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Gut essen & Nachhaltigkeit:
das gehört in Österreich zusammen

Wieso Österreich Bioweltmeister wurde und wie sich zunehmend mehr KonsumentInnen selbst in der Landwirtschaft einbringen. Roswitha M. Reisinger

Schafkäse mit Speck ummantelt auf Ruccola-Salat. Foto: fotolia_andreasf_29210733_m
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„Gut essen“ gehört für 74 % der ÖsterreicherInnen zu einem richtigen Lebensstil. Gesunde Ernährung zählt für 68 % ebenso dazu, wie Genuss „ich esse, was mir schmeckt und worauf ich gerade Lust habe“ (66 %), ich „esse weniger Fleisch als früher, achte dafür auf mehr Qualität“ (49 %) oder „am liebsten Bio“ (39 %). Kaufentscheidend sind weiters die Frische von Lebensmitteln, Gentechnikfreiheit und österreichische Herkunft. Das zeigt nicht nur die aktuelle RollAMA Studie der Agarmarkt Austria Marketing vom April 2017, diese Trends bestätigen Jahr für Jahr in Österreich – und sie nehmen zu.

Österreich ist auch Bioweltmeister: Jeder fünfte Betrieb und jeder fünfte Hektar Landwirtschaft werden in Österreich biologisch bewirtschaftet. Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln steigt kontinuierlich und liegt derzeit bei rund 7 %, Tendenz steigend. 60 % der KonsumentInnen halten einen Mehrpreis für gerechtfertigt.

Die starke Aufladung von „gut essen“ mit „nachhaltig“ wurde in Österreich durch vielfältige Aktivitäten unzähliger Akteure kontinuierlich genährt:

  • Der EU-Beitritt Österreichs 1995 zwang die vielfach kleinstrukturierte, und nicht in Gunstlagen produzierende Landwirtschaft auf Qualität zu setzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Bio- und AMA Gütesiegel waren die Folge, öffentliche Förderungen unterstützten die Umstrukturierung.
  • Die KonsumentInnen waren sensibilisiert durch unzählige Lebensmittelskandale (z.B.Glykol, BSE etc.) und die Verseuchung des Trinkwassers durch z.B. Nitrat oder Atrazin – verursacht durch die Landwirtschaft.
  • NPOs wie Global 2000, „die umweltberatung“, „Natur im Garten“, Marken wie „fair trade“ oder die Initiative „Genussregionen“ leisteten massive Aufklärungsarbeit.
  • Die drei Lebensmitteleinzelhandelsketten führten bereits ab Mitte der 90er Jahre Bio-Eigenmarken ein („Ja! Natürlich“, „Natur pur“, etwas später“ Natur aktiv“ und „Zurück zum Ursprung“). Bioprodukte wurden so breitflächig verfügbar und preislich attraktiv. Der hohe Werbedruck unterstützt bis heute die flächendeckende Bewusstseinsbildung.
  • Nachhaltigkeits-Pioniere wie Johannes Gutmann, Sonnentor (Bio-Kräuter) oder Josef Zotter, Zotter Schokolade wandelten das Image von Bio von „Verzicht“ auf „Genuss“ durch ihre Fähigkeit gute Geschichten zu erzählen und ansprechendem Design.
     
Zwei Karotten, die ineinander verschlungen, gewachsen sind. Foto: 183772_original_r_k_by_markus stach_pixelio.de.jpg
Foto: 183772_original_r_k_by_markus stach_pixelio.de 183772_original_r_k_by_markus stach_pixelio.de

