Dekarbonisierung als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor
Johannes Assam und Stefanie Wedenig, Sustainability & Climate Consulting von Deloitte Österreich, erläutern wie sich durch Dekarbonisierung langfristig Kosten einsparen lassen.
Steigende CO₂-Preise erzeugen für Unternehmen sowohl direkte Kosten durch den EU-Emissionshandel und das CO₂-Grenzausgleichssystem, als auch indirekte Kosten im Zuge erhöhter Energiepreise. Wer nicht rechtzeitig gegensteuert, riskiert die Profitabilität seines Unternehmens. Dekarbonisierung ist daher nicht mehr rein durch Klima-Idealismus oder regulatorische Pflicht getrieben, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Die Ausgangssituation: Paradigmenwechsel in der europäischen Klimapolitik
In den letzten Monaten war die Debatte in der europäischen ESG-Landschaft dominiert von Omnibus-Paketen, Simplifizierung und Entbürokratisierung. Während in Fachkreisen und EU-Gremien über die Entschärfung von Berichtspflichten diskutiert wird, übersieht man leicht, dass die faktische CO₂-Bepreisung sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Kostenfaktor für Unternehmen entwickelt. Das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) wird sukzessive auf weitere Sektoren ausgeweitet, CO₂-Preise steigen und die CO₂-Grenzausgleichsabgabe (CBAM) tritt schrittweise in Kraft. Zudem hat die EU-Kommission kürzlich das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erneut bestätigt und ein verbindliches Zwischenziel von 90 Prozent Emissionsreduktion bis 2040 vorgeschlagen. Diese Entwicklungen verdeutlichen: Während Berichtspflichten vereinfacht werden, wird die tatsächliche nachhaltige Transformation zu einem entscheidenden wirtschaftlichen Erfolgsfaktor.
Das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS): Was Unternehmen bereits heute zahlen
Das EU-ETS als zentrales Klimaschutzinstrument der Europäischen Union ist eine marktbasierte und staatlich regulierte Plattform für CO₂-Zertifikate. Es legt eine Obergrenze für die jährlichen Treibhausgasemissionen der inkludierten Sektoren (Energieerzeugung, energieintensive Industrie, Seeverkehr und innereuropäischer Luftverkehr) fest, welche schrittweise gesenkt wird, um die Emissionen langfristig zu reduzieren. Unternehmen müssen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Emissionszertifikat vorweisen; deren Gesamtzahl ist begrenzt und wird versteigert oder kostenlos zugeteilt. Der Preis für eine Tonne CO₂ bzw. ein Zertifikat im EU ETS lag im bisherigen Jahresdurchschnitt etwa bei 70 Euro. Zugeteilte Zertifikate, die ein Unternehmen nicht benötigt, können gehandelt werden, was eine zusätzliche Einnahmequelle darstellt und somit einen weiteren Anreiz schafft, Emissionen zu senken. Derzeit ist das EU-ETS I in einer Art „light Version“ in Kraft, bei der der Großteil der Zertifikate gratis ausgegeben wird. In Österreich sind aktuell etwa 200 energieintensive Industrieanlagen verpflichtet, am Emissionshandel teilzunehmen.
Zukünftige Entwicklungen der CO2-Bepreisung: Signifikante Kostensteigerungen stehen bevor
CO2-Preisanstieg
Doch die „Schonfrist“ der Gratisausgabe endet bald. Die EU-Kommission hat angekündigt diese schrittweise zu reduzieren, bis sie 2034 vollständig auslaufen soll. In Kombination mit der kontinuierlichen Reduktion der verfügbaren Zertifikate führt dies erwartungsgemäß zu einem Anstieg des CO₂ Preises. Eigenen Prognosen zufolge liegt der Preis in einem Net-Zero-Szenario in 2030 bei rund 247 Euro je Tonne CO₂, in 2050 gar bei 480 Euro – abhängig von Marktentwicklungen, politischem Kurs und technologischen Fortschritten.
