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Rudi Anschober, Oö Landesrat

Mit seiner Aktion „Ausbildung statt Abschiebung“ hat Rudi Anschober die Absurdität unseres Umgangs mit Flüchtlingen sichtbar gemacht: gut integrierte und dringend benötigte Lehrlinge werden abgeschoben, obwohl die Unternehmen keinen Ersatz finden.

LR Rudi Anschober
LR Rudi Anschober Foto: Andreas Balon

Dafür wurde Anschober vom Magazin BUSINESSART als Nachhaltiger Gestalter 2019 ausgezeichnet.

BUSINESSART: Ein Engagement für Asylwerber und Integration ist in Zeiten wie diesen nicht gerade populär, schon gar nicht als Politiker, wenn man wieder gewählt werden will. Wieso haben Sie das gemacht?

Rudi Anschober: Ich habe die Agenden Asyl und Integration 2015 gegen meinen Willen in der oberösterreichischen Landesregierung übernommen und mich dann natürlich für gute Wege engagiert. Man weiß, dass Ausbildung und Arbeit die besten Integrationsmaßnahmen sind, weil sie selbstsicher machen, man gewinnt Freunde, die Sprache verbessert sich fast automatisch und auch Unternehmen und Gesellschaft haben etwas davon. 2012 hat Rudi Hundsdorfer die Ausbildung von Lehrlingen in Mangelberufen ins Leben gerufen, was ab 2015 immer stärker genützt wurde. Problem ist, dass zwar der Zugang zur Lehre ermöglicht, der asylrechtliche Schutz jedoch nie verwirklicht wurde.

Ende 2017 wurde dann ein Kochlehrling direkt aus der Küche geholt und abgeschoben. Dabei hatte die Restaurantchefin zuvor bereits jahrelang Lehrlinge gesucht und keine gefunden. Der ist dann der Kragen geplatzt und sie ist an die Öffentlichkeit gegangen. Erst dadurch habe ich davon erfahren, weil ich ja keine behördliche Zuständigkeit habe. Dabei habe ich herausgefunden, dass mehr als 1.000 Lehrlinge betroffen sind.

Dann gründeten Sie die Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“.

Ich bin dabei von vielen Unternehmen bestärkt worden und wir suchen selbstverständlich nach einer rechtskonformen Lösung. Den Durchbruch schafften wir im Sommer 2018 mit Hermann Maier. Er war selbst Lehrling und weiß, wie entscheidend eine Ausbildung für die Lebensperspektive ist. Mittlerweile unterstützen uns viele weitere Prominente wie Toni Innauer und mehr als 2.000 Unternehmen, darunter Konzerne wie Spar und Rewe. Und auch viele Leute aus anderen Parteien.

Im September 2018 haben Sie einen Rückschlag erlebt.

Die Bundesregierung hat entschieden, dass die Abschiebungen fortgesetzt werden und den Zugang zum Arbeitsmarkt geschlossen. Derzeit liegt eine Vorlage für den asylrechtlichen Schutz während einer Ausbildung beim Innenminister. Ich hoffe, dass es rasch eine Entscheidung gibt.

Die Abschiebungen sind derzeit ausgesetzt?

Leider nicht. Vor drei Wochen fand eine Abschiebung statt. Man holt jene ab, die eine Adresse haben. Die Untergetauchten erwischt man nicht, aber die, die den geraden Weg gegangen sind. Im September 2019 hatten wir 881 junge Menschen die als Lehrlinge arbeiten könnten. Und unsere Wirtschaft braucht Fachkräfte. Der Wirtschaftslandesrat hat festgestellt, dass 2030 allein in Oberösterreich 120.000 Fachkräfte fehlen werden wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern. Mit dem Asyl während der Ausbildung eröffnen wir allen Seiten Chancen, die Sinn machen. Das ist eine Allianz für Wirtschaft und Menschlichkeit.

Wie sieht Ihr Modell konkret aus?

Wir präferieren eine Lösung ähnlich wie dem 3 + 2 Modell in Deutschland. Das bedeutet Sicherheit für Dauer der Ausbildung und für die darauffolgenden beiden Jahre im Betrieb. Die Asylwerber können dann noch einmal für weitere zwei Jahre ansuchen.

