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Thomas & Hermann Neuburger

"Die unternehmerische Strategie, als klassischer fleischverarbeitender Betrieb auch voll in eine vegetarische Alternative zu investieren, ist wohl einzigartig." (Zitat Nominierung).

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Unser übermäßiger Fleischkonsum  vernichtet Ressourcen, zerstört die Umwelt und ist ungesund. Die Familie Neuburger hat eine vegetarische Alternative aus Pilzen, genannt HERMANN entwickelt, die in Österreich in Bioqualität produziert wird.

Wieso haben Sie sich für eine vegetarische Alternative interessiert?

Hermann: Durch unsere langjährige Arbeit mit unserem Neuburger sehen wir, wie sich die Fleischproduktion und der Fleischverzehr verändert haben. Früher hat man zwei Mal pro Woche Fleisch gegessen, heute täglich. Um diese Menge zu erreichen wurde die Tierhaltung entsprechend intensiviert und damit ist die Fleischproduktion einer der größten Emittenten von CO2. Das macht mir am meisten Sorge. Aber auch auf die Gesundheit der Menschen wirkt sich der hohe Fleischkonsum negativ aus. Dafür wollten wir eine Lösung finden.

In Europa haben Sie kein Wissen über Fleischalternativen gefunden?

Hermann: Genau, daher sind wir nach Asien gereist und haben drei Rohstoffe gefunden: Weizengluten (Seitan), Soja und Pilze. Dann haben wir ein Team aus fünf Leuten gebildet, darunter Ernährungswissenschaftler und einen Koch und haben fünf Jahre lang geforscht.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Da hätten viele andere Unternehmen bereits aufgegeben.

Hermann: Ich bin ein Zweckoptimist. Ich suche mir ein Ziel aus und gehe darauf los. Dabei frage ich mich nicht, ob das gelingt oder nicht.

Moderne  Managementsysteme empfehlen, eine Idee sehr rasch auf den Prüfstand zu stellen und bei langwieriger Entwicklung gleich wieder ad acta zu legen.

Hermann: Damit hätten wir ganz bestimmt keinen Erfolg gehabt. Wir glauben, dass ein anderer Weg eher zum Ziel führt. Wir haben uns nie ein zeitliches Ziel gesetzt – das macht keinen Sinn, wenn man hohe Berge ersteige will, denn da ist ein langer Atem notwendig. Wir haben auch Glück, dass diese Entwicklung vom Fleischprodukt mitgetragen wird, denn aktuell rechnet sich HERMANN noch nicht.

Wie kam es zu dieser weitreichenden Familien- und Zukunftsentscheidung?

Hermann: Es ist schon klar, dass das eine weitreichendende Entscheidung war, genauso war aber auch klar, dass die Fleischbranche in eine schwierige Zukunft geht.

Welches Ziel hatten Sie zu Beginn Ihrer Aktivitäten und wie hat es sich in der Zwischenzeit verändert?

Hermann: Das Ziel hat sich nicht geändert. Wir versuchen auch nicht, die Zahl der Vegetarier zu erhöhen. Wir wollen stattdessen die Fleischesser ansprechen und damit bis zu 70 Prozent der Bevölkerung erreichen, die weniger Fleisch essen wollen .Die Gründe sind sehr unterschiedlich und reichen von der Gesundheit bis zur Umweltbelastung.

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Was waren die größten Hindernisse am Weg?

Thomas: Das Wissen für diese Produkte war in Europa nicht vorhanden. Daher haben wir uns auf die Reise begeben. Das war eine richtige Suche ins Blaue. Es war vollkommen offen: Finden wir etwas? Finden wir gar nichts?

Hermann: Als Unternehmer hat man mit der Unsicherheit kein großes Problem. Denn es ist spannend, Neuland zu  entdecken, wo man unbedingt noch etwas machen möchte.

Waren Sie da nicht manchmal erschöpft?

Hermann: Das muss man eine Pause machen. Ja, es gab auch bei uns Phasen der Erschöpfung. Dann habe ich mit eine Auszeit genommen und wollte von dem Projekt ein Monat lang nichts hören. Aber spätestens nach zwei bis drei  Jahren haben wir Lichtblicke gesehen und daraus die Energie gezogen. Der Konsum hat sich zufällig in diesen Jahren auch in die vegetarische Richtung bewegt. Das war für uns ein richtiger Willkommensgruß.

Was waren die wichtigsten Argumente um Handel und KundInnen zu überzeugen?

Hermann: Den Handel mussten wir überzeugen, dass mit unserem Produkt ein Geschäft zu machen ist. Das war nicht so leicht, weil der Handel vor allem die Eigenmarken forciert und eine neue Marke nicht so leicht zu etablieren ist. Aber wir konnten ihn überzeugen, dass es eine zukunftsträchtige Sache ist.

