Der Digitale Produktpass: ein unterschätzter Wettbewerbsfaktor?
Wie KMU mit dem Digitalen Produktpass zu Materialien, Herstellung usw. auch interne Prozesse beschleunigen können. Helene Pattermann, Kreislaufwirtschaftsexpertin des Climate Labs, im Interview.
Was verbirgt sich hinter dem Digitalen Produktpass (DPP), wie können Unternehmen profitieren und warum sollte sich die EU keinesfalls von China überholen lassen? Das und mehr erklärt Circularity-Expertin Helene Pattermann im Gespräch. Im Rahmen des Climate Lab Projekts „DPP für Matratzen und Textilien“ hat sie im Auftrag des BMLUK Chancen und Hürden untersucht - und einen Leitfaden für die ersten Schritte zum DPP erstellt.
Fangen wir von vorne an: Was ist der Digitale Produktpass (DPP) eigentlich genau?
Pattermann: Basierend auf der Ökodesign-Verordnung müssen alle Produkte, die in der EU auf den Markt gebracht werden, in Zukunft einen Digitalen Produktpass (DPP) haben, der alle relevanten Informationen zu Herstellung, Materialien, Lieferketten, Nutzung, Reparatur und dergleichen enthält.
Es wird ja auch immer wieder über zu viel Regulierung geklagt. Ist der DPP für die zirkuläre Transformation wirklich notwendig und sinnvoll?
Pattermann: Eine Kreislaufwirtschaft muss wissen, welche Materialien in einem Produkt enthalten sind, anders wird das nicht gehen. Wir wollen weg von diesem linearwirtschaftlichen Cradle to Grave Ansatz, da sind sich ja inzwischen alle einig. Damit das klappen kann, brauchen wir genaue, ausführliche und verlässliche Informationen über die Produkte.
Ein weiteres Ziel ist es, “gesündere” Produkte auf den Markt zu bringen. Das lässt sich nur überprüfen, wenn die Datenlage verlässlich ist und man genau weiß, welche Stoffe wo drin sind. So können dann auch Umweltinformationen und Produktkennzeichnungen bereitgestellt werden. Konsument:innen können so gut informiert entscheiden.
Wenn die Daten vorhanden sind, werden sie vermutlich auch in irgendeiner Form harmonisiert werden müssen. Gibt es dazu schon Informationen, wie das umgesetzt werden soll?
Pattermann: Die Absicht der EU ist, es den Unternehmen so einfach wie möglich zu machen. Es soll auch ohne externen Berater oder teure Tools gehen. Ob das wirklich gelingt, wird die Zukunft zeigen. Der Plan ist jedenfalls, dass alle Daten in einer Art maschinenlesbaren “Excel-Liste” erfasst werden. Wahrscheinlich werden die meisten Unternehmen, ähnlich wie sie jetzt Website-Provider nutzen, auch für den DPP auf externe Lösungen - sowas wie DPP Service Provider - zurückgreifen.
Für die Datenharmonisierung wird es Standards und Normen geben, die derzeit ausgearbeitet werden. Sie werden die technischen Details zu den vorgegebenen Daten vorgeben. Da besteht noch großer Harmonisierungsbedarf, da verschiedene Systeme unterschiedliche Angaben verwenden. Zum Beispiel bei den „Chemicals of High Concern“. Das sind Inhaltsstoffe, die gesundheitliche Auswirkungen haben können. Da besteht noch viel Unklarheit darüber, wie sie genau erfasst und dokumentiert werden sollen.
Ungeachtet aller Unklarheiten ist unsere Empfehlung, jetzt schon alle Daten zusammenzutragen und bereitzulegen. Denn wenn die Informationen einmal vorliegen, lässt sich vieles leicht anpassen oder umbenennen.
Gut, aber worauf konkret müssen sich Unternehmen jetzt einstellen? Wie sieht es mit den Kosten aus?
Pattermann: Der größere Kostenpunkt ist sicherlich, zu Beginn die interne Digitalisierung so aufzubauen, dass eine spätere Integration sehr einfach und automatisiert möglich ist. Die Kosten pro Produktpass sollten dann nicht allzu hoch sein.
Welche weiteren Herausforderungen halten Unternehmen deiner Erfahrung nach davon ab, sich schon jetzt vorzubereiten?
