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IPBES-4: Eindrücke vom 4. Plenumstreffen des Weltbiodiversitätsrates

Alice Vadrot, Visiting Research Fellow an der University of Cambridge aus Kuala Lumpur, Malaysia.

Alice Vadrot
Alice Vadrot. Foto: Centre for Science and Policy, University of Cambridge alice_vadrot_klein

Das erste thematische Assessment

In Malaysia wurden unter anderem zwei „Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger“ von 124 Staaten, den Mitgliedern der Plattform, verabschiedet. Die zweijährige Arbeit zahlreicher Expertinnen und Experten wurde in einem langwierigen Prozess in einen 21 bzw. 24 Seiten langen verständlichen Text gegossen und die Letztfassungen ausverhandelt.  Konkret bedeutet dies, dass Regierungsvertreter in direktem Austausch mit den Autorinnen und Autoren des Berichts Satz für Satz eines etwa 30 seitigen Dokumentes durchgehen und auf Basis des Konsensprinzips über den Verbleib einzelner Worte, Formulierungen und Ergänzungen ringen.

Das erste methodische Assessment zu Szenarien und Modellierung von Biodiversität und Ökosystemleistungen und das erste thematische Assessment mit dem Titel „Bestäuber, Bestäubung und die Nahrungsmittelproduktion“ sind die ersten großen Produkte der vor drei Jahren etablierten Plattform.

Mehr als 600 Personen, unter Ihnen auch zahlreiche Beobachter von NGOs und Repräsentanten wissenschaftlicher Vereinigungen, nahmen an dem 4. Plenumstreffen teil, das ausschlaggebend für die Zukunft von IPBES sein sollte. Hätte sich keine Einigung gefunden, wäre die Relevanz und Funktionalität der Plattform und somit dessen Zukunft in Frage gestanden. Nicht umsonst hat sich IPBES entschieden, sein erstes thematisches Assessment mit einem Thema zu verknüpfen, das medial und öffentlichkeitswirksam platziert werden kann und somit zur Aufwertung der Arbeit von Ökologen, Taxonomen, Biologen und anderen Natur- und zunehmend auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern beiträgt.

Im Rahmen des Treffens wurden die Ergebnisse der ersten weltweiten Bestandsaufnahme über den Zustand von Bestäubern wie Bienen, Schmetterlinge oder Motten veröffentlicht. Der Bericht zeigt die Folgen des Artensterbens auf und ermittelt die Konsequenzen für die Landwirtschaft und die globale Nahrungsmittelsicherheit. 16% der Wirbeltier-Bestäuber sind derzeit weltweit vom Aussterben bedroht. In einigen Regionen sind sogar 40% der Bienen und Schmetterlingsarten gefährdet. Die Zahl der wilden Bestäuberpopulationen sinkt insbesondere in Nordwesteuropa, wo die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung im 19 Jahrhundert ihren Ausgang hat. Der Gebrauch von Pestiziden wird hierbei ebenso für den  Artenrückgang verantwortlich gemacht, wie die weltweite Zunahme an Agrarflächen, Umweltverschmutzung, invasive gebietsfremde Arten, die Ausbreitung von Krankheitserregern und der Klimawandel. 

Dass hierbei Ernten in Milliardenhöhe betroffen sind und der ökonomische Wert von Nahrungsmittel, deren Erzeugung durch die Tätigkeit bestäubender Tiere gewährleistet wird, im Jahr zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar ausmacht, galt vielen als Durchbruchsargument für die politische Relevanz des Berichts und dessen Empfehlungen. Mehr biologische Landwirtschaft weniger Pestizide, eine Anerkennung der menschengemachten Bedrohung durch eine nicht-nachhaltige Entwicklung.

IPBES und die internationale Biodiversitätspolitik

Warum es politischer Verhandlungen bedarf um wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlichkeitswirksam im internationalen politischen und wissenschaftlichen Diskurs sichtbar zu machen, hängt mit der Geschichte von IPBES und der Funktionsweise seiner Arbeit zusammen.

Die Forderung nach einer Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik ist seit der Unterzeichnung der UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) im Jahr 1992 Teil der Agenda zahlreicher Wissenschaftsvereinigungen. Die CBD wurde als internationales Rahmenwerk zum global Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Artenvielfalt etabliert und sollte zudem den Zugang und den gerechter Ausgleich von Vorteilen, welche aus der Nutzung genetischer Ressourcen entstehen regeln. Die Probleme in der Umsetzung der Ziele des Umweltabkommens wurden oft mit dem Fehlen an Wissen und Evidenz über den tatsächlichen Zustand der weltweiten Biodiversität begründet. Moniert wurde auch das Fehlen eines gemeinsamen Verständnisses dessen, was Biodiversität ist und wie diese schützen sei. Insbesondere zwischen so genannten industrialisierten und sich entwickelnden Staaten klafften nicht nur Interessenskonflikte sondern auch enormen Wissenslücken insbesondere, was den Zugang zu wissenschaftlichem und technischen Know-How angeht, das in seiner Form als Industriewissen etwa in der Saatgutherstellung letztlich sowohl Teil des Problems sein kann als auch Lösungswege zur nachhaltigen Nutzung von Biodiversität ebnet (Brand und Vadrot 2013).