Bei Kunden geht es darum, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Sie zu fragen, wie wir mit der Zukunft um gehen, zu überlegen, wie man lebt und welche  Folgen das hat.

Wo stehen sie das jetzt? Wie hoch ist der Marktanteil?

Hermann: Wir haben noch nicht viele Zahlen. Wir schätzen, dass wir derzeit ca. einem Prozent Marktanteil bei den  Fleischersatzprodukten liegen.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Thomas: Unser Schwerpunkt liegt auf der Marktdurchdringung in Österreich und Deutschland. Langfristig sehen wir uns im D-A-CH-Markt. Dafür müssen wir unsere Kapazitäten in Pilzzucht und Fertigung ausweiten.

Wo und wie produzieren Sie Ihre Kräuterseitlinge?

Thomas: Die Kräuterseitlinge wachsen  auf heimischen Holzpellets aus Buche und Fichte. Sie werden zunächst in einem Mischer mit Wasser und Stroh gekocht, dann mit dem Pilzsubstrat geimpft, vermengt und in geschlossenen Plastikbeuteln aufgestellt. In der vierwöchigen Reifephase – dazu simulieren wir den Sommer mit 22 Grad Lufttemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit – wird das Substrat bevölkert. Danach öffnen wir den Beutel, reduzieren die Temperatur auf 15 Grad und erhöhen die Luftfeuchtigkeit auf 95 Prozent. Dann sprießen die Schwammerl und wachsen ca. 1 cm pro Tag. Danach werden sie innerhalb von ein bis zwei Wochen abgeerntet.

Die verbrauchten Holzpellets können dann als Heizmaterial verwendet werden. Dafür haben wir  einen Partner, der 200 m weiter tätig ist, gefunden. Wir haben mit unseren Pilzen die Wertschöpfungskette einfach um einen Baustein verlängert.

Wie lange halten die Schwammerl?

Thomas: Pilze sind nach der Ernte wie Frischfleisch zu behandeln. Wir ernten und verarbeiten sie innerhalb einiger Tage, natürlich in einer strengen Kühlkette.

Sie verwenden ja keinerlei Zusatzstoffe. Wie erreichen Sie dann den guten Geschmack?

Hermann: Das steht und fällt mit dem Rohstoff. Die Kräuterseitlinge haben ein umami-reiches (schmackhaftes) Aroma und eine festfasrige Struktur.

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Thomas: Wir sind ein klimaneutrales Unternehmen. Nun wollen wir auch energieneutral werden – da befinden wir uns in der Entwicklungsphase.

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Was bedeutet Erfolg für Sie?

Hermann: Erfolg bedeutet für mich, eine Vision umzusetzen. Wenn sie einen Nutzen über den eigenen wirtschaftlichen Erfolg hinaus bringt, ist es perfekt. Geld zu verdienen kann nicht in der ersten Reihe stehen.

Thomas: Erfolg ist für mich, wenn wir auch vom Markt gespiegelt bekommen, dass die Menschen unseren Weg teilen und wir gemeinsam etwas bewegen können.

Welche Sustainable Development Goals (SDGs) sind für Ihren Bereich besonders wichtig? Wo tragen Sie ganz besonders bei?

Für uns sind sechs Ziele besonders relevant:

SDG 2: 2 kein Hunger. Wir machen ein Vertical Farming in Reinkultur. Unsere Pilzschalen stehen in einem dreigeschoßigen Bau, wir ernten 25 Mal im Jahr. Aus einem Quadratmeter Wiese erden so 425 Quadratmeter Nutzfläche.

SDG 3 Gesundheit & Wohlergehen: Zu hoher Fleischkonsum beeinträchtig die Gesundheit von Herz, Kreislauf und Nieren.

SDG 6 Sauberes Wasser. Für die Produktion ein einem Kilogramm Pilz brauchen wir 16 Liter Wasser, für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch braucht es 15.000 Liter Wasser.

SDG 12 Nachhaltiger Produkt: Wir verbrauchen keine zusätzliche Ressourcen sondern ziehen in die Wertschöpfungskette vom Holz zum Brennmaterial einfach einen zusätzlichen  Schritt ein.

SDG 13 Klimaschutz: Die Produktion von Fleisch ist einer der größten Emittenten. Für ein Kilogramm werden 15 kg CO2 emittiert, für ein Kilogramm Pilze 0,7 Kilogramm CO2.

SDG 15 Tierhaltung: Pilze sind ein Schritt gegen die Massentierhaltung.

Eckdaten zum Unternehmen:

Firmenname: Neuburger Fleischlos Gmbh

gegründet: 2012             

Branche: Nahrungs- und Genussmittelgewerbe

MitarbeiterInnen: 25

Website: https://hermann.bio

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