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Mein Einstieg in die Welt grenzüberschreitender Kooperation

So oder zumindest sehr ähnlich hat sie sich tatsächlich zugetragen. Jene Begegnung, die mein Berufsleben für fast 30 Jahre prägen sollte.

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Foto: Marija Kanižaj Marija Kanižaj

November 1989: Jan übersetzt. So gut es halt geht. Er spricht mit einem eigenartigen Wortschatz, alt, oder wie ein Kind? Zehn Menschen sitzen im kleinen Wohnzimmer, durcheinander redend und gestikulierend. Jan übersetzt. So gut es halt geht.

Drei Wochen davor steht er vor dem Haus meines Vaters. Er klopft. Mein Vater öffnet die Tür. „Ja bitte?“ „Hallo, ich bin’s. Dein Bruder, Jan.“ Die Kinnlade meines Vaters sehe ich in der Vorstellung vor mir, als wäre ich dabei gewesen. Keine Ahnung hatten wir zuvor von unserem Familienzweig hinter dem Eisernen Vorhang. Nun steht Jan da. Der Halbbruder meines Vaters. Der Sohn der großen Liebe meines Großvaters. Schamvoll versteckt in der Familiengeschichte. Schamvoll versteckt in der Geschichte eines Vielvölkerstaats, in dem die Völker untereinander sich nicht mischen sollten oder wollten.

Drei Wochen später bin ich also das erste Mal drüben, hinter dem gefallenen Eisernen Vorhang. Wir sitzen in Jans Wohnung. Die Wohnung ist klein für vier Personen, ein Plattenbau, so wie du’s dir vielleicht gerade vorstellst. Hellhörig, undichte Fenster, etwas eng, aber auch schlicht, geordnet und gemütlich. Nie vergessen werde ich den Blick in die kleine Garage. Jan hat ein Schlichtmeisterwerk vollbracht. Jeder Kubikzentimeter ist genutzt. Ein Schienensystem lässt alles zugänglich werden. Alles, was um den alten Lada an Schätzen verstaut ist.

Gut geschlichtet sind wir auch am Wohnzimmertisch. Jan, seine Frau Alena, zwei erwachsene Kinder mit Partnern, mein Vater mit seiner Frau, mein Bruder und ich. Die Stimmung ist ausgelassen und uninformativ. Wir mühen uns in Seitengesprächen ohne gemeinsame Sprachkenntnisse. Mein Vater zeigt vorbildlich mit Händen und Füßen, dass Sprachkenntnisse ohnehin überschätzt werden. Jan erzählt. Langsam. Am liebsten mit Hilfe des Fotoalbums. Und Jan übersetzt für die anderen. So gut es geht. 

Atempause. Lubos und Veronika bitten mich in die Küche. Veronika spricht gutes Englisch, mit ihr ist das Gespräch erleichternd leicht. Die beiden haben ein Geschenk für mich. Selbstgemachten Wein. Aber nicht wirklich Wein. Also schon, aber aus anderen Früchten gemacht. Ich lausche der Beschreibung. Wird wohl Ribiselwein sein. Wie sagt man „Ribisel“ auf Englisch? Egal. Ich versuche, die Pflanze zu beschreiben. Wie sehen die Blätter nochmal aus? Hilflosigkeit macht sich breit im Versuch, einander zu verstehen. 

Schließlich ist’s genug der Raterei. Veronika unterbricht das Gespräch am Wohnzimmertisch. Jan ist jetzt als Übersetzer gefragt: „Ako sa to povie RÍBEZLE po nemecky?“

Vier Zehntelsekunden Stille braucht es, bis ich drei Minuten meinem Lachkrampf gönne. „Ako sa to povie RÍBEZLE po nemecky?“ ist die erste slowakische Frage, dich ich verstehe und selbst beantworten kann. 

„Wie sagt man RÍBIZLE auf Deutsch?“ In Ostösterreich nennt man sie schlicht bei ihrem slawischen Namen: Ribiseln.

Es sind die Details, die uns erinnern, wie sehr wir mit unseren Nachbarn verbunden sind.

Stefan Bauer-Wolf ist Organisationsentwickler, Mediator und Coach. 

Sein Schwerpunktthema ist inter- und intraorganisationale Kooperation, z.B. in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.

www.coaching-raum.at www.future.at www.oear.at

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