Recycling ist langweilig! Risiken bei der Transformation sind es nicht.
Lesen Sie die eigenen CSR-Berichte! Laut Lisa Lechner sind sie der unterschätzte Schlüssel der Kreislaufwirtschaft für erfolgreiche Kommunikation.
Kreislaufwirtschaft ist kein Selbstläufer. Wer heute als Unternehmen über geschlossene Materialkreisläufe oder Sekundärrohstoffe kommuniziert, tut das selten aus einem einzigen Grund.
Drei Treiber dominieren: Regulierung kommt zuerst. Die CSRD verpflichtet Unternehmen seit 2025 zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsdaten auf dem Niveau von Finanzdaten, und strengere Regulierung erhöht nachweislich den Umfang der Kreislaufwirtschafts-Kommunikation (Pizzi et al., 2023). Stakeholder-Druck folgt. Vor allem aus dem B2B-Bereich, da internationale Abnehmer von ihren Lieferanten Nachweise zu Materialkreisläufen einfordern (Mathivathanan et al., 2022). Und schließlich: der Wettbewerbsvorteil. Wer Kreislaufwirtschaft als Unternehmensidentität begreift statt als Pflichtübung, kann Markenreputation und Vertrauen aufbauen (Naidoo & Gasparatos, 2018).
Hinter diesen Treibern steckt eine Frage, die selten gestellt wird: Kommuniziert ein Unternehmen, weil es muss — oder weil es will? Die Antwort entscheidet, ob Kommunikation Pflichterfüllung signalisiert oder echte Überzeugung erzeugt.
Frage 1: Wer will was hören?
Kreislaufwirtschaft kommunizieren bedeutet nicht, eine Botschaft zu formulieren. Es bedeutet, dieselbe Geschichte für unterschiedliche Publika zu übersetzen. Investor*innen wollen Zahlen mit Herkunft: Unternehmen mit konkreten, nachweisbaren Kreislaufpraktiken erzielen höhere Marktkapitalisierung als solche mit guten ESG-Scores ohne operative Substanz (Teixeira et al., 2026).
Kund*innen wollen Transparenz und Zugänglichkeit — Informationen in Berichtsanhängen erreichen sie nicht. Mitarbeiter*innen reagieren sensibel auf die Lücke zwischen innen und außen: Externe Kommunikation die nicht mit dem internen Erleben übereinstimmt, erzeugt Misstrauen (Brunner et al., 2024).
Und Regulator*innen wollen schlicht standardisierte, prüffähige Daten. Ein Unternehmen das allen dasselbe sagt, überzeugt niemanden. Wer das versteht, muss sein Unternehmen nicht viermal neu erfinden — er muss es nur viermal anders erzählen.
Frage 2: Wo wird gesprochen?
Nachhaltigkeitskommunikation findet nicht an einem einzigen Ort statt. Sie verteilt sich über Kanäle, die sich in Reichweite, Tiefe und Glaubwürdigkeit fundamental unterscheiden. Und Unternehmen treffen dabei, bewusst oder unbewusst, strategische Entscheidungen.
Die häufigste Form der Nachhaltigkeitskommunikation ist der ESG-Bericht. Rund die Hälfte aller Unternehmen setzt ihn als primären Kommunikationskanal ein, gefolgt von der Unternehmenswebsite und Social Media. Events und Kampagnen spielen eine untergeordnete Rolle.
„Unternehmen sind im öffentlichen Diskurs zur Kreislaufwirtschaft auffällig leise. Und wenn sie sprechen, dann meist über Berichte, nicht über Social Media.“- Lisa Lechner
Das klingt zunächst konsequent, denn ESG-Berichte gelten als das glaubwürdigste Format. Doch hier liegt ein Paradox: Mit jeder Stufe hin zu mehr Reichweite sinkt die wahrgenommene Glaubwürdigkeit. Und mit jeder Stufe hin zu mehr Glaubwürdigkeit sinkt die Reichweite. Unternehmen kommunizieren also am intensivsten dort, wo sie am wenigsten Menschen erreichen.
ESG Berichte sind die häufigste Form der Nachhaltigkeitskommunikation
Über soziale Medien können mehr Menschen erreicht werden, aber wer spricht überhaupt auf diesen Kanälen über Kreislaufwirtschaft – und in wessen Namen? Eine Analyse der aktivsten Twitter-Accounts im Kreislaufwirtschafts-Diskurs zeigt: Die lautesten Stimmen gehören nicht den Unternehmen, die Kreislaufwirtschaft praktizieren, sondern Institutionen, Medienplattformen und Aggregator*innen. Unternehmen sind im öffentlichen Diskurs zur Kreislaufwirtschaft auffällig leise — und wenn sie sprechen, dann meist über Berichte, nicht über Social Media.
Firmen könnten viel mehr Raum einnehmen
ZUR AUTORIN
Lisa Lechner ist Assistenzprofessorin für Politikwissenschaft (Methoden) an der Universität Innsbruck und Gründerin von dataskin.art, einer Praxis für Datenkommunikation und Nachhaltigkeitsvisualisierung. Sie forscht zur Kommunikation von Kreislaufwirtschaft in ESG-Berichten und arbeitet mit Unternehmen an datenbasierten Narrativen für komplexe Materialkreisläufe. Und sie spricht darüber, unter anderem im Webinar von respACT am 12. Mai.
Frage 3: Worüber wird gesprochen?