Sie haben auch viele sehr positive Erfahrungen gemacht.

Es gibt Gemeinden und Unternehmen, die sich wirklich extrem engagieren. Vor allem dort, wo die Zivilgesellschaft eingebunden ist und wo Betriebe von Schließungen bedroht sind, weil sie keine Mitarbeiter*innen finden. Vor allem die Handwerksbetriebe wie Dachdecker, Spengler etc tun sich extrem schwer, jemand zu finden. Die Jungs und Mädls aus Afghanistan haben interessanterweise gerade zu diesen Betrieben einen guten Zugang. Zuhause konnten sie aufgrund der Taliban keine Schule besuchen und haben aber von Jugend an handwerkliche Tätigkeiten ausgeführt. Daher fühlen sie sich in den handwerklichen Berufen zuhause. Sie sind extrem engagiert und übernehmen Verantwortung. Viele schließen die Berufsschule sogar mit Auszeichnung ab, auch in Deutsch! Das natürlich auch, weil Unternehmer am Wochenende mit ihnen Deutsch lernen und sich die Berufsschullehrer überdurchschnittlich engagieren.

Wer sich für Flüchtlinge einsetzt muss damit rechnen als „Feind“ behandelt zu werden. Wie gehen Sie mit den Aggressionen um, die Ihnen begegnen? Wie hält man das aus?

Es sind relativ wenige, die aggressiv sind, die sind dafür umso lauter. Das kann man nur zur Kenntnis nehmen. Wichtig ist, einen geraden Weg zu gehen und ein breites Bündnis für Integration aufzubauen. Das gelingt vor allem durch die dezentrale Unterbringung. In Oö sind in 80 % der Gemeinden Asylwerber*innen einquartiert, in kleinen Gruppen. Dadurch kann man sie persönlich kennenlernen, die Kinder kennenlernen, man ist vielleicht Fan vom selben Fußballverein, teilt dieselben Ängste und Wünsche. Dort, wo man sich kennenlernt gehen die Ängste weg.

Was müssen wir tun, damit nicht wieder so eine Extremsituation wie 2015 entsteht?

Als Staatengemeinschaft haben wir zwei Handlungsnotwendigkeiten: Erstens die Bekämpfung der Fluchtursachen. Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht aus Jux und Tollerei. Aktuell haben wir eine Situation wo sich wieder etwas anbahnen könnte: Die USA geben ihren Schutz in Nord-Syrien auf und Erdogan beginnt damit die Kurden zu vertreiben. Schaut man dem zu – dann wird provoziert, dass zehntausende Menschen auf der Flucht sein müssen. Es gibt viele Ort, an denen finanzielle Unterstützung, Lebensmittel, gut betreute Flüchtlingscamps in Kombination mit einer starken EU, die effizient und offensiv arbeitet, Fluchtbewegungen vorbeugen würde. Österreich ist hier mit seinem Engagement leider am unteren Ende – eine Schande für eines der wohlhabendsten Länder der Welt.

Zweitens müssen wir uns gut vorbereiten: Wir haben in Oö ein Kontingent von Grundversorgungsbetten freigehalten damit wir nicht wieder überrumpelt werden. Ich glaube, dass sich aufgrund der Klimakrise Fluchtbewegungen leider in immer kürzeren Abständen ereignen werden.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Gesellschaft in Österreich?

Das zivilgesellschaftliche Engagement erhöht sich, verbunden mit der Motivation einen Beitrag zu leisten und aktiv zu werden. Jugendliche und Erwachsene gehen gemeinsam auf die Friday for Future-Demo. Da bricht schon was auf. Das ist eine absolute Chance, dass wir Menschen wieder politischer werden und uns aktiv einmischen. Das braucht es – das ist die Voraussetzung für eine positive Entwickelung der Gesellschaft.

Was muss die Politik tun?

