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Zertifizierungssysteme im Tourismus

Ein Überblick für Österreich von Herbert Hamele.

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Herbert Hamele. Foto: Tamae Meixner Herbert Hamele. Foto: Tamae Meixner

Die vielfältigen Nachhaltigkeits-bestrebungen einzelner Betriebe und Destinationen haben durch die im September 2015 beschlossenen Sustainable Development Goals der UN einen politischen Rahmen erhalten. Der Abschnitt 12 b. bezieht sich dabei direkt auf den Tourismus. Hier lautet das Unterziel „Instrumente zur Beobachtung der Auswirkungen eines nachhaltigen Tourismus, der Arbeitsplätze schafft und die lokale Kultur und lokale Produkte fördert, auf die nachhaltige Entwicklung entwickeln und anwenden“.

Die Europäische Union hat parallel dazu ein wichtiges Instrument zur Verfügung gestellt: ETIS, das Europäische Tourismusindikatorensystem für nachhaltiges Destinationsmanagement. Die ETIS Indikatoren folgen der Struktur der Globalen Kriterien für Nachhaltigen Tourismus, herausgegeben vom Global Sustainable Tourism Council, und sind in die Bereiche Management (A), Sozio-ökonomische Aspekte (B), Kulturelle Aspekte (C) und Umweltaspekte (D) unterteilt. Der ETIS Kernindikator „Nachhaltiges Tourismusmanagement in Tourismusunternehmen“ bezieht sich direkt auf CSR und freiwillige Zertifizierungen. Er fordert die Angabe des „Anteil (in %) der Tourismusunternehmen/-einrichtungen in der Destination mit einer freiwilligen Zertifizierung/Kennzeichnung von Umwelt-/Qualitäts-/Nachhaltigkeitsmaßnahmen und/oder SVU-Maßnahmen.“ Eine Destination, die sich nachhaltig nennt, sollte also einen hohen  Anteil an Hotels, Restaurants und anderer Tourismusbetriebe z.B. mit einem Umwelt- oder Nachhaltigkeitszertifikat vorweisen. Damit die Nachhaltigkeitsstärken von Betrieben und Destinationen zu einem Wettbewerbsvorteil werden und als solche aktiv genutzt werden können, ist die glaubwürdige Darstellung einer entsprechend hohen Umwelt- und Sozialverträglichkeit durch unabhängige Zertifikate unerlässlich.

150 Labels & Zertifikate

Seit den ersten Zertifikaten vor 30 Jahren ist die Zahl von Labels und Zertifikaten auf mittlerweile über 150 gestiegen (eigene Erhebungen des Autors). Vom deutschsprachigen Raum haben sich die freiwilligen Instrumente über Europa mittlerweile in alle Reiseländer weltweit verbreitet. Einen globalen Überblick dazu bietet die unabhängige Plattform DestiNet.eu.

Ursprünglich für Hotels und Strände entwickelt gibt es heute Umwelt- und Nachhaltigkeitszertifizierungen für alle Arten von Tourismusbetrieben und Destinationen. Die Zertifizierungssysteme werden sowohl auf lokaler, regionaler, nationaler als auch internationaler Ebene angewendet.Neben der ursprünglichen Ausrichtung auf Umweltziele umfassen heute immer mehr Standards auch soziale, kulturelle und ökonomische Ziele.

Die meisten Zertifizierungssysteme werden von öffentlichen und zivilen Organisationen in Kooperation getragen. Daneben gibt es rein öffentliche bzw. rein private Labels und Zertifizierungen. Für die Entwicklung und Markeinführung der Zertifizierungssysteme werden häufig öffentliche Mittel und Förderungen genutzt, wobei die meisten Zertifizierungssysteme nach dieser geförderten Phase aufgrund geringer Marktdurchdringung in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Nur wenige Systeme tragen sich finanziell durch die Einnahmen selbst.

Marktanteil & Wirkung

Weltweit sind etwa 30.000 bis 40.000 Tourismusbetriebe und Destinationen mit einem Umwelt- oder Nachhaltigkeitszertifikat ausgezeichnet, davon rund die Hälfte in Europa. Der Marktanteil von zertifizierten „grünen“ Tourismusbetrieben beträgt nach den Berechnungen des Autors somit weniger als 1%. Auch sind die Labels, für die sich Tourismusbetriebe oder Destinationen in einem Land bewerben können, bei ihren Zielgruppen nach kaum oder gar nicht bekannt. Im Schnitt liegt der Bekanntheitsgrad bei unter 10%.

