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Reinhard Friesenbichler, rfu

Reinhard Friesenbichler hat ein System entwickelt, mit dem die Wirkung von Investments auf Umwelt und Gesellschaft bewertet werden kann. Es bietet eine gute Entscheidungsgrundlage für Investoren.

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Foto: Iam Ehm

BUSINESSART: Du engagierst dich seit 1995 für Nachhaltiges Investment. Wie kam es dazu?

Reinhard Friesenbichler: Mit der Entscheidung für mein Diplomarbeitsthema „Ethikfonds“ an der Universität Graz, ein Thema das mich dann nicht mehr losgelassen hat.

Was war das größte Vorurteil zu Beginn?

Vor allem, dass Nachhaltigkeitskriterien einen Ertragsnachteil bedeuten würden.

Nach Ende deines Studiums hast du für einen Schweizer Asset Manager den ersten Ethikfonds im deutschsprachigen Raum mitentwickelt und hast dich selbstständig gemacht. Was war der nächste große Schritt?

Das war die Einführung der „Abfertigung neu“ 2002/2003. Nachdem dieses Vorsorgesystem auf die „grüne Wiese“ gebaut wurde, gab es die Möglichkeit, vom Start weg wesentliche Akteure für das damals noch neue Thema Nachhaltigkeit zu gewinnen.

2007 und in den folgenden Jahren hat die Finanz- und Wirtschaftskrise verdeutlicht, dass der Kapitalmarkt ohne Beachtung ethischer Prinzipien zum Entgleisen neigt.

Wo konntest du am meisten bewirken?

Ich konnte einen Beitrag zur Etablierung nachhaltiger Geldanlagen in Österreich leisten. Heute unterliegen rund 30 Milliarden Euro und damit ein wesentlicher Teil der in Österreich nachhaltig verwalteten Assets, den von uns entwickelten Methoden bzw. dem Research der rfu.

Du bist einer der Top-Experten auf diesem Gebiet in Österreich. War das von Anfang an dein Ziel?

Vom Inhalt und der Richtung her ja. Ich habe nie daran gezweifelt, dass das, was wir machen, Sinn hat. Zum Ausmaß hatte ich kein Ziel.

Wie hast du es geschafft, davon leben zu können?

In den Anfangsjahren lebte ich von den Honoraren aus der Schweiz und einem Kostenniveau, das noch eher studentisch war. In dieser Kombination hat das gut funktioniert.

Die Naivität eines Unter-30-Jährigen war sehr hilfreich. Und schließlich früh ergraute Haare – das schafft Vertrauen in der Finanzwelt. Aber Spaß beiseite: Das Erfolgsrezept war, meiner Story und meinem Heimatmarkt treu zu bleiben; meine eigene Kraft zu multiplizieren, indem ich mir sukzessive ein tolles und treues Team aufgebaut habe.

Wie geht es dir mit deinem Job heute?

90 Prozent meiner täglichen Arbeit mache ich gerne, und die restlichen 10 Prozent schafft man dann auch irgendwie. Diese Relation ist echter Luxus, und das ist mir bewusst und dafür bin ich dankbar.

Was sind deine nächsten Schritte?
Nachhaltiges Investment entwickelt sich laufend weiter, indem z.B. immer neue Anlagekategorien erschlossen werden. Begonnen hat es mit börsenotierten Unternehmen, später kam der Bedarf nach einem Nachhaltigkeits-Ratingmodell für Staaten dazu. Unser jüngstes Produkt ist ein Bewertungsverfahren für Rohstoffe und in Arbeit haben wir eine Methodik für so genannte Sub-Sovereigns – das sind Bundesländer und Kommunen.

Wie verbessert deine Arbeit die Welt?

Unmittelbar, indem immer mehr veranlagtes Kapital nicht nur dem Ertragsziel, sondern auch dem Ziel der Nachhaltigkeit unterworfen wird. Mittelbar, indem diese Nachfrage bei den Unternehmen und sonstigen Wertpapier-Emittenten eine ebensolche Ausrichtung induziert.

Wie sieht die Zukunft aus, wenn du erfolgreich bist?

Die Frage nach dem „Ob“ des nachhaltigen Investierens wird gänzlich abgelöst durch die Frage nach dem „Wie“.

Wie gelingt es, ein ausreichendes Momentum zu erzielen?

Das Momentum hat mir früher Sorgen bereitet, als der Marktanteil nachhaltiger Assets im niedrig einstelligen Prozentbereich lag. Mittlerweile ist dieses Investmentkonzept fest etabliert und die Gefahren bestehen nicht mehr im Absterben des Pflänzchens, sondern in seiner Domestizierung zu einer EU-genormten Hochleistungspflanze.

Wenn du einen Wunsch frei hättest – was würdest du dir wünschen?

In Fortschreibung von Literacy und Financial Literacy mehr Ethical Literacy in unserer Gesellschaft und Wirtschaft – also Kompetenz im Erkennen und Umgehen von bzw. mit ethischen Problemstellungen.

Welche Rolle spielen Werte für dein Handeln?

Sie werden immer wichtiger. Was als moralisches Gefühl beginnt, verdichtet sich im Idealfall irgendwann zu einer vernünftigen und belastbaren Wertehaltung.

Was sind die wichtigsten Werte für dich?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Kontinuität und Langfristigkeit. Mut im Paarlauf mit Vernunft. Sinnstiftung für uns selbst, unsere Kund*innen und darüber hinaus. Aber auch Mäßigkeit und Ausgewogenheit – ein sehr unmoderner Wert.

Was hat sich durch Corona verändert?

Die Erkenntnis, dass moderne Arbeitsformen besser sind als ihr vorurteilsbehafteter schlechter Ruf. Marktseitig hat die Corona-Krise dazu beigetragen, Bewusstsein für die Verletzlichkeit unserer komplexen Welt zu schaffen.

Welche Werte kann man in Unternehmen leben, welche nicht?

Mit fällt keiner ein – zumindest keiner der oben genannten –, der nicht in ein Unternehmen passt.

Welche Herausforderungen kommen 2021 auf uns zu?

Ökonomisch gesehen eine neue Post-Corona-Normalität zu finden und die Lehren aus dieser Phase in das künftige Denken und Tun zu integrieren. In der Welt des Nachhaltigen Investments im Speziellen bringt 2021 und die folgenden Jahre einen Schwung an neuen regulatorischen Elementen (Disclosure-Verordnung), die noch viele Fragezeichen und Irrweg-Risiken in sich bergen. Das wird für alle in der Szene enorm herausfordernd.

Wie begegnest du ihnen?

Indem wir unsere Tools und Dienstleistungen gezielt und sinnvoll erweitern und gleichzeitig gegen ein Streamlining und eine Trivialisierung von Nachhaltigkeit ankämpfen.

Was ist dein Credo für dein Leben? 

Wird scho´ geh´n.

Reinhard Friesenbichler, Gründer

rfu, Wien

Anzahl der Mitarbeiter*innen: 10

www.rfu.at

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