"Ohne positive Wirkung gibt es kein Geschäft"
Stimmen die Behörden zu, könnte mit der Alia Bank die erste österreichische Impact-Bank an den Start gehen. Im Interview mit Alexandra Rotter erläutert Gründer und CEO Johannes Ortner das Geschäftsmodell: je größer der ökologische und soziale Impact, desto günstiger der Kredit.
BUSINESSART: Sie waren klassischer Banker, zuletzt als CEO der Raiffeisen Landesbank Tirol. Was hat Sie bewegt, das sichere Terrain zu verlassen und das Risiko, eine Impact-Bank zu gründen, einzugehen?
Johannes Ortner: Bis zur Finanzkrise 2009 hatte ich das Gefühl, ein guter Banker zu sein. Mir waren langfristige Geschäftsbeziehungen statt schnelle Ertragsoptimierungen für die Bank immer wichtig. Plötzlich sagten Leute unverblümt: Ihr Banker habt unsere Zukunft ruiniert. Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe.
ZUR PERSON
Johannes Ortner war bis 2016 Vorstandsmitglied bei der Raiffeisen Landesbank Vorarlberg und bis 2020 Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen-Landesbank Tirol. Zuvor hatte der Jurist und Betriebswirt bei Banken in London, München und Frankfurt gearbeitet. 2021 gründete er das Beratungsunternehmen J.O. Advisory sowie die ALIA AG, deren CEO und Miteigentümer er ist.Welche Antwort auf die Frage haben sie gefunden?
Ich habe mich damals unter anderem intensiv mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einem der ersten großen Sozialreformer, auseinandergesetzt. Ihm gelang es, während der Industriellen Revolution mit der Genossenschaftsidee für soziale Gerechtigkeit und Ausgleich zu sorgen. Mir wurde klar, dass dort die Wurzeln dessen liegen, was wir – auch als Bank – tun sollten.
Welche Konsequenzen haben Sie aus diesen Gedanken gezogen?
Ich habe noch als Vorstand der Raiffeisen Landesbank Vorarlberg eine Stabsstelle eingerichtet, wo wir viele genossenschaftliche Projekte in Gang gebracht haben, darunter ein Bürgerbeteiligungsgasthaus im Bregenzer Wald. Ich wollte allerdings noch größere Veränderungen erreichen, die mit der Raiffeisen-Banken-Realität nicht zusammenpassten. Also habe ich mein Mandat nicht verlängert, sondern ein Beratungsunternehmen gegründet, das nach wie vor meine Haupteinnahmequelle ist. Und seit vier Jahren bin ich mit einem fantastischen Team dabei, die Gründung der ersten österreichischen Impact-Bank vorzubereiten – dafür brennt meine Seele.
„Alia“ bedeutet „anders“ oder „etwas anderes“, und die ALIA-Bank wirbt mit dem Slogan „Geben wir Geld eine neue Richtung“. In welche Richtung läuft Geld derzeit?
Geld ist vielfach ein reines Veranlagungsprodukt im Sinne von Renditemaximierung. Aber immer mehr Kunden fragen: Tue ich mit meinem Geld, das bei der Bank liegt oder in einem Investmentfonds steckt, etwas Gutes oder richte ich Schaden an? Diese Frage können derzeit nur wenige Bankvorstände ruhigen Gewissens beantworten. Doch sie wird mehr in den Fokus rücken. Ich erwarte eine kleine Revolution im Finanzsektor: Die Rendite wird wichtig bleiben, aber daneben wird es die Komponente der Wirkung geben.
Was machen Sie als Impact-Bank anders als klassische Banken?
Impact-Banken richten ihr gesamtes Geschäftsmodell auf die positive Wirkung für Umwelt und Gesellschaft aus. Wir schließen Branchen wie Öl, Atomkraft, Glücksspiel, Pornografie oder Tabak konsequent aus. Das Geld, das wir als Kredite an Unternehmen vergeben, kommt aus sauberen Quellen und bleibt in einem sauberen Geldkreislauf. Wir arbeiten bei ALIA nur mit Unternehmen zusammen, die in Projekte mit positiver Wirkung investieren. Ohne positive Wirkung gibt es kein Geschäft. So radikal macht das keine andere Bank. Wir bewerten Projekte nicht nur nach ihrer Bonität und dem Risiko wie jede andere Bank auch, sondern auch nach dem Impact.
Wie verhindern Sie, dass Unternehmen Ihre Bank für Greenwashing benutzen?
Wir haben uns bei ALIA vorgenommen, ein komplettes Bankgeschäftsmodell zu kreieren, das sich zu 100 Prozent in den Dienst der positiven Wirkung stellt. Selbst wenn ein Unternehmen aus einer der Branchen, die wir ausschließen, bereit wäre, in uns zu investieren, ist das nicht möglich, denn wir wollen keine Waschmaschine sein, um sich in irgendeiner Form grün zu waschen. Wir messen die Wirkung und können darüber jederzeit Rechenschaft ablegen.