Die positive Wirkung freiwilliger Zertifizierungen über die gesetzlichen Vorschriften hinaus kann mit folgender Formel erfasst werden: Umweltbelastung der zertifizierten Betriebe (z.B. CO2-Emissionen, Wasserverbrauch oder Restmüllmenge pro Gast und Übernachtung) mal Anzahl der Jahre. Je länger ein Zertifikat auf dem Markt ist und je mehr Betriebe die Kriterien für die Zertifizierung erfüllen, desto höher ist die Wirkung des Zertifizierungssystems. Setzt man dann die CO2-Emissionen der zertifizierten Hotels in Österreich (z.B. 10 kg/Übernachtung) in Bezug zu den durchschnittlichen Emissionswerten in der Österreichischen Hotellerie (z.B. 20 kg/Übernachtung), hat man einen guten Indikator für die positive Umweltwirkung des jeweiligen Zertifikates. Und: mehrere zertifizierte Hotels legen bereits ihre CO2-Emissionswerte offen und kompensieren diese mit z.B. 50 Cent pro Übernachtung. Glaubwürdigkeit und Transparenz tragen zum positiven Image bei den Gästen und zur Erhöhung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit bei.

Freiwillige Zertifizierungssysteme zeigen die Machbarkeit bestimmter Maßnahmen bei gleichzeitiger Erhaltung oder gar Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Zertifizierte Betriebe sind häufig Gewinner von Wettbewerben und sogenannte Best Practice Beispiele, sie liefern Daten für Monitoring und stellen eine gute Grundlage dar für die Formulierung und  Akzeptanz von allgemeinverbindlichen Gesetzesvorlagen.

Kritik & Glaubwürdigkeit

Diese durchaus willkommene Entwicklung wird aber auch zunehmend kritisch gesehen: Welche dieser Zertifikate sind wirklich gut? Wie können sie unterschieden werden?

Im Mohonk Agreement (USA) wurden 2000 erstmals Anforderungen an glaubwürdige Zertifikate erarbeitet, gefolgt von der europäischen VISIT Initiative 2001 bis 2004. Auf globaler Ebene wurde im Rahmen des sogenannten Marrakesch Prozesses das Konzept für einen „Sustainable Tourism Stewardship Council“ entwickelt.

2008 wurde dazu der Mindeststandard „Global Sustainable Tourism Criteria“ für Hotels und Reiseunternehmen entwickelt und als Trägerorganisation der „Sustainable Tourism Stewardship Council“ gegründet, der 2010 in „Global Sustainable Tourism Council“ (GSTC) umbenannt wurde und in den USA als NGO eingetragen ist. Auf Basis der GSTC-Richtlinien für die Prüfung von Standards für Nachhaltigen Tourismus wurden mittlerweile 33 Standards anerkannt. Die Anerkennung von Zertifizierungsorganisationen hat GSTC Ende 2016 an die internationale Prüforganisation Accreditation Services International (ASI) übertragen.

Die Anerkennung von Standards und Zertifikaten durch den GSTC gibt dem Markt eine wichtige Orientierung. Doch Reiseveranstalter und Reisebüros, Tourismusbetriebe und Destinationen, Marketingorganisationen und Fachleute brauchen zur Entscheidung oft noch weitere und detailliertere Informationen bezüglich Transparenz, Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit.

Wir haben für Sie im beiligenden pdf auf Seite 30-31einen Überblick über die relevantesten Labels für den österreichischen Markt zusammengestellt. Auf die Darstellung reiner Umweltmanagementsysteme wie EMAS, ISO 14001 oder Ökoprofit wurde dabei verzichtet, da diese von den Betrieben keine Umweltstärken zur Teilnahme verlangen. Gleichwohl helfen diese vielen Betrieben, sich überhaupt mit ihren Umweltbelastungen zu beschäftigen und diese Schritt für Schritt abzubauen.

Weitere Informationen & Links

European Tourism Information System (ETIS)

Global Sustainable Tourism Council (GSTC)

ECOTRANS – DestiNet Services

Herbert Hamele, ist Vorsitzender von ECOTRANS e.V.– DestiNet Services.

Der gemeinnützige Verein ECOTRANS wurde 1992 als Netzwerk von Experten und Organisationen für nachhaltigen Tourismus in Europa gegründet, In Zusammenarbeit mit der Europäischen Umweltagentur und in Partnerschaft mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der UN Welttourismusorganisation wurde 2004 das "DestiNet - Knowledge networking portal for sustainable & responsible tourism" entwickelt und 2015 als „Partnerschaft für die Nachhaltigkeitsziele 2030“ registriert. Heute gewährleistet DestiNet freien Zugang zu allen Umwelt-und Nachhaltigkeitszertifizierungen für Tourismus und zur Weltkarte der zertifizierten Betriebe und Destinationen. www.ecotrans.org, http://destinet.eu

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