regulierungen allein löse man das Problem nicht, so Bachmann. Vielmehr brauche es in der Zivilgesellschaft Vereinbarungen über die Inwertsetzung von Umwelt – „das kommt nicht aus der Politik“.

Katharina Reuter beobachtet bei den Unternehmen ihres Verbandes eine hohe Bereitschaft, nicht nur auf den finanziellen Gewinn zu achten. Sie verwies darauf, dass viele der Kriterien, die z.B. die Gemeinwohlbilanz abdecke, ohne weiteres auch in konservativen Wirtschaftskreisen akzeptiert würden.

Bachmann hielt dagegen, indem er darauf hinwies, dass aus seiner Sicht die Gemeinwohlbilanz kein regulatorischer Ansatz sein könne.

Der praktische Nachweis für Hiß‘ Forderung nach einer nachhaltig reformierten Finanzbuchhaltung steht auf jeden Fall noch aus. Bei der Regionalwert AG, berichtete Hiß, habe man gerade mit dem allerersten Schritt begonnen, der darin besteht, in drei ausgewählten Betrieben die Aufwände zu differenzieren. Unter Kontenklasse 4 steht dann hier beispielsweise nicht mehr pauschal „4300 Aufwendungen für Energie“, sondern „4301 Aufwendungen für Energie aus nicht erneuerbaren Energiequellen“ und „4302 Aufwendungen für Energie aus erneuerbaren Quellen“.

Fürwahr ein kleiner erster Schritt. Aber mit einem großen Ziel. „Ich stelle mir vor, dass in 10 Jahren alle Steuerberater in Deutschland ‚nach Hiß kontieren‘“, verkündete der Autor des Abends zum Schluss. Das Publikum glaubte ihm. Er ist ein echter Visionär, dieser Christian Hiß aus Eichstetten am Kaiserstuhl.

Weiterführende Links zum Kontenrahmen der Nachhaltigkeit

www.oekom.de/buecher/vorschau/buch/richtig-rechnen.html

www.regionalwert-ag.de/

www.unternehmensgruen.org/

www.nachhaltigkeitsrat.de/

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