Die Politik soll die Zivilgesellschaft unterstützen, kompetenter zu werden. Mit Regionalkonferenzen, Expertentools, Workshops, kostenlosen Fachausbildungen, usw. Die Politik muss Kraft geben und ermutigen, damit das Engagement nicht nur drei Wochen dauert. Und es braucht die Sicherheit, dass das Engagement auch politisch gewünscht und bedankt wird. Wir haben zum Beispiel einen Landesintegrationspreis ins Leben gerufen wo beispielhaftes Engagement vor den Vorhang geholt wird.

Was ist Ihre persönliche Motivation, diesen Weg zu gehen?

Ich habe sehr viele tolle Menschen kennengerlernt und von vielen Menschen viel gelernt. Wenn ich selbst am Verzweifeln war, sind mir Menschen begegnet, die ein wesentlich desaströseres Leben hatten und sich trotzdem reinschmeißen. Das motiviert. Man entdeckt, was in einem steckt und weckt das Gefühl, dass man das auch schaffen kann. Besonders beeindruckt bin ich von der Gastfreundschaft armer Menschen. Sie haben fast nichts und teilen trotzdem. Und das Zusammenrücken ermutigt mich immer. Man findet immer ein gemeinsames Thema, unabhängig davon, wo man geboren ist.

War es ihr Traumjob, Politiker zu werden?

Politiker zu werden war nicht mein Traumjob, ist es aber mittlerweile schon. Ursprünglich bin ich wegen des AKW Temelin in die Politik gegangen, weil ich mir gedacht habe, da wird zu wenig gemacht. So bin ich bei den Grünen hineingeschlittert. Heute sind die Herausforderungen noch größer: Klimaschutz und Integration. Es ist eine großartige Sache, wenn man dafür arbeiten darf.

Was ist Ihre Vision von einer guten Zukunft?

Wieder stärker von der Fixiertheit auf materielle Werte wegzukommen und das gute Leben in anderen Bereichen wieder zu finden. Die jungen Menschen sind wieder stärker dahin unterwegs. Sie nehmen sich mehr Zeit fürs Kennenlernen. Sie wissen, dass man Glück nicht kaufen kann, dass Glück mit Kontakten, mit Freundschaften zu tun hat und damit, den eigenen Weg im Leben zu entdecken. Und dass es kein schwarz-weiß sondern Grautöne gibt.

Was braucht es, damit diese Vision 2050 Realität geworden ist?

Wir brauchen unbedingt Änderungen im Bildungssystem: viel mehr Selbstständigkeit und Differenzierung. Die Vielfalt ist die große Chance für uns. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, nicht die eine Zukunft, wir müssen vom anderen lernen. Es braucht viel anderes in der Politik: mehr Nähe zwischen Regierenden und der Bevölkerung. Die Wege zum Glück müssen die Politiker*innen auch vorleben, zumindest zum Teil. Das ist sicher bei einer 100-Stunden Woche schwieriger, als wenn man mehr Luft zum Durchatmen hat. Ich glaube, dass in Zukunft Menschen mit einer starken eigenen Persönlichkeit, die der Wirklichkeit mehr entsprechen, wichtiger und auch gewählt werden.

Was sagen Sie zu Friday for future?

Es ist eine Zeitenwende und weckt große Hoffnungen, weil von den 12-jährigen bis zu den Großeltern alle dabei sind. Der Beginn einer Veränderung ist das Schwierigste. Sobald sie in Bewegung ist, wird sie attraktiv. Das ist wie ein Domino-Effekt. Wir wissen noch nicht, wohin sich alles entwickeln wird. Aber wir wissen, es ist spürbar und notwendig. Der Reformbedarf in unserer Gesellschaft ist da.

Was ist der Satz Ihres Lebens?

Es gibt eigentlich keinen. Ein Motto vielleicht: Tu es.

Über Rudi Anschober

Volksschullehrer, seit 1986 in Politik: 1990 bis 1997 im Nationalrat, 1997 bis 2003 Landtagsabgeordneter in Oö, 2003 bis 2015 Landesrat für Umwelt, Energie, Wasser und Konsument*innenschutz, seit 2015 Landesrat für Integration, Umwelt, Klima und Konsument*innenschutz. www.anschober.at

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