Vom Abfall- zum Ressourcen-Management
Die Abfallwirtschaft wird zum wichtigen Player in der Kreislaufwirtschaft. Unternehmen und Forschung arbeiten an innovativen Lösungen.
„Ist Verpackungsmaterial etwas dicker aber aus dem gleichen Material, ist es recyclingfähiger. Das ist besser als ultradünnes, das aus mehreren Materialschichten, die nicht mehr trennbar sind, besteht", erklärt Marion Huber-Humer, Leiterin des Instituts für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der Universität für Bodenkultur. Anstatt immer komplexere Materialien zu kreieren, solle sich die Industrie auf einfachere Verpackungen fokussieren. Auch Konsument*innen könnten so beim Entsorgen leichter erkennen, ob Waren mit Kunststoff, Papier oder Metall verpackt sind.
Verbrennen und auf Deponien verrotten war gestern. Das heutige Ziel der Abfallwirtschaft ist Müll zu trennen, zu recyclen und einen Beitrag zu einer rohstoffsparenden, umweltfreundlichen Kreislaufwirtschaft zu leisten. Der Weg dorthin ist mit Herausforderungen gepflastert. Industrie, Forschung und Politik sind gefragt.
Wo steht die Abfallbranche
Im globalen Vergleich habe Österreich eine hochwertige Abfallwirtschaft, „schuld“ daran sei das strenge Abfallwirtschaftsgesetz (AWG). Es machte unser Land laut Huber-Humer in den 1990er Jahren zum Vorreiter bei der getrennten Sammlung biogener Abfälle, wie Grünschnitt, Obst- und Gemüseabfälle. Ein Meilenstein sei die Deponieverordnung gewesen, ergänzt Thomas Kasper, Obmann des Fachverbands Entsorgungs- und Ressourcenmanagement der Wirtschaftskammer: „Mit dem AWG hat sich eine geregelte Abfallwirtschaft entwickelt. Deshalb gibt es bei uns keine Bauschutthaufen mehr hinterm Haus oder Ölfässer im Wald.“
Rund 34 Prozent des gesamten Abfalls werden recycelt, bei Siedlungsabfällen verzeichne die Branche im Europavergleich mit 62 Prozent die zweithöchste Recyclingquote, analysierte das Industriewissenschaftliche Institut. Hohe Recyclingraten gibt es auch bei Metall-, Papier- und Glasabfällen. Dagegen erreicht Österreich mit 25,3 % nur die Hälfte der Recyclingquote bei Kunststoffverpackungen (siehe Grafik). Die EU will mit Recyclingzielen Europa sauberer und wettbewerbsfähiger machen: Weniger Deponieren und Verbrennen heißt weniger Schadstoffausstoß, so kommen wir den Klimazielen näher. Und Sekundärrohstoffe machen die Wirtschaft ökologischer und unabhängiger von geopolitischen Krisen.
Herausforderung Sekundärrohstoffe
Das strenge AWG erweist sich manchmal als Hürde, um die Kreislaufwirtschaft weiter auszubauen. „Abbruchmaterial ist zum Zeitpunkt des Abbruchs Abfall. Aber wenn ich daraus einen Recycling-Baustoff mache, stellt sich die Frage, wann ich den aus dem Abfallrecht entlassen und wieder als Produkt behandeln kann“, sagt Thomas Kasper. Über die Herausforderung, den Zeitpunkt des Abfallendes zu bestimmen, verfasste er seine Dissertation auf der Montan-Uni Leoben. Für die Abfallwirtschaft sei es derzeit rechtlich sicherer und einfacher, Bauschutt zu deponieren, als einen Teil davon in ein Produkt zurück zu wandeln. Die Republik Österreich habe seit 2023 ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission anhängig, weil die Abfallende-Bestimmung zu wenig ambitioniert umgesetzt wurde.
„Ich sehe das Problem im Kopf und in der Verwaltung. Es ist einfacher, am Weltmarkt Primärrohstoffe einzukaufen, als Sekundärrohstoffe aus dem Abfall zu recyclen und in die Kreislaufwirtschaft zurückzuführen“, bestätigt Roland Pomberger. Sein Lehrstuhl für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft ist mittlerweile das größte Institut in Leoben. Jeder denke bei der Montan-Uni an Primärrohstoffe aus dem Bergbau, doch die Hochschule sei zu einer Sekundärrohstoff-Uni geworden. Dazu Pomberger: „Ich kämpfe dafür, dass Sekundärrohstoffe privilegiert werden, das hat Vorteile für Ökologie, Industrie und Arbeitsplätze.“
Herausforderung Schadstoffe
Probleme lösen gehört zum Alltag der Abfallbranche; großes Thema sind derzeit Polyfluoride Acrylsubstanzen (PFAS) bei Siedlungsabfällen. Diese synthetischen Beschichtungen werden wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften etwa bei Teflonpfannen oder Gore-Tex Kleidung häufig verwendet. Allerdings sind die Substanzen krebserregend und nicht abbaubar. Über die Textilwäsche gelangen sie ins Abwasser und weiter in Flüsse, weil sie von Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können. „Wir müssen innovativ sein, denn in der Abfallwirtschaft kommt im wahrsten Sinne alles heraus“, stellt WKO-Obmann Kasper fest.
