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Finance in Transition

Banken gewähren nachhaltigen Unternehmen bessere Konditionen

Illustration: auf einem kleinen Stapel Notizbüchern stehen drei 3D-Balken auf einer glänzenden Scheibe, am höchsten lehnt eine Leiter. Neben dem Arrangement liegen zwei goldene Münzen, zwei schwarze und ein weißes Chetons.
Foto: Galina Nelyubova/Unsplash

Es geht um 638 Milliarden Euro. Dieses Volumen an potenziellen Kreditverlusten veranschlagt die European Banking Authority, kurz EBA, in ihrem zuletzt durchgeführten Klimastresstest. Die Analyse, die auch als „Fit-for-55“-Stresstest firmiert, zeigt wie widerstandsfähig der europäische Finanzsektor gegenüber den Risiken ist, die es im Zuge der ökologischen Transformation gibt.

Die Zahl 55 steht dabei für das Ziel, die Emissionen innerhalb der EU bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken. Mit Risiken sind jene gemeint, die durch den Ausstieg der Finanzwelt aus kohlenstoffintensiven Unternehmen entstehen – also dem Wandel hin zu einer CO2-armen Wirtschaft.

Dabei sind die längerfristig wirkenden akuten und chronischen physischen Risiken – wie etwa Schäden durch Hagel, Flut und Hochwasser – nicht einmal vollständig, sondern nur mittelbar in die Analysen eingeflossen. Diese hohen Verluste bringen zwar das Finanzsystem als Ganzes nicht an seinen Kipp-Punkt. Sie können aber für einzelne Institute zum Problem werden.

Daher hat die Europäische Zentralbank (EZB) vor Kurzem begonnen, Strafzahlungen für jene Banken zu verhängen, die sich nicht gut genug auf diese Risiken vorbereiten. Nach der spanischen ABANCA im Jahr 2025 muss die französische Crédit Agricole heuer 7,5 Millionen Euro für ungenügende Klima-Analysen an die EZB überweisen.

Vom Reporting zur Steuerung, von Pflichtlisten zur Performance

Der Fokus muss sich demzufolge von formalem ESG-Reporting – ESG steht für Environmental, Social und Governance – hin zu echter finanzieller Steuerung verlagern, von Pflichtlisten hin zur Performance. Für österreichische Unternehmen ist das eine Chance mit klarer Kosten‑Nutzen‑Logik.

Warum? Weil der Druck trotz Deregulierung der bis dato strengen ESG-Vorgaben wegen der wissenschaftlich belegten Effekte des Klimawandels hoch bleibt. Das Klimarisiko wird laut der KPMG‑Studie „Banking for a Better Future“ von allen befragten Banken, welche nach den europäischen Nachhaltigkeitsregeln, den European Sustainability Reporting Standards (ESRS), berichteten, als wesentlich eingestuft. Vielfach sogar als „doppelt wesentlich“, um im technischen Jargon der ESRS zu bleiben. Und weil seit Jänner 2026 die Banken-Leitlinien zum ESG‑Risikomanagement greifen – was vielen, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht bewusst sein dürfte.

Für österreichische Unternehmen heißt das: Auch wenn Reportingpflichten wegfallen oder schrumpfen, ist es ratsam, ESG substanziell zu verankern – mit Vorteilen bei Finanzierungskosten und Wettbewerbsfähigkeit. Wer jetzt einen verlässlichen Klima- und Transitionsplan aufbaut und seine ESG-Risiken professionell adressiert, verschafft Banken die nötige Evidenz, reduziert damit deren Risiko und senkt den Preis des Kapitals. Wer die Qualität seiner Daten, deren Messbarkeit und eine bewusste Steuerung ernst nimmt, kann Kreditentscheidungen positiv beeinflussen und beschleunigt die eigene Transformation.

ESG wird adjustiert – nicht abgesagt

Mit dem Backlash durch die EU-Omnibus-Initiative im Jahr 2025 wurden zahlreiche Regelungen im Bereich ESG teils komplett aufgehoben, teils gelockert. Dazu gehören unter anderem die CSDDD, die CSRD mit den ESRS sowie die EU-Taxonomie.

Was verbirgt sich hinter den Akronymen an Deregulierungen?

Die EU-Lieferkettenrichtlinie (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD), wurde zeitlich verschoben. Viele Regelungen wurden entschärft, wie zum Beispiel die Verpflichtung zur Aufstellung von Klimatransitionsplänen. Der Anwendungsbereich wurde auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiter*innen und mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz stark eingeschränkt.

Die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) mit den inhaltlich flankierenden Standards namens European Sustainability Reporting Standards, kurz ESRS, wurde ebenso verschoben, entschärft und eingeschränkt: Nur mehr Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiter*innen und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz müssen nach diesen Standards berichten. Die ESRS wurden dabei auch noch einmal überarbeitet, um die Anzahl an Datenpunkten zu reduzieren.

Die EU-Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten folgt dabei im Anwendungsbereich den Einschränkungen der CSRD – außerdem wurden auch hier Regelungen vereinfacht.