Wie funktioniert die Impactmessung?
Wir haben mit der Universität Innsbruck und der WU Wien ein System etabliert, mit dem wir Impact in einen echten Preis umrechnen können. Grundlage ist die Willingness-to-Pay-Methode1, die misst, in welchem Ausmaß Investoren bereit sind, für positive ökologische oder soziale Wirkung auf Rendite zu verzichten. Positive Wirkung auf Umwelt und Gesellschaft wirkt sich damit auch positiv auf den Kreditpreis aus. Die Idee dahinter: Tue Gutes und bekomme einen Vorteil dafür.
Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?
Ein reales Beispiel, das wir im Konzessionsantrag für die Finanzmarktaufsicht (FMA) beschreiben, war ein Finanzierungsangebot an die Stadtwerke einer österreichischen Großstadt für das Erschließungsprojekt einer Trinkwasserversorgung. Der Eingriff in die Natur mit einem Stollen in einem sensiblen Gebiet war ein Negativ-Impact. Aber es gab viele positive Wirkungen wie sauberes Trinkwasser für viele Menschen, der Transport in die Haushalte ohne zusätzliche Energiezufuhr und neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir hätten das Projekt finanziert und den Kreditpreis um 18 Basispunkte bonifiziert. Maximal bonifizieren wir um 30 Basispunkte.2
Wie unterscheidet sich die ALIA-Bank von anderen Impactbanken wie die in Deutschland gegründete GLS-Bank oder Triodos aus den Niederlanden?
GLS und Triodos sind Retail-Banken, die viel Geschäft mit Privatkunden machen. Wir sind eine reine Investitionsbank und sprechen nur Gewerbetreibende, Unternehmen und die öffentliche Hand als Kunden an. Wir haben nur zwei Produkte: Wir nehmen Festgelder von institutionellen und Firmenkunden herein und geben dieses Geld als Investitionskredite an Unternehmen wieder heraus. Wir wollen das Bankgeschäft einfach und verständlich und damit transparent und vertrauenswürdig gestalten.
Sie haben kürzlich den Konzessionsantrag eingereicht, den die Finanzmarktaufsicht (FMA) jetzt prüfen wird. Der letzte Versuch der Gründung einer nachhaltigen Bank in Österreich – der Bank für Gemeinwohl – ist 2018 an der Freigabe der FMA gescheitert. Kann Ihnen das auch passieren?
Unternehmerisches Scheitern kann immer passieren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die FMA unseren Business Case für unrealistisch hält oder wir das nötige Startkapital von 50 Millionen Euro nicht zusammenbekommen. Aber das glauben wir nicht. Wir konnten schon 20 Investoren gewinnen, die uns Absichtserklärungen über mehr als 30 Millionen Euro unterschrieben haben. Wir haben ein sehr solides Modell und ein extrem professionelles Projektteam mit viel Erfahrung im Bankgeschäft. Unser Berater und Aufsichtsratsvorsitzender Charly Kleissner bringt wahnsinnig viel an Impact-Inspiration ein. Aber ich bin auch bereit zu scheitern. Dann kann ich zumindest meinen Kindern und Enkelkindern einmal sagen: Ich habe versucht, das Finanzsystem in ein besseres zu verändern.
Das Interview führte Alexandra Rotter
INFOBOX
Mit der Willingness-to-Pay-Methode wird gemessen, wie viel Menschen für bestimmte Wirkungen bezahlen würden – etwa für Umwelt- oder Sozialnutzen. Dazu werden Teilnehmer*innen in Experimenten vor die Wahl zwischen ähnlichen Produkten oder Projekten gestellt, die sich in einzelnen Merkmalen unterscheiden. Aus den Entscheidungen lässt sich ableiten, welchen Geldwert sie diesen Unterschieden beimessen. Im vorliegenden Fall werden so die Wirkungen von Investitionsprojekten – etwa auf Umwelt oder Gesellschaft – in einen Preis übersetzt.
Wie Banken Kreditzinsen berechnen: Banken rechnen üblicherweise mit Kreditmargen, die zum Einstandssatz dazugerechnet werden, also zu jenem Preis, für den sich die Banken Geld ausleihen können. Das ist in der Regel der Drei-Monats-Euribor, der aktuell rund zwei Prozent beträgt. Bei guter Bonität könnte die Marge etwa 1,5 Prozent hoch sein. Ziehen wir 18 Basispunkte davon ab, zahlen Kund*innen nur noch 3,32 Prozent Kreditzinsen statt 3,5 (zwei Prozent plus 1,32 Prozent).