Es beginnt beim Design
„Das Abfallproblem können wir nur lösen, indem das Lebenszyklus-Ende eines Produkts von Beginn an beim Design und bei der Materialauswahl mitgedacht wird. Da ist noch viel Luft nach oben“, sagt Huber-Humer von der BOKU. Kreislaufwirtschaft erfordere einen Prozess, der die produzierende Industrie einschließt und nicht erst beginnt, wenn man etwas wegwirft.
„Ich bekomme häufig Fragen, in welche Mülltonne etwas weggeworfen werden soll", bringt Huber-Humer ein Beispiel. Sie forscht von Abfallvermeidung bis zu Deponierung, speziell bei Siedlungsabfällen. Mit Verbundverpackungen aus Papier und Kunststoff tue sich die Bevölkerung meist schwer. „Oft hilft, das Verpackungsmaterial zusammenzuknüllen: Wenn es wieder zurückspringt, überwiegt üblicherweise der Kunststoffanteil und es gehört in den gelben Sack; wenn Papier überwiegt wie bei Fensterkuverts, in die Papiertonne“, rät die Expertin.
Forschung schafft innovative Lösungen
Billig produziert und schnell wieder weggeworfen, Fast Fashion lässt Abfallberge wachsen. Aktuell wird nur ein Prozent zu neuer Kleidung recycelt. Die Probleme der Textilindustrie geht die EU jetzt an. Im Rahmen der Öko-Design Verordnung nimmt sie produzierende Unternehmen in die Pflicht und setzt Mindeststandards für Haltbarkeit, Reparieren und Recycling. Ziel bei Textilien ist langlebige Qualitätskleidung. Laut Abfallrahmenrichtlinie müssen seit Jänner 2025 Textilien getrennt für Wiederverwendung und Recycling gesammelt werden. Seit heuer ist die Vernichtung unverkaufter Kleidung und Schuhe verboten.
Bis die Regularien greifen, hat das Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften der TU Wien ein Verfahren entwickelt, mit dem die Bestandteile von Mischtextilien aus Baumwolle und Polyester im Kreislauf bleiben können. Ein Lösungsmittel aus den zwei ungiftigen Substanzen Menthol und Benzoesäure wird auf 216°C erhitzt und in wenigen Minuten trennen sich die Bestandteile: Baumwolle kann zu 100% und Polyester zu 97% recycelt werden. Nun möchte das Team den Prozess für die industrielle Anwendung energieeffizienter machen. Mit vielen konzertierten Schritten sollten künftig weniger Textilien in Siedlungsabfällen landen.
Besser sortieren mit KI
Müll differenziert trennen und sammeln ist Grundlage, um darin enthaltene Materialien wieder aufbereiten zu können. Heute stehen an den Bändern der Abfallsortieranlagen immer weniger Menschen, weil Sensorsysteme die monotone schmutzige Arbeit übernehmen.
Künstliche Intelligenz bringt den nächsten Technologieschub beim Sortieren. Das FFG-Projekt KIRAMET, was für KI basiertes Recycling von Metallverbund-Abfällen steht, nimmt an der Montan-Uni Schrott von alten Fahrzeugen oder Elektrogeräten unter die Lupe. Pomberger erklärt: „Unsere Idee war, Schrottqualitäten nur mittels Bilderkennung und KI zu sortieren." Anstelle der teuren und nicht leistungsfähigen Sortierung mit Laser oder Röntgen. „Es gab viel Skepsis in der Branche, aber unser Ansatz hat funktioniert“, freut sich der Experte. Das Projekt läuft bis Ende 2026, zuletzt sollen Use-Cases das Potenzial von KI zeigen. Abfallbranche und Industrie können die Forschungsergebnisse dann in Geschäftsmodelle umsetzen.
Rechtzeitig an morgen denken
Vorausschauend forscht die Montan-Uni an Future Waste Problemen, etwa wie Batterien von E-Autos am Ende ihres Lebenszyklus recycled werden können. Das Problem ist gewichtig: laut einer gemeinsamen Studie mit BOKU und Wifo soll die Menge von heute rund 1000 Tonnen Altbatterien bis 2040 auf 110.000 bis 140.000 Tonnen steigen.