Pattermann: Die größte Hürde scheint der Anfang zu sein, also einfach mal loszulegen. Sich in Zeiten vieler Unklarheiten auf den Weg zu machen, ist immer schwer. Wir kennen noch nicht alle Details und da tendiert man gerne dazu, erstmals abzuwarten. Aus meiner Arbeit und Erfahrung kann ich aber sagen, dass der DPP eine Gelegenheit für jene sein wird, die vorausschauend agieren und umgekehrt große Risiken für alle anderen birgt, die dann abgehängt werden. Unser Ziel im Climate Lab ist es deshalb auch, unseren heimischen Unternehmen Mut zu machen. Wir wollen sie dabei unterstützen, den DPP als Chance zu erkennen und das volle Potential zu heben.
Wie könnte man die Unternehmen aus deiner Sicht dazu motivieren, einfach mal loszulegen?
Pattermann: Unternehmen, die in zehn Jahren noch am Markt sein wollen, können sich nicht erlauben, Trends wie Digitalisierung, AI oder auch den Green Deal zu verschlafen.
Oft wird gesagt, dass First Mover in der Wirtschaftswende eher Nachteile als Vorteile haben. Wie siehst du das beim DPP?
Pattermann: Ich seh das nicht so. Die Daten helfen ja nicht nur für die Berichtslegung des DPP, sondern beschleunigen auch interne Prozesse und ermöglichen fundierte Entscheidungen im gesamten Unternehmen. Dadurch werden sie effizienter und können auch andere Bereiche - etwa Lieferketten - besser steuern. Wer hier früh gute Beziehungen aufbaut und Vertrauen schafft, verschafft sich damit auch einen klaren Wettbewerbsvorteil, wenn dann der DPP kommt. Für Textilien wäre das planmäßig verpflichtend ab 2028 und für Matratzen mit Übergangsfristen 2030.
Der Zeitvorsprung ist dabei auch entscheidend, wer sich jetzt schon mit der Digitalisierung und der Aufsetzung interner Projekte beschäftigt, kann die Erfahrung von mehreren Jahren berücksichtigen. Wer hingegen wartet, bis alle Details geklärt sind, riskiert Überforderung und deutlich höhere Kosten, zum Beispiel für Berater oder teure Tools, um die Umsetzung dann schnell nachzuholen.
Wie siehst du die Zukunft? Bleibt der DPP ein reines EU-Regulativ oder könnte er globale Standards setzen?
Pattermann: Es gibt bereits erste Entwicklungen für einen chinesischen DPP. Teilweise wird befürchtet, dass sich der chinesische Markt schneller entwickelt als der europäische. Während die EU noch an der konkreten Ausgestaltung arbeitet und einen möglichst geordneten Übergang für die Wirtschaft anstrebt, besteht das Risiko, dass andere Märkte früher Standards setzen und dadurch Wettbewerbsvorteile erzielen. Ich hoffe, dass europäische Unternehmen die bestehenden Chancen nutzen.
Das Interview führte Anna Zámbó
Helene Pattermann leitet seit der Eröffnung im Climate Lab den Kreislaufwirtschaftsschwerpunkt Circularity im Climate Lab, in dem das Climate Lab Innovationsprojekte für das Umweltministerium durchführt.
GUT ZU WISSEN
Die heute geltende Ökodesign Richtlinie wird durch die Ökodesign Verordnung (engl. Ecodesign for Sustainable Products Regulation; kurz: ESPR) abgelöst werden. Die ESPR regelt allgemeine Vorgaben, die von der Europäischen Kommission später (z.B. durch delegierte Rechtsakte, Leitlinien) konkretisiert werden. Aufgrund der ESPR wird künftig das Design und die Produktion von nahezu allen physischen Produkten nachhaltig sein.
Die ESPR wird durch andere Rechtsakte ergänzt: Jene zur Förderung der Reparatur von Waren ist national bis 31. Juli 2026 umzusetzen und regelt das Recht nach dem Kauf eines Produkts.
In Artikel 18 der ESPR ist vorgesehen, dass 12 Produktgruppen prioritär geregelt werden sollen. Die Kommission hat sich vorgenommen, 2-3 Produktgruppen pro Jahr abzuschließen.
Die 12 prioritären Produktgruppen sind:
- Eisen & Stahl
- Aluminium
- Textilien (inkl. Bekleidung und Schuhe)
- Möbel (inkl. Matratzen)
- Reifen
- Waschmittel
- Anstrichmittel
- Schmiermittel
- Chemikalien
- Neue und bestehende energieverbrauchsrelevante Produkte (mit einem Übergangsregime)
- IKT-Produkte
- Sonstige Elektronik
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