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Blackout – Eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Ende November fand ein nationaler Workshop zur Vorbereitung auf einen europaweiten Stromausfall im Innenministerium statt.

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Ausgangspunkt für diese ungewöhnliche Vorgangsweise war die Herausforderung „Plötzlich Blackout!“ - Was tun, wenn nichts mehr geht?

Beim Workshop setzten sich rund 200 Teilnehmer aus über 100 Organisationen mit den möglichen Auswirkungen einer europäischen Großstörung („Blackout“) und den daraus zu ziehenden Konsequenzen auseinander. Dabei ging es um die Bewältigung eines solchen Szenarios, während des Stromausfalls und besonders nach der Wiederherstellung der Stromversorgung bis zur weitgehenden Wiederkehr der Normalität. Darauf aufbauend wurden Ableitungen für erforderliche Vorbereitungsmaßnahmen entwickelt. Die Teilnehmer kamen aus der Wirtschaft, aus Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, aus Ministerien, von zivilgesellschaftlichen Initiativen, von Infrastrukturbetreibern, aus der Forschung aber auch von Medien.

Durch die heterogene Zusammensetzung konnte ein umfangreiches Bild erstellt und darüber hinaus ein Anstoß für weitere Auseinandersetzungen auf vielen Ebenen gesetzt. Das Fazit der Teilnehmer: „Ich glaube, wir haben die Dimension eines lange dauernden Blackouts alle noch nicht erfasst und sind nicht wirklich darauf vorbereitet! Wir haben noch viel zu tun. Mit diesem Workshop wurden wesentliche Erkenntnisse vermittelt, dass dringend präventiv zu handeln ist.“

Selbsthilfe- und Selbstorganisationsfähigkeiten
Neben einer nationalen Vernetzung und Sensibilisierung war auch der Anstoß zur Mobilisierung der Selbsthilfe- und Selbstorganisationsfähigkeiten ein wesentliches Ziel. Ein solches Szenario ist mit den bisherigen (Top-Down) Lösungsansätzen alleine nicht zu bewältigen. Insbesondere ist die breite Einbindung der Bevölkerung und möglichst vieler Organisationen unverzichtbar. Nicht von ungefähr thematisierten die meisten der erarbeiteten Initiativen die Stabilisierung auf lokaler und regionaler Ebene, was für die Bewältigung ganz entscheidend ist. Ein Blackout führt in sehr kurzer Zeit zum Kollaps fast der gesamten Strategischen Infrastruktur und damit der Basis unseres Zusammenlebens. Es kommt zu einem „Multiorganversagen“. Die Gesellschaft zerfällt durch den Ausfall der technischen Kommunikationsmöglichkeiten temporär in Kleinststrukturen. Daher erfolgt eine Stabilisierung vorwiegend Bottom-up.

Nur wenn der persönliche, familiäre Bereich vorbereitet und handlungsfähig ist und bleibt, bleiben Ressourcen für die organisatorische/unternehmerische Ebene bzw. für das Gemeinwesen. Daher sind bei der Vorbereitung immer alle drei Ebenen miteinander zu betrachten. So wie in der Realität auch alle drei miteinander eng vernetzt sind.

Resilienz Netzwerk Österreich
Die organisationsübergreifenden Initiativen werden in den nächsten Monaten durch das im Aufbau befindliche Resilienz Netzwerk Österreich begleitet, das sich zum Ziel gesetzt hat, Österreich fit für mögliche turbulente Zeiten zu machen. Das sehr hohe Interesse am Workshop hat gezeigt, dass es eine hohe Bereitschaft gibt, sich diesen Herausforderungen zu befassen.

Warum soll sich die Gesellschaft mit dem Thema „Blackout“ auseinandersetzen? Gibt es überhaupt einen Handlungsbedarf?

Herbert Saurugg, Initiator von "Plötzlich Blackout!": "Die europäische Stromversorgung ist doch die verlässlichste der Welt! Grundsätzlich stimmt das. Aber das wäre nur ein Blick in den Rückspiegel. Die Energiewirtschaft hat bisher weitgehend unbeachtet einen hervorragenden Job gemacht. In den letzten 10-15 Jahren haben sich jedoch zahlreiche Rahmenbedingungen geändert, die es zunehmend schwieriger machen, das europäische Verbundsystem sicher zu betreiben. Es ist sicher der Höchstleistung der Netzbetreiber zu verdanken, dass noch nichts Schlimmeres passiert ist. Leider reagieren technische Systeme ähnlich wie Menschen. Ein System, das immer häufiger an der Belastungsgrenze betrieben wird, wird anfälliger gegenüber kleineren Störungen."

Ein Blick über den Tellerrand sei daher mehr als notwendig: Das europäische Stromversorgungssystem wurde für einfach steuer- und berechenbare Großkraftwerke errichtet und bisher sehr erfolgreich betrieben. Damit dieses reibungslos funktioniert, ist ein hoher Synchronisationsgrad zwischen Erzeugung und Verbrauch erforderlich. Diese Synchronisation wird durch die steigende Anzahl von dezentralen Produktionsanlagen aus volatilen Energieträgern immer schwieriger. Nicht per se durch den Einsatz von erneuerbaren Energieträgern, sondern durch ihren unsystemischen Einsatz. Etwa indem Großanlagen weit ab der Verbraucherzentren errichtet wurden (z. B. Off-Shore Windparks). Oder, indem die meisten Photovoltaikanlagen durch die Einspeistarifförderung betriebswirtschaftlich optimal ausgerichtet wurden, anstatt einen möglichst hohen Eigenverbrauch zu fördern.