Akkus vom Handy oder der Bohrmaschine sind auch Batterien, aber ein anderer Abfallstoffstrom. Ein Projekt widmete sich den Lithium-Batterien, die immer häufiger zu Bränden führen. Erforscht wurden Ursachen und Brandverhalten, u.a. mit Beteiligung des Entsorgers Saubermacher. Daraus entstanden Vorschläge für Maßnahmen der Abfallbranche wie z.B. Bewusstseinsbildung, dass Konsument:innen Batterien richtig entsorgen.
Lösungen für CO2 aus der Müllverbrennung
Forschungsideen brauchen auch nicht recyclebare Siedlungsabfälle, die in 12 Anlagen zur Energieerzeugung verbrannt werden. Diese CO2-Emissionen zählen zu den schwer vermeidbaren Emissionsquellen („Hard to abate“). Wie man die Bilanz durch Abscheidung von Kohlendioxid aus Abgasen, dessen mögliche Nutzung und unterirdische Speicherung verbessern könnte, untersuchte das Projekt WasteCCUS. Diese Technologien haben ökonomische Konsequenzen: Sie verteuern die Müllverbrennung, weil mehr Energie benötigt wird. Restmüllgebühren könnten je nach Szenario um 16 bis 24 Prozent steigen. Das trifft die Haushalte und wird somit zur sozialen Frage.
Die Forschenden empfehlen den Aufbau einer Demonstrationsanlage. Sie soll unter realen Bedingungen zeigen, ob die Abscheidung technisch, ökonomisch und sozial tragfähig ist. Dazu Projektleiterin Christa Dißauer von BEST: „2024 wurde die Carbon Management Strategie für Österreich veröffentlicht. Durch die Umsetzung der Maßnahmen würde man einer Demonstrationsanlage näherkommen. Wie weit deren Umsetzung hinter den Kulissen ist, habe ich keinen Einblick.“
Regulierung befördert Fortschritt
Die Abfallwirtschaft kennzeichnet stete Veränderung und auch Gesetze sind ein Treiber. „Wenn die Politik Regularien beschließt, heißt das nicht nur einschränken, sondern auch ermöglichen. Recycling-Quoten etwa für Kunststoff verpflichten, dass wirklich etwas getan wird. Sie sind messbar und haben uns in den letzten 20 Jahren vorangetrieben“, beobachtet Professor Pomberger. Für die Abfallbranche verursachen neue Regularien zusätzlichen Aufwand, weil sie für Kunden mehr Abfalldaten aufbereiten muss. Doch Thomas Kasper von der WKO sieht auch die Chance: „Aus der Analyse der Materialströme kann sich die Abfallwirtschaft als Experte für Kreislaufwirtschaft positionieren. Denn wir arbeiten branchenübergreifend und haben gelernt, Abfälle zu behandeln und neue Einsatzmöglichkeiten in derselben oder anderen Industrien zu suchen.“
Michaela Ortis
DAS MÜLLKARTELLVERFAHREN
Ein österreichweites Müllkartell soll von 2002 bis 2021 Preisabsprachen und Gebietsaufteilungen vorgenommen haben. Zum Schaden der Mitbewerber, die dadurch Aufträge verloren haben. Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) führte 20 Hausdurchsuchungen durch. Rechtskräftige Entscheidungen mit Geldbußen von insgesamt 7,26 Mio. Euro gibt es gegen FCC Austria Abfallservice, Huber Entsorgungsgesellschaft und Saubermacher. Gegen KAB Kärntner Abfallbewirtschaftung und Killer sind Gerichtsverfahren anhängig. Für alle fünf Firmen bestätigte das Kartellgericht den Kronzeugenstatus. Laut BWB ist im Laufe 2026 mit weiteren Verfahren zu rechnen. Das Kartell hat auch die gesamte Bevölkerung geschädigt, da jeder Haushalt Müllgebühren zahlen muss und eingeschränkter Wettbewerb in der Regel zu höheren Preisen führt. Das macht aus Sicht der BWB den Fall so relevant. Der konkrete Schaden kann im Wege eines zivilgerichtlichen Schadenersatzverfahrens ermittelt und geltend gemacht werden.
Weiterführende Links
Dashboard Abfallwirtschaft https://www.umweltbundesamt.at/abfall/dashboard
Bundesabfallwirtschaftsplan www.bundesabfallwirtschaftsplan.at
BOKU Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft https://boku.ac.at/lawi/abfk
Montanuniversität Leoben, Lehrstuhl für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft https://www.avaw-unileoben.at/de/