Ist die EU-Taxonomie eine geeignete Steuerungsgröße für Banken?

Die EU-Taxonomie ist ein Klassifikationssystem, das mit dem Green Deal ins Leben gerufen wurde, um klar zu definieren, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig anzusehen sind, und welche nicht. Daher galt diese lange Zeit als Dreh- und Angelpunkt für die Grüne Transformation.

Unternehmen, die nach der EU-Taxonomie berichten müssen, haben im Wesentlichen drei Kennzahlen als Nachweis für ihre Nachhaltigkeit zu reporten: Umsätze, Investitionsausgaben (CapEx) und Betriebsausgaben (OpEx). Banken haben eine eigene Kennzahl, über die sie berichten müssen: die Green Asset Ratio (GAR). Diese soll veranschaulichen, welcher Anteil eines Bankportfolios mit der EU-Taxonomie konform ist und wie „grün“ die von der Bank vergebenen Kredite, also die „Assets“, tatsächlich sind. Die GAR sollte also nicht nur eine reine Reporting‑Kennzahl, sondern auch eine Steuerungsgröße sein. Projekte, die die EU-Taxonomie-Kriterien erfüllen, verbessern die GAR.

Die EU-Taxonomie umfasst ein dreistufiges Überprüfungsschema:

1. Wird zumindest eines von sechs vorgegebenen Umweltzielen, beispielsweise Klimaschutz oder Biodiversität, verfolgt?

2. Wird kein anderes Umweltziel dabei erheblich beeinträchtigt? Im technischen Jargon heißt das Do-No-Significant-Harm-Kriterium oder DNSH.

3. Werden dabei soziale Mindeststandards und Menschenrechte eingehalten?

Bei der Kalkulation dieser Kennzahlen beachten die Unternehmen eine Vielzahl an technischen Bewertungskriterien mit konkreten Schwellenwerten. Häufig werden CO2-Emissionen, Energieeffizienzen oder spezifische Abfallquoten als Schwellwerte für eine nachhaltige Produktion bzw. Dienstleistung im Leistungskatalog durch die EU vorgegeben.

So sollte auch das Finanzieren von taxonomiekonformen Aktivitäten zum zentralen Hebel für die Grüne Transformation werden. Die Praxis allerdings zeigt laut KPMG-Studie ein ernüchterndes Bild: Die Green Asset Ratio ist bei österreichischen Banken äußerst gering, der Anteil macht nur wenige Prozent aus. Viele Banken stellen die GAR überhaupt als richtige Steuerungskennzahl für das Portfolio infrage, insbesondere weil eine Vielzahl an Unternehmen nach der EU-Omnibus-Initiative auch aus der verpflichtenden Anwendung der EU-Taxonomie fallen.

Aber nicht nur die Datenlage für die EU-Taxonomie ist bescheiden. Weil nun rund 80 Prozent weniger Unternehmen eine Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD/ESRS machen werden, stehen den Banken weit weniger Daten als ursprünglich geplant zur Verfügung. Und selbst bei jenen Unternehmen, die nach CSRD/ESRS berichten, wurden die Standards verschlankt und reduziert.

Der Datenknackpunkt

Die Kehrseite der Deregulierung ist, dass Banken beim Einschätzen der potenziellen Risiken und Chancen mit wesentlich mehr Unsicherheit umgehen müssen. Dabei erwarten die Aufsichtsbehörden gleichzeitig ein aktiveres Steuern dieser Risiken seitens der Banken. Konkret heißt das: ESG-Daten müssen in der Materialität eingeschätzt werden, und zwar nicht nur im klassischen Kreditrisiko, sondern auch in allen anderen Risikoarten wie etwa Marktrisiken, Liquiditätsrisiken oder auch operationelle Risiken, um nur einige zu nennen.

Die ESG-Steuerung muss tief in der Organisation und Governance verankert werden, die Daten teils auch intern in der Bank überwacht werden. Letztlich muss eine valide Transitionsplanung auf lange Sicht – oftmals bis 2050 – für die Bank und deren Portfolio vorliegen.

Dazu gehören Emissionsdaten aller Kund*innen einer Bank – und zwar nicht nur die vergleichsweise einfach zu erhebenden Scope-1- und Scope-2-Treibhausgasdaten, sondern auch alle indirekten Scope- 3-Treibhausgasdaten, die sich aus den vor- und nachgelagerten Aktivitäten in der Wertschöpfungskette ergeben. 82 Prozent der befragten Banken sahen laut der KPMG-Studie bereits vor der EU-Omnibus-Initiative Risiken durch unzureichende oder ungenaue Daten. Diese Einschätzung hat sich im Laufe der Jahre kaum verbessert.

Ab 2026 liegt der Fokus auf der Dekarbonisierung

Mit Jänner 2026 wurde für Banken noch eine weitere neue Regulierung schlagend, die vielen Unternehmen bis dato unbekannt sein dürfte: die Leitlinien der European Banking Authority, kurz EBA zum ESG‑Risikomanagement. Neben der Materialitätsmessung und Empfehlungen für eine angemessene ESG-Steuerung gibt es einen zentralen Schwerpunkt: die Dekarbonisierung. Die CO2-Reduktion und Klimatransitionspläne sind somit fest im Kreditrisiko, in der Strategie, in der Governance und in den Stresstests verankert.