Darüber hinaus gab es eine Reihe weiterer Systemeingriffe, wie etwa die Aufsplittung der Versorgungsketten ("unbundling"), der steigende Stromverbrauch, das 50,2-Hertz-Problem oder zunehmend fehlende kurzfristig abrufbare Regel- (Gas)kraftwerke. Bisher konnten derart unsystemische Eingriffe durch die Größe des europäischen Verbundsystems noch recht gut kompensiert werden. Dies wird aber zunehmend schwieriger, was sich etwa in der steigenden Anzahl von kritischen Netzeingriffen widerspiegelt. Saurugg: "Allein in Deutschland ist es in den vergangenen zwei Jahren mehrfach zu kritischen Netzsituationen gekommen, wo kleine Störungen schnell weitreichende Dominoeffekte auslösen hätten können. Auch aus anderen Ländern sind ähnlich kritische Situationen bekannt".

Systemgefährdung durch Dominoeffekte
Es ist nicht davon auszugehen, dass ein Einzelereignis ein europäisches Blackout auslösen kann, sondern dass mehrere kleine, an und für sich beherrschbare Ereignisse kumulieren zum Dominoeffekt führen. Eine solche Verkettung war etwa die Ursache für die Mega-Blackouts im Sommer 2012 in Indien oder 2011 in den USA, aber auch 2006 in Europa. Um all diese Entwicklungen besser in den Griff zu bekommen, wird sehr viel Hoffnung in smarte Technologien gesetzt, in Form von intelligenten Stromzählern und Stromnetzen. Mit dem massiven Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und der Generierung von großen Datenmengen („Big Data“) soll das Stromnetz der Zukunft „unter Kontrolle“ gebracht werden. Gleichzeitig soll der überregionale Netzausbau vorangetrieben werden. Diese zusätzliche Vernetzung führt zu einer weiteren Komplexitätssteigerung mit bisher wenig beachteten Nebenwirkungen.

Kleine Ursachen, große Wirkung
Komplexe Systeme verhalten sich nicht wie Maschinen. Sie weisen eine Reihe von Eigenschaften auf, die wir von unseren bisherigen technischen Lösungen kaum kennen: Es entstehen nicht-lineare Systeme, es kommt zu langen Ursachen-Wirkungsketten bzw. zu indirekten und irreversiblen Wirkungen. Kleine Ursachen führen zu großen Wirkungen oder es kommt zu exponentiellen Veränderungen. Aspekte, die wir aus anderen Bereichen wie etwa dem Umweltschutz bereits kennen.

Im Zusammenhang mit technischen Lösungen betreten wir aber weitgehend Neuland, da die technische Vernetzung erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt massiv zugenommen hat. Was zeitverzögerte Wirkungen bedeuten, vor allem im Sicherheitsbereich, konnte in den vergangenen Jahren in der IKT-Welt mitverfolgt werden. Aber auch der rasante Ausbau der dezentralen Stromerzeugung zeigt erst zeitverzögert seine Wirkung für das Gesamtsystem. Die Stromversorgung stellt in unserer modernen Gesellschaft die Schlüsselinfrastruktur dar, ohne die so gut wie überhaupt nichts mehr funktioniert. Ohne Stromversorgung fallen weitgehend alle anderen kritischenstrategischen Infrastrukturen parallel oder zeitnah aus. Damit bricht innerhalb kürzester Zeit die gesamte Basis unseres Gemeinwohls zusammen.

Gleichzeitig ist diese Schlüsselinfrastruktur ein Unikat. Es gibt nur ein europäisches Stromversorgungssystem, das weitgehend nur im Ganzen funktioniert. Daher können sich Fehler und Störungen fast ungehindert über das gesamte System ausbreiten, wie sich etwa beim Blackout 2006 gezeigt hat. Damals konnte die Stromversorgung in relativ kurzer Zeit, in rund zwei Stunden, wieder hergestellt werden. Unter den heutigen Rahmenbedingungen rechnet allerdings kaum jemand mehr mit einer derart kurzen Ausfallszeit.

Kommunikation als Schlüsselfaktor
Die Netzbetreiber werden auch weiterhin ihr Bestes geben, um ein solches Szenario zu verhindern. Saurugg: "Es wäre jedoch unverantwortlich, wenn sich die Gesellschaft nicht dennoch ob der möglichen Konsequenzen eines solchen Worst-Case-Szenarios damit auseinandersetzt". Einen ganz zentralen Punkt stellt die Kommunikation dar. Es sollten klar definierte Abläufe und Kommunikationsmaßnahmen für den Ernstfall festgelegt werden, um möglichst rasch die gewohnten Abläufe zu unterbrechen und Schäden minimieren zu können, indem in einen „gesellschaftlichen Notbetrieb“ übergegangen wird. Dies könnte etwa mit der frühzeitigen Auslösung eines Zivilschutzalarms erreicht werden, womit auch rechtliche Rahmenbedingungen für den Ausnahmezustand außer Kraft bzw. in Kraft gesetzt werden könnten.

Weitere Informationen
Herbert Saurugg, Initiator von "Plötzlich Blackout!"www.ploetzlichblackout.at
 

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