Doch das eigentlich Aufschlussreiche ist nicht, wo kommuniziert wird — sondern worüber. Eine Analyse von über 500 europäischen ESG-Berichten sowie des Twitter-Diskurses zeigt ein konsistentes Muster: Recycling dominiert in beiden Kanälen. Reuse ist vor allem auf Social Media präsent. Recover taucht überwiegend in Berichten auf. Die transformativeren Strategien der Kreislaufwirtschaft — Refuse, Rethink, Repair, Refurbish, Remanufacture — sind in beiden Kanälen kaum vorhanden (Lechner, 2026; Kvasnicka, 2025).
Recycling wird in den ESG Berichten und auf den sozialen Medien aum Häufigsten genannt. Reuse ist vor allem auf sozialen Medien und Recover in Berichten.
Das ist kein Zufall. Recycling ist sichtbar, messbar und kommunizierbar — es passiert am Ende des Produktlebens, wo man es zeigen kann. Refuse oder Rethink hingegen passieren am Anfang: im Produktdesign, in der Beschaffungsstrategie, im Geschäftsmodell. Dort ist Kommunikation schwieriger — weil die Maßnahmen komplexer sind, weil sie mehr erklären müssen, und weil sie das eigentliche Geschäftsmodell berühren. Was Unternehmen kommunizieren, spiegelt damit nicht nur ihre Prioritäten wider — es spiegelt auch ihre Risikobereitschaft.
Frage 4: Und was können Unternehmen jetzt tun?
Es ist kein Datenproblem, denn die Daten sind da. Die CSRD schafft eine belastbare, vergleichbare Datenbasis. Und in eigener Forschung zu über 877 europäischen ESG-Berichten zeigt sich: Die meisten Unternehmen berichten sehr viel zur Kreislaufwirtschaft. Die Substanz liegt in den Anhängen, vergraben zwischen Tabellen, formuliert in der Sprache der Regulierung (Lechner, 2026).
Es ist also ein Übersetzungsproblem. Zahlen allein überzeugen nicht: Narrative erzeugen stärkeres emotionales Engagement, reduzieren psychologische Distanz zu abstrakten Problemen und bleiben hängen, wo Kennzahlen vergessen werden (Jones & Peterson, 2016). Eine Recyclingquote von 94% ist beeindruckend. Aber sie bewegt niemanden. Was bewegt: zu verstehen, welchen Weg ein Material zurückgelegt hat, welche Entscheidungen dahinterstecken.
"Eine Recyclingquote von 94 Prozent ist beeindruckend. Aber sie bewegt niemanden." - Lisa Lechner
WAS KÖNNEN UNTERNEHMEN JETZT TUN?
Den eigenen Bericht lesen — als Fremder. Welcher Satz überrascht? Dieser Satz ist der Kommunikationskern. Alles andere ist Anhang.
Von Recycle zu Rethink. Wer nur über das Ende des Produktlebens kommuniziert, erzählt die Hälfte der Geschichte. Die interessantere Hälfte liegt am Anfang: Welche Materialentscheidungen wurden beim Design getroffen? Diese Informationen sind in den meisten Berichten vorhanden — sie müssen nur erzählt werden.
Spezifität ist Glaubwürdigkeit. Nicht „wir wirtschaften nachhaltig“, sondern „97% des Wolframs in unseren Produkten stammt aus Sekundärrohstoffen — aus Altwerkzeugen, die wir selbst zurückkaufen“. Konkrete Zahlen mit Herkunft wirken stärker als allgemeine Versprechen.
Mut zur Lücke. Kein Unternehmen ist vollständig zirkulär. Wer klar benennt, was noch nicht funktioniert — und warum, und was als nächstes kommt — baut auf, was am schwierigsten zu gewinnen ist: Vertrauen. Nicht Perfektion überzeugt, sondern Ehrlichkeit über den Weg dorthin.
Quellen
Brunner, T. et al. (2024). Thinking Out Loud? Internal vs. External Communication of Sustainability in Companies. Sustainability, 16(13), 5416. https://doi.org/10.3390/su16135416
Jones, M. D. & Peterson, H. (2016). Narrative Persuasion and Storytelling as Climate Communication Strategies. Oxford Research Encyclopedia of Climate Science. https://doi.org/10.1093/ACREFORE/9780190228620.013.384
Kvasnička, R., Kvasničková Stanislavská, L., Balsalobre-Lorente, D., Huseynova, R. & Pilař, L. (2026). A systematic analysis of twelve years of circular economy communication. Cogent Business & Management, 13(1). https://doi.org/10.1080/23311975.2025.2609931
Lechner, L. (2026). Seeing the Forest: Corporate Sustainability Reporting and the EU Circular Economy Agenda. Working Paper. Universität Innsbruck.
Mathivathanan, D., Mathiyazhagan, K., Khorana, S., Rana, N. P. & Arora, B. (2022). Drivers of circular economy for small and medium enterprises: Case study on the Indian state of Tamil Nadu. Journal of Business Research, 149, 997–1015. https://doi.org/10.1016/j.jbusres.2022.06.007
Naidoo, M. & Gasparatos, A. (2018). Corporate environmental sustainability in the retail sector: Drivers, strategies and performance measurement. Journal of Cleaner Production, 203, 125–142. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2018.08.253
Pizzi, S., Principale, S. & De Nuccio, E. (2023). How circular economy disclosure responds to institutional determinants: Empirical evidence in non-financial European firms. Sustainability, 15(22), 16069. https://doi.org/10.3390/su152216069
Raimo, N. et al. (2025). Greenwashing in sustainability reporting: A systematic literature review of strategic typologies and content-analysis-based measurement approaches. Sustainability, 18(1), 17. https://doi.org/10.3390/su18010017
Teixeira, N. et al. (2026). Beyond ESG disclosure: Circular economy practices and corporate financial performance across global sectors. Corporate Social Responsibility and Environmental Management, 1–9. https://doi.org/10.1002/csr.70555