Erweiterung der betroffenen Branchen (EU-ETS II)
Ab 2027 soll zudem EU-ETS II in Kraft treten, welches zusätzlich Emissionen aus dem Gebäude- und Verkehrssektor inkludiert und hier insbesondere auf die Treibstoff-Lieferanten dieser Sektoren abzielt. CO₂-Zertifikate mit einem eigenen Preis (losgelöst vom EU ETS I) werden von diesen zu erwerben sein. Für Endnutzer:innen - ob Unternehmen oder privat - bedeutet das infolge, dass sowohl fossile Treibstoffe wie Diesel und Benzin, als auch Öl- und Gasheizungen sich signifikant verteuern können.
Einführung des CO₂-Grenzausgleichssystems (CBAM)
Um zu verhindern, dass Unternehmen ihre Produktion wegen hoher Kosten ins Ausland verlagern (sog. „Carbon Leakage“), sollen auch CO₂-Emissionen, die bei importierten Produkten anfallen, bepreist werden. Der CO₂-Preis der importieren Waren soll dabei auf dem aktuellen EU-Emissionshandelspreis basieren. CBAM gilt voraussichtlich ab 2026 und konzentriert sich vorerst auf emissionsintensive Grundstoffe wie Stahl, Zement, Aluminium, Düngemittel, Elektrizität, etc. – weitere Produkte können folgen.
All diese Entwicklungen zeigen: Während derzeit der Großteil der heimischen Wirtschaft noch wenig von der CO2-Bepreisung spürt, wird sich dies schon bald ändern. Es ist nämlich davon auszugehen, dass Energieversorger und Industrie ihre Mehrkosten in Form von Preiserhöhungen an ihre Abnehmer bzw. Endnutzer weitergeben werden. Somit werden alle Unternehmen, die Energie aus fossilen Quellen beziehen, fossile Treibstoffe oder Heizsysteme nutzen, oder emissionsintensive Vorprodukte importieren, von steigenden Preisen betroffen sein. Die CO2-Bepreisung macht Emissionen also zu einem echten Kostenfaktor – und das nicht nur für Unternehmen, die direkt verpflichtet sind, am Emissionshandel teilzunehmen.
Kostenentwicklung für Unternehmen, die „Business as usual“ beibehalten
Österreichisches KMU aus der produzierenden Industrie
Jahresumsatz: 313,4 Mio. Euro
Gewinnmarge: 3%
Gesamtenergieverbrauch: 1904 GWh
Energiemix gleichbleibend: 24% Kohle/Öl/Gas; 63% Biomasse; 13% Strom (Mix AT)
Annahmen:
- Net-Zero-2020 Szenario
- Unternehmenswachstum vernachlässigt
- Keine Veränderung bei Energieverbrauch
- Keine Veränderung bei Energiemix
Outcome:
Die Entwicklung der CO₂-Bepreisung resultiert in einer Reduktion der Gewinnmarge um rund 75% bis 2050.
Die Lösung: Klimatransitionsplan als strategisches Instrument zur Dekarbonisierung
Um diese Kostenlawine zu vermeiden, müssen Unternehmen ihre Emissionen systematisch reduzieren – in allen drei Bereichen, Scope 1, 2 und 3. Ziel ist es, so wenig wie möglich auf fossile Energien angewiesen zu sein – zuerst im eigenen Betrieb, mittel- und langfristig auch in der Wertschöpfungskette. Dies gelingt grob durch zwei Ansätze: fossile Brennstoffe substituieren und/oder den Energieverbrauch allgemein reduzieren.
Beide Ansätze sind mit potenziell einschneidenden Veränderungen in den Kostenstrukturen sowie operativen bzw. technischen Vorgängen im Unternehmen verbunden und benötigen daher eine strukturiere und realistische Planung, um diese schrittweise bewältigbar zu machen.