Arbeitsplätze mit Verantwortung schaffen

Sinnvolle Arbeitsplätze schaffen – für sich und andere – das war und ist die treibende Vision von Johannes Gutmann, Gründer von Sonnentor. Als er 1988 gekündigt wurde, beschloss er, sich mit seiner Idee der Biokräuter selbstständig zu machen. Gutmann: „In einem Tag habe ich meinen sogenannten „Businessplan“ zusammengeschrieben. Der hat auf einen Zettel Platz gehabt.“ Einem Bauernhof die gesamte Ernte abzukaufen war finanziell genauso unmöglich wie MitarbeiterInnen anzustellen. Aus der Not machte Gutmann eine Tugend: Die Bio-Tees wurden und werden auf den Bauernhöfen produziert, getrocknet und händisch verpackt. Letzteres vor allem von den alten Bäuerinnen, die plötzlich eine wichtige Aufgabe bekamen und wieder zum wirtschaftlichen Erfolg des Bauernhofes beitragen konnten. Gutmann kümmerte sich um das Verpackungsmaterial, die Qualitätssicherung und verkaufte zu Beginn persönlich auf Märkten: „Die Leute am Bauernmarkt wollen nichts anderes hören als authentische und einfache Geschichten. Der zweite Faktor war natürlich die Produktqualität. Ich habe genau gewusst, dass das, was wir verkaufen einzigartig ist. Diese ganz einfachen Kräutertees, die gut schmecken, schonend getrocknet sind und aus biologischem Anbau stammen.“

Sonnentor KräuterhandelsGmbH: 300 Bauern, die in Österreich, Tschechien, Rumänien, Albanien, Nicaragua, Tansania, China, Neuseeland, Spanien und im Kosovo produzieren, 450 MitarbeiterInnen.

www.sonnentor.com.

iss mich!

Tobias Judmaier liebt gutes Essen und hat eine Vision: Lebensmittel sollen verkocht werden, und nicht weggeworfen. Als waste cooker der ersten Stunde entwickelte er 2012 die Kochshow wastecooking, die zeigte, was mit Lebensmittelresten so alles möglich ist. Bei Dreharbeiten zur Show im Marchfeld, war er 2013 mit den ungeheuren Mengen an übriggebliebenem Gemüse konfrontiert, das industriell nicht verarbeitet werden kann und einfach am Feld verrottete. Judmaiers Lösung: er gründete „iss mich!“, ein Bio-Lieferservice. Das Gemüse holt er direkt vom Feld. Da es händisch verarbeitet werden muss kooperiert er mit dem Mutter-Kind-Heim der Caritas Wien. Frauen, die erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben, schälen, schnipseln und kochen und erarbeiten sich so ein eigenes (Teilzeit-)Einkommen. Ausgeliefert wird das Essen per FahrradbotIn, vor allem in Unternehmen.

iss mich! Catering E.U., Tobias Judmaier, Eigentümer und Geschäftsführer, 9 MitarbeiterInnen.

www.issmich.at

junger Mann beim Kohl ernten. Foto: pixdeluxe_istock-485487556
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Kooperationen mit NGOs und Branchenlösungen im Lebensmitteleinzelhandel

Obwohl die drei Handelsketten in einem intensiven Wettbewerb stehen, der sich immer wieder auch in Mediengefechten zeigt, gelingt es ihnen bei großen Herausforderungen Branchenlösungen zu finden und umzusetzen: Seit April 2017 kaufen die Handelsketten nur mehr Bio-Eier von Betrieben in denen die Hähne nicht nach dem Schlüpfen getötet werden, seit August 2017 wird das gesamte heimische Geflügel mit gentechnikfreiem Futter aufgezogen.

Möglich wird dies durch hochkompetente CSR-/Nachhaltigkeits-Teams in den jeweiligen Unternehmen, die Unternehmensbereiche systematisch analysieren und Nachhaltigkeit strategisch stimmig implementieren können.

Innovation in der Lieferkette: lokal & regional ist Trumpf

Spar will so lokal und regional wie möglich agieren. Dazu sucht es nach kleinen Erzeugerbetrieben, versucht alte Sorten wiederzubeleben, fördert innovative landwirtschaftliche Projekte wie z.B. den Humusaufbau oder holt bewusst Produktionen zurück nach Österreich. Möglich macht das der dezentrale Einkauf in den Spar-Zweigniederlassungen. Knapp 40.000 Produkte in den Regalen stammen von rund 2.500 lokalen und regionalen Produzenten.

Innovation gesellschaftliches Engagement: "Aufrunden, bitte."