Angesichts des eingangs bereits erwähnten Risikos an Kreditverlusten von bis zu 638 Milliarden Euro ist es nicht verwunderlich, dass 100 Prozent aller Banken im Sample der KPMG den Klimawandel im eigenen Nachhaltigkeitsbericht nach den europäischen Nachhaltigkeitsstandards ESRS als wesentliches Thema – über der doppelten Wesentlichkeitsanalyse – einstufen.

Banken wollen CO2-Daten, Klima- und Transitionspläne sehen

Wenn nun die überwiegende Mehrheit der Banken (91 Prozent) das Net-Zero-Ziel bis 2050 verfolgt, ist das mehr als eine Absichtserklärung. Es ist ein Steuerungsauftrag: Portfolios werden aktiv umgebaut, Sector Exposures neu gewichtet, Übergangsrisiken beobachtet und – sofern diese Risiken für die Banken zu hoch sind – teilweise auch bereits eingepreist.

Für Unternehmen eröffnet das wiederum ein Fenster: Wer früh robuste, überprüfbare Daten liefert – etwa zu Emissionen, Energiebezug, Übergangsplänen und physischen Risiken –, erleichtert den Banken die Einschätzung und reduziert somit Unsicherheiten und Risiken. All das kann den Preis, die Laufzeit und die Covenants, also die Vertragsbedingungen bei Krediten verbessern.

In der Praxis zahlen sich Investition in Messsysteme, auditfähige Prozesse und digitale Evidenzen rasch aus. Unternehmen, die ihre Emissionen, ihre Energieumstellung und ihre Lieferkettenrisiken noch dazu belastbar managen, erleichtern die bankinterne Risikoargumentation – und überzeugen Kreditkomitees schneller.

Fokussieren statt Unmengen an Daten berichten

Die Entlastung von Bürokratie ermöglicht es, wichtige Handlungsfelder von „Nice-to-have“-Daten zu differenzieren – und damit an der tatsächlichen Transformation zu arbeiten. Je nach Geschäftsmodell und Komplexität des Unternehmens kann es sich lohnen, folgende Punkte zu priorisieren:

1. Gute Analysen zu den wesentlichen (quantitativen) Auswirkungen und finanziellen Effekten erstellen. Dazu braucht es den „Mut zur Lücke“, die nicht-wesentlichen Themenfelder wirklich auch wegzulassen.

2. Den Dekarbonisierungspfad und die Klimapläne mit Meilensteinen bis 2050 und dem CapEx‑Plan verankern.

3. Die Datenqualität heben: Primärdaten anstelle von Schätzwerten liefern. Die Herkunft sollte nachvollziehbar und Prozesse sollten überprüfbar sein.

4. Für manche Unternehmen ist es sinnvoll, die Betriebe entlang der Lieferkette und seine Kund*innen mit ins Boot zu holen – dabei Scope‑3‑Hotspots adressieren, Branchenallianzen nutzen, um als verlässlicher Partner gelistet zu bleiben.

5. Außerdem können Unternehmen ihre finanzielle Steuerung ausbauen und mit Banken proaktiv ins Gespräch treten.

Österreichische Unternehmen verfügen über starke industrielle Kompetenz, im Regelfall solide Bankenbeziehungen und eine traditionell hohe Qualität beim Compliance und Controlling. Diese Stärken lassen sich in der ESG‑Transformation ausspielen: mit Daten und Fakten sowie transparenter Kommunikation derselben statt Marketingbotschaften. Banken und Investor*innen honorieren Evidenz, nicht Ankündigungen. Wenn Unternehmen darüber hinaus die Finanzierung durch Banken mit Förder- und EU-Instrumenten verzahnen, haben sie noch einen weiteren Hebel, um sich finanziell gut aufzustellen – aber das ist eine weitere Geschichte, die es wert ist, gesondert erzählt zu werden.

Thomas Gaber

Gestaltung: LIGA

 

Portraitfoto von Thomas Gaber: ein Mann in seinen Dreißigern mit hellblauen Augen und dunkelbraunem Haar, im Sakko mit weißem Hemd und blaugemustereter Krawatte.
Foto: KPMG Austria

ZUR PERSON

Thomas Gaber leitet bei KPMG Österreich den Bereich Sustainable Finance. Er hat sich auf Kreditrisikomanagement, die Bilanzierung von Finanzinstrumenten nach IFRS 9 / Expected Credit Losses sowie Modell‑Validierung und Model Risk Management spezialisiert. Mit seinem Team analysiert er die Auswirkungen von ESG‑Risiken und entwickelt neben klassischen Beratungsleistungen auch technologiebasierte Lösungen auf Basis von Machine‑Learning‑Methoden (u.a. Python, R, SAS).

Quellen:

KPMG, „Banking for a Better Future

EBA (European Banking Authority), Leitlinien zum Management der ESG-Risiken

EBA et al, Fit‑for‑55 Klima Szenario Analyse

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