Die Etablierung eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums, in welchem existierendes Wissen zusammenzutragen, Wissenslücken gefüllt, politikrelevante Empfehlungen erarbeitet, Know-How ausgetauscht und Kapazitätsaufbau betrieben wird, schien vielen als Ausgang aus der selbstverschuldeten Starre, in der die CBD in den letzten Jahren zu verharren schien. Was IPBES sein sollte und wie es funktionieren könnte war zunächst unklar. (Vadrot 2013).

IPBES ist ein zwischenstaatliches Gremium

IPBES ist ein zwischenstaatliches Gremium, das wissenschaftliche Erkenntnisse in politische relevante und nachvollziehbare Berichte übersetzt. Hierbei sollen politischen Entscheidungsträger objektive und zuverlässige Informationen über den Zustand und die Entwicklung der biologischen Vielfalt erhalten. Im Januar 2013 fand das als historisches Ereignis bezeichnete, erste Plenumstreffen von IPBES in Bonn statt, dem permanenten Sitz des so genannten „Weltbiodiversitätsrates“, wie die Plattform in Anlehnung an den „Weltklimarat“, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gerne bezeichnet wird.

Die Analogie zum IPCC ist weder zufällig noch unscheinbar. Sie wurde seit Beginn der Verhandlungen um eine Verstärkung der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik für Biodiversität als Argument für die Notwendigkeit eines globalen Wissenschaftsrates für Biodiversität eingebracht. Vor dem Hintergrund der alarmierenden Ergebnisse des Millennium Ecosystem Assessments über den kontinuierlichen Artenrückgang und die Problematik fehlenden Wissens und mangelnder Datengrundlagen zu Biodiversität, haben zahlreiche Wissenschaftsvereinigungen darauf hingewiesen, dass die aktuelle Biodiversitätsforschung nach Einheit und Integration und streben soll und ein Mechanismus analog zum IPCC zur Zusammenführung der Expertise der wissenschaftlichen Gemeinschaft notwendig sei. Nur so könne der Biodiversitätsverlust eine ähnliche Bedeutung in der öffentlichen Aufmerksam erlangen, wie der Klimawandel (Vadrot 2013).

Politikrelevantes Wissen und Werte

Dass der Prozess der Etablierung von IPBES langwierig und konfliktreich war und der Ausgang des Verhandlungsprozesses von 2008-2012 lange ungewiss war beschreibt Alice Vadrot in ihrem 2014 erschienen Buch „The Politics of Knowledge and Global Biodiversity“, in welchem sie zeigt, dass sich durch die Institutionalisierung von IPBES sowohl in der internationalen Biodiversitätspolitik als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Artensterben das Paradigma der wertförmigen Inwertsetzung der Natur verfestigt zugunsten „einer Logik der Werte, des Eigentums, der Rationalisierung und Effizienz“. Die Dominanz naturwissenschaftlicher Expertinnen und Experten verschärft die Selektivität der Berichte, die zwar in Anlehnung an den konzeptuellen Rahmen von IPBES Interdisziplinarität widerspiegeln sollen, diesem Prinzip jedoch nur sehr partiell nachkommen.

Dies zeigt nicht nur ein Blick auf die disziplinäre Verteilung der Mitglieder des multidisziplinären Expertengremiums (MEP) und die Zusammensetzung der Autorenteams in einzelnen regionalen Assessments. Hiervon zeugt auch eine Debatte in Nature, die sich im Anschluss an eine Diskussion im Rahmen eines Workshops der deutschen IPBES-Koordinierungsstelle Empfehlungen für die stärkere Einbindung von Sozial- und Geisteswissenschaften beschäftigt (Vadrot et al. 2016, Reuter et al. 2016).

Unsichere Zukunft?

Dass es beim 4. Plenumstreffen von IPBES nicht nur um die Verabschiedung der „Zusammenfassungen durch politische Entscheidungsträger“ ging, sondern auch um die Zukunft der Plattform, zeigte das Ringen um finanzielle Zuwendungen durch die Mitglieder der Plattform, also die anwesenden 124 Staaten. Aus budgetären Gründen blieb es neben der Großzahlung Deutschlands und einigen anderen vornehmlich europäischen Staaten bei Lippenbekenntnissen, die der Plattform zwar die Weiterarbeit ermöglichen, jedoch ambitionierte Teile des Arbeitstaktes auf Eis setzen.

Die angestrebte Verabschiedung eines Arbeitsauftrages zur Erarbeitung eines Assessments zu invasiven Arten und eines zur Nachhaltigen Nutzung von Biodiversität blieben aus und die Euphorie über das genehmigte Globale Assessments von einer Kürzung des Budgets getrübt.

Obwohl dies nicht nur für viele Expertinnen und Experten, sondern auch für viele nationale Delegierte, denen aufgrund unsicherer staatlicher Budgets die Hände gebunden waren, eine schmerzliche Erfahrung nach einem harten einwöchigen Verhandlungsmarathon war, überwog die Freude über das Gelingen eines Prozesses, der Wissenschaft und Politik auf Augenhöhe an einen Tisch setzt mit dem Ziel, dem Biodiversitätsverlust entgegenzutreten.

Kontakt Alice Vadrot

www.researchgate.net/profile/Alice_Vadrot

www.csap.cam.ac.uk/network/alice-vadrot/

Literaturhinweise

Vadrot 2013
Vadrot 2014
Brand und Vadrot 2013
Reuter et al. 2016

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