Ein durchdachter Klimatransitionsplan ist dafür das zentrale strategische Instrument. Er schafft Transparenz über die eigenen Emissionen, identifiziert klimabezogene Risiken und Chancen und legt konkrete, wissenschaftlich fundierte Reduktionsziele fest. Wesentliche Bestandteile eines effektiven Transitionsplans sind:
- Klare, messbare und gestaffelte Reduktionsziele mit realistischem Zeitplan
- Dekarbonisierungshebel mit konkreten Maßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette
- Investitions- und Finanzierungsstrategien, um die Kosten der Transition tragen zu können
- Integration in die Unternehmens-Governance und Einbindung relevanter Stakeholder
- Mechanismen zur Erfolgskontrolle und regelmäßigen Anpassung bei Bedarf
So gelingt es kurz-, mittel- und langfristig, Prozesse im Unternehmen anzupassen und dabei sowohl operativ als auch finanziell handlungsfähig zu bleiben.
Die Kostenentwicklung für Unternehmen, die auf „Substitute“ setzen - Dekarbonisierung durch Substitution fossiler Brennstoffe
Annahmen:
- Net-Zero-2020 Szenario
- Unternehmenswachstum vernachlässigt
- Keine Veränderung bei Energieverbrauch
- Veränderung bei Energiemix: graduelle Substitution von fossilen Brennstoffen bis 2050
- Mix in 2050: 3% Biomasse; 97% Strom (Mix AT)
Outcome:
Mittelfristig Reduktion der Gewinnmarge von rund 50%; langfristige Erholung der Gewinnmarge auf knapp 75% des Startniveaus
Kostenentwicklung für Unternehmen, die auf „Substitute & Reduce“ setzen
Dekarbonisierung durch Substitution fossiler Brennstoffe und parallele Reduktion des Energieverbrauchs
Annahmen:
- Net-Zero-2020 Szenario
- Unternehmenswachstum vernachlässigt
- Veränderung bei Energieverbrauch: Reduktion des Gesamtverbrauchs um 30%
- Veränderung bei Energiemix wie in Fall 2: Mix in 2050: 3% Biomasse; 97% Strom (Mix AT)
Outcome:
Kurz-/Mittelfristiger Profitverlust von ca 50%; langfristige Erholung der Marge auf knapp 80% des Startniveaus
Fazit: Wer heute handelt, gewinnt morgen
Initiativen von Unternehmen im Bereich Klimaschutz waren in der Vergangenheit oft von gutem Willen oder Berichtspflichten getrieben – die zukünftigen Entwicklungen der CO2-Bepreisung leiten nun einen echten Paradigmenwandel ein: Unternehmen, die sich proaktiv der Herausforderung stellen, ihre CO2-Emissionen schrittweise zu reduzieren, sparen langfristig Kosten und sichern Wettbewerbsvorteile. Wer diesen Trend verschläft, riskiert nicht nur steigende Ausgaben, sondern seine Zukunftsfähigkeit insgesamt.
Die Botschaft ist deswegen klar: Dekarbonisierung ist keine lästige Pflicht mehr, sondern der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von morgen.
Der Artikel wurde vor den Beschlüssen des EU-Ministerrats verfasst, die Änderungen hinsichtlich des EU 2040 Reduktionsziels und der Einführung des EU ETS II auf den Weg bringen.
Weiterführende Informationen:
Informationen der Europäischen Kommission zum EU-Emissionshandel
Informationen der Europäischen Kommission zu den europäischen Klimazielen
Avantag, 2025 (Emissionshandel / CO2 – Marktbericht vom 01.09.2025)
Europäisches Parlament (Reform des Emissionshandelssystems der EU | Themen | Europäisches Parlament)
Datenmodell von Deloitte; Basierend auf Inputdaten des NGFS: NGFS Climate Scenarios for central banks and supervisors - Phase V | Network for Greening the Financial System
„Mittlerweile sprechen Zahlen für sich: Klimaschädliches Wirtschaften wird teurer, klimaschonendes günstiger – und das nicht nur für Unternehmen, die direkt vom Emissionshandel betroffen sind.“
„Dekarbonisierung ist keine lästige Pflicht mehr, sondern der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von morgen."