Seit September 2013 können Rewe-KundInnen ganz einfach an der Kassa, mit den Worten „aufrunden, bitte“, Projekte der Caritas und damit österreichweit Menschen in Not unterstützen. Der zu zahlende Betrag wird auf einen 10 Cent-Betrag aufgerundet. In knapp drei Jahren betrug die Spendensumme 542.936,60 Euro. Die Spenden der KundInnen werden eins zu eins an Sozialorganisationen  weitergegeben.

Der direkte Kontakt zwischen KonsumentInnen und BäuerInnen

Jeder Trend induziert einen Gegentrend. Besonders stark zeigt sich dies bei der Globalisierung: Tracht, Brauchtum und regionale Lebensmittel erleben Höhenflüge. KonsumentInnen hinterfragen immer häufiger wie, was, und unter welchen Bedingungen produziert wird.

Aus dieser Bedürfnislage haben sich eine Reihe neuer Formen der Zusammenarbeit zwischen KonsumentInnen und BäuerInnen/Bauern entwickelt. Allen gemeinsam ist der sorgsame Umgang mit Ressourcen (Boden, Wasser, Energie), der Wunsch nach frischen, regionalen Lebensmitteln, Transparenz, Vermeidung von Lebensmittelabfällen, Einsparen von Verpackungsmaterial, kurze Transportwege, die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten und damit der Regionalentwicklung, Fairness, gegenseitige Wertschätzung und die Möglichkeit miteinander in Kontakt zu kommen.

FoodCoops (Food cooperative / Lebensmittel-Einkaufs-Gemeinschaft)

Eine Foodcoop ist ein Zusammenschluss von Menschen/privaten Haushalten, die gemeinsam und selbstorganisiert Lebensmittel direkt von regionalen Bauernhöfen beziehen. In Österreich gibt es 22 FoodCoops.

Community Supported Agriculture (CSA, Solidarische Landwirtschaft)

Eine CSA ist eine längerfristige Partnerschaft zwischen einer Gruppe von KonsumentInnen und einer oder mehreren ErzeugernInnen, bei der Risiken, Verantwortung sowie die Früchte des Landwirtschaftens geteilt werden. Derzeit sind in Österreich 16 CSA-Initiativen aktiv.

Genussrechte

KonsumentInnen gewähren einem/r LandwirtIn ein Darlehen für ein bestimmtes Projekt und erhalten im Gegenzug ein Genussrecht. Tilgungsplan und Zinsen werden vorab vereinbart.

Zukunftsmusik: Regionalwert AG

Immer mehr Betriebe finden keine/n NachfolgerIn. Hier setzt das Konzept der Regionalwert AG an. Statt der Bauernfamilie übernimmt eine Bürgergesellschaft, die als Aktiengesellschaft organisiert ist, die Aufgaben des landwirtschaftlichen Betriebs.

Gemeinschaftsgärten & Urban Gardening

Auch Städter haben den Wunsch, selbst Tomaten zu ziehen oder Schnittlauch zu ernten. Immer mehr Städte stellen daher Flächen zur Verfügung, auf denen Menschen selbst gärtnern können.

Landwirtschaft in der Stadt

Manuel Bornbaum und Florian Hofer produzieren unter ihrem Label „Hut & Stiel“ Austernpilze in einem Hinterhof mitten in Wien. Die Pilze wachsen auf dem Kaffeesud von Wiener Kaffeehäusern und werden in die Top-Gastronomie, zu Greißlern und auf Märkten verkauft. www.hutundstiel.at.

Green Care

Ob ein Spaziergang durch Wald und blühende Wiesen, das Streicheln oder Füttern von Tieren – all diese Aktivitäten wirken sich positiv auf Gesundheit, Stimmung und den sozialen Zusammenhalt von Menschen aus. Ganz besonders gilt das für Menschen mit Problemen: Behinderte Kinder und Jugendliche, Erwachsene mit Schwierigkeiten in der Arbeit oder ältere Menschen, die ambulante oder stationäre Betreuung benötigen. Bäuerliche Familienbetriebe werden zum Arbeits-, Bildungs-, Gesundheits- und Lebensort. Green Care Österreich, 22 zertifizierte Green Care Betriebe. www.greencare-oe.at

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