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Der Emissionshandel: Too little, too late und trotzdem eine Erfolgsgeschichte

Klaus Reisinger von ClimatePartner Austria über den Emissionshandel als wirksames Mittel für mehr Klimaschutz.

Schematische Darstellung der Weltkarte in hellem Türkis auf elfenbeinfarbenem Hintergrund, darüber zieht sich ein Netz aus Bögen und Punkten derselben Farbe. Über den drei größten Kontinenten sind
Bild: KI-generierte Illustration/Microsoft Copilot

Der Emissionshandel gewinnt weltweit an Bedeutung – nicht zuletzt, weil es für den Klimawandel keine Rolle spielt, wo Treibhausgasemissionen reduziert oder gebunden werden. Die bisherigen Entwicklungen – sowohl in der EU als auch global – zeigen jedoch: Damit der Emissionshandel seine volle Wirkung entfalten kann, braucht es politischen Gestaltungswillen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der bestehenden Instrumente.

Beinahe unzerstörbare CO2-Mengen

CO2 und Temperatur hängen zusammen; mehr CO2 in der Atmosphäre bedeutet höhere Temperaturen, dies wurde theoretisch (und mittlerweile auch empirisch) zweifelsfrei nachgewiesen. Die durchschnittliche Verweildauer von CO2 in der Atmosphäre ist inzwischen auf mehr als 200 Jahre angestiegen, es ist also innerhalb einer menschlichen Lebensdauer „unzerstörbar“ geworden.

„Wo CO2 entsteht oder reduziert wird ist völlig irrelevant. Es geht lediglich darum, nicht mehr CO2 zu emittieren, als zur selben Zeit wieder gebunden wird.“

Daher gewinnt der Emissionshandel an Bedeutung, da es eben für den Klimawandel keine Rolle spielt, wo Treibhausgasemissionen emittiert oder gebunden werden. Bereits bei der inzwischen legendären Klimaschutzkonferenz in Kyoto 1997, wurde erkannt, dass der Ort der Entstehung und der Ort der Reduktion von CO2 völlig irrelevant sind, es geht lediglich darum, nicht mehr CO2 zu emittieren, als zur selben Zeit wieder gebunden wird.

Keine Chance auf weltweite Anpassung bei einem Temperaturanstieg um 4 Grad

Die Dringlichkeit der Klimakrise ist uns nicht vollständig bewusst, sonst würden wir anders handeln. Bereits gegenwärtig wird der Klimawandel zur Klimakrise, und das, obwohl die gegenwärtige Temperaturerhöhung um 1,5°C nur der Beginn der künftigen Erderhitzung darstellt. Die Prognosen der Klimawissenschaftler gehen von einem Temperaturanstieg bis 2100 von mehr als 3°C aus, auch 4° sind nicht ausgeschlossen.

Es gibt keine Gewissheit, dass für uns Menschen eine Anpassung an eine 4°C-Welt überhaupt möglich ist, oder anders formuliert: Eine 4°C-Zukunft „ist unvereinbar mit einer organisierten globalen Gemeinschaft“. Dies muss immer wieder wiederholt werden, denn nur, wenn uns das Problem der Klimakrise so richtig bewusstwird, sind wir im Stande, die vor uns liegenden drastischen Schritte nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung zu sehen.

20 Jahre Emissionshandel: „too late“ und nach wie vor „too little“?

Auch in der EU ist der Markt bereits mehr als 20 Jahre alt, denn die EU-Emissionshandelsrichtlinie trat bereits 2005 in Kraft. „Too little, too late“: So könnte man den EU-Emissionshandel kritisch beurteilen.

„Too little“, weil der große Wurf an Einsparungsvorgaben ausgeblieben ist. Immer wieder wurde scharfe Ziele formuliert, aus denen dann abgeschwächte Verbindlichkeiten resultierten.

„Too late“, weil aus Sicht vieler Klimaschützer Europa bei der Dekarbonisierung bereits weiter fortgeschritten sein sollte. Die Tatsache, dass der europäische Wohlstand immer noch auf fossiler Energie beruht, zeigt, dass der große Wurf ausgeblieben ist.

Weltweite Entwicklung von Emissionshandelssystemen

Andererseits muss betont werden, dass die EU-Emissionshandels-Richtlinie mehrmals verschärft wurde und nach wie vor den weltweit größten CO2-Markt darstellt. Europa ist es nicht vorzuwerfen, dass andere Länder der Welt noch zögerlicher bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzziele sind.

Aber auch außerhalb der EU kommt langsam Bewegung in den Markt. CO2-Bepreisung und Emissionshandelssysteme existieren inzwischen weltweit und die entsprechenden Instrumente entwickeln sich stetig weiter. Weltweit sind mittlerweile 75 verschiedene CO2-Bepreisungsinstrumente in Kraft, darunter auch CO2-Steuern, was die zunehmende Anerkennung dieser Mechanismen als zentrale Werkzeuge zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens widerspiegelt.

Portraitfoto von Klaus Reisinger.
Klaus Reisinger beschreibt sich selbst als "Klimaschützer mit Leib und Seele". Foto: Klaus Reisinger

ZUM AUTOR

Klaus Reisinger ist geschäftsführender Gesellschafter der ClimatePartner Austria. Er beschreibt sich als „Klimaschützer mit Leib und Seele“ und gründete das Unternehmen 2007. Er ist ein Scientist4Future. Seine Vision ist es, vollständig ohne fossile Energieträger auszukommen.

Seit vielen Jahren hält er an der Hochschule Burgenland die Vorlesung „Klimaschutz/Klimawandel/Klimakrise“. 2018 wurde er in den Vorstand der IG Lebenszyklus Bau aufgenommen und seit 2026 ist er auch im Vorstand von UN Global Compact aktiv.

Der freiwillige Markt entstand ungeplant - und hatte trotzdem Sinn

Ein Bestandteil des internationalen Emissionshandels ist der freiwillige Markt. Zu Beginn dieses Jahrtausends ist dieser Teil des Klimaschutzmarktes mehr oder weniger von selbst entstanden, es gab kaum Vorschriften und dieses Vakuum wurde von einigen „schwarzen Schafen“ auch missbraucht.

„Vielen Klimaschutz-Projekten wurde erst wegen des freiwilligen Markts überhaupt erst eine Finanzierung ermöglicht.“ - Klaus Reisinger

Nicht alle Klimaschutzprojekte, welche zu Beginn am Markt angeboten wurden, hätten die heutigen strengen Standards erfüllt. Aber durch sein Bestehen hat der freiwillige Markt in seiner Anfangsphase vielen Klimaschutz-Projekten die Finanzierung überhaupt erst ermöglicht.

Positiv ist auch anzumerken, dass der Markt auch nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls weiter Bestand hatte. Inzwischen muss festgestellt werden, dass heute die wesentlichsten Regelwerke vorhanden sind. Dadurch ist auch im freiwilligen Markt, der von selbst und ohne Regelwerk entstanden ist, erstmals Rechtssicherheit geschaffen worden.

„Schwarze Schafe“ mit Normen einfangen

Durch die große Sichtbarkeit, insbesondere durch gelabelte Produkte, ist weiters davon auszugehen, dass das Bewusstsein für Klimaschutz wesentlich geringer wäre, hätte es den Markt nicht gegeben. Es bleibt zu hoffen, dass durch die fortschreitende Arbeit im Bereich der Normierung „schwarzen Schafen“ endgültig das Handwerk zu gelegt wird.

Dadurch soll der freiwillige Markt wieder jenen Stellenwert erhalten, welcher ihm zusteht: Er soll ein Markt für alle jene sein, die Klimaschutz machen wollen, ohne dass sie dazu verpflichtet sind. Viele Unternehmen sind gerne bereit in einen solchen Markt zu investieren. Die Voraussetzung dafür ist eine unangreifbare, rechtssichere Kommunikation dieser gutgemeinten Investitionen!

Die Fragen von heute sind in 50 Jahren beantwortet

Zum Schluss noch ein Ausblick auf die weitere Marktentwicklung: Gegenwärtig ist das Paradoxon festzustellen, dass einerseits die Klimakrise immer augenscheinlicher wird und andererseits genau diese Klimakrise bei den politischen Entscheidungen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielte. Daher steht auch der Emissionshandel auf einem Scheideweg, die Diskussion über einen weltweiten Markt mit einheitlichen Spielregeln läuft seit Jahren, ohne zu einem finalen Ergebnis zu kommen.

„Der Emissionshandel ist sicherlich nicht die einzige Lösung der Klimakrise, aber er bietet sich als ein Teil der Lösung an.“ - Klaus Reisinger

In 50 Jahren wird die Klimakrise viele der heute noch ungeklärten Fragen längst beantwortet haben: Wie heiß ist es dann wirklich? Welche Auswirkungen hat diese Temperaturerhöhung auf Biosphäre, Regenwälder, Küstenstädte und vor allem auf uns Menschen? Sind dann die Kipppunkte bereits gekippt? Oder positiv betrachtet: Haben die Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Energiewende bereits vollständig vollzogen? Nutzt man im Jahr 2075 überhaupt noch fossile Quellen? Gibt es zu dieser Zeit ausreichende Senken, die es schaffen, das CO2 aus der Atmosphäre wieder rauszuholen? Und welche Rolle spielt dabei der Emissionshandel?

Diese Fragen sollten derzeit die wichtigsten unserer Zeit sein, schließlich geht es um nicht weniger als um das Überleben der Zivilisation so wie wir sie gegenwärtig kennen. Der Emissionshandel ist sicherlich nicht die einzige Lösung der Klimakrise, aber er bietet sich als ein Teil der Lösung an. Wir haben zwar keine Zeit mehr zu verlieren, aber einen Planeten zu gewinnen.

Buchcover: Reisinger | Roszkowski (Hrsg.)
EMISSIONSHANDEL
Verpflichtende und freiwillige Märkte
Funktionsweisen | Hintergründe | Ziele | Ausblick
Linde international

ZUM BUCH

Der Emissionshandel gewinnt weltweit an Bedeutung, da es für den Klimawandel unerheblich ist, wo Treibhausgasemissionen reduziert oder gebunden werden. Das Buch fasst Geschichte und Wirkungsweise des Emissionshandels zusammen. Es ist ein Nachschlagewerk, in dem zentrale Begriffe wie EU-ETS, CBAM, UNFCCC, CSRD verständlich erläutert werden und eine aktuelle Lektüre zum Klimawandel und möglichen Instrumenten, die ihn verhindern sollen.

Klaus Reisinger, Adela Roszkowski: Emissionshandel. Linde Verlag, 2026.