Regulatorisch fällt die EU auf den Stand von 2017 zurück
Ulrike Stöckle, ESG-Expertin und Mitglied der EFRAG-Arbeitsgruppen, bedauert die Rückschritte bei Berichtspflichten.
Die Entscheidung des Europäischen Parlaments zum Omnibus-Paket bedeutet einen tiefen Einschnitt – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Mit den neuen CSRD-Schwellenwerten (Corporate Sustainability Reporting Directive) für Unternehmen mit 1.750 Mitarbeitende oder 450 Millionen Euro Umsatz würden 92 Prozent der ursprünglich vorgesehenen Unternehmen aus der Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung herausfallen. Gleichzeitig sollen Klimatransitionspläne gestrichen und eine EU-weite Haftung in der Lieferkette durch die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) nicht weiterverfolgt werden.
Noch ist das nicht final entschieden. Die Trilog-Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission werden zeigen, ob diese massive Verwässerung Realität wird. Doch schon jetzt steht fest: Dieses Paket bedeutet einen massiven Rückschritt. Politisch wurde eine Grenze überschritten – die Brandmauer zu extrem rechten Kräften ist gefallen. Regulatorisch fallen wir auf den Stand der Berichtspflicht CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz von 2017 zurück (CSR-RUG).
Schaden im Wert von hundert Millionen Euro
Der Schaden ist gravierend: Hunderte EFRAG-Expert:innen haben über Jahre hinweg Standards entwickelt, die Europa als globalen Benchmark für nachhaltige Unternehmensführung positionieren sollten. Hundert Millionen Euro Steuergelder flossen in die Entwicklung anspruchsvoller neuer Berichts- und Branchstendards, die nun de facto entwertet wurden.
Besonders problematisch ist der Rückschritt in Branchen, in denen Transparenz unabdingbar ist und österreichische Unternehmen bereits Best Practices vorleben:
- Industrie und Maschinenbau: Voestalpine, Andritz und Miba nutzen ESG-Kennzahlen, CO₂-Pfade und Lieferkettenanalysen.
- Lebensmittelindustrie: SPAR, Rewe Österreich und Berglandmilch integrieren Nachhaltigkeit entlang der Wertschöpfungskette.
- Bau- und Immobilienbranche: STRABAG, BIG setzen auf Life-Cycle-Assessments, energieeffiziente Sanierungen und ESG-Finanzierung.
- Energie & Infrastruktur: Verbund und Wien Energie veröffentlichen Klimapfade, Biodiversitätsprogramme und nachhaltige Investitionsstandards.
- Tourismus und Hospitality: Österreich Werbung, Falkensteiner und Austrian Hotels International arbeiten an CO₂-Bilanzen, nachhaltiger Beschaffung und Klimarisikomanagement.
Gerade in diesen Sektoren zeigt sich: Wer aus der Pflicht fällt, verliert nicht nur Transparenz, sondern auch strategische Wettbewerbsfähigkeit.
Die wahren Gewinner sind Unternehmen, die sich strategisch für die Zukunft aufstellen, datenbasiert und transparent berichten. Etwa mit dem neuen VSME*-Berichtsstandard für kleine und mittlere Unternehmen und die gesammelten Daten für die individuelle Nachhaltigkeitskommunikation nutzen. Sie sichern sich bessere Finanzierungskonditionen, stabilere Lieferketten, höhere Innovationskraft sowie das Vertrauen von Mitarbeitenden, Kund*innen und Partner*innen – und bleiben auf internationalem Niveau konkurrenzfähig.
Ulrike Stöckle, Geschäftsführerin der Agentur für nachhaltige Kommunikation, Deutschland und Kooperationspartnerin von Green Value Communications, Österreich, ist eine ESG-Expertin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Beratung zu Nachhaltigkeit sowie der Erstellung von ESG- und Nachhaltigkeitsberichten. Sie unterstützt Unternehmen unterschiedlicher Branchen bei der Umsetzung von ESG-Strategien, der Berichterstattung nach internationalen Standards und der Anpassung an regulatorische Anforderungen. Als aktives Mitglied der EFRAG-Arbeitsgruppen LSME und VSME sowie verschiedener Branchenstandards gestaltet sie die Weiterentwicklung der EU-Nachhaltigkeitsstandards aktiv mit und bringt regulatorische Expertise praxisnah in die Unternehmensberatung ein.
*VSME: Voluntary Sustainability Reporting Standard for